Die Schatten der Hauptstraßen

Von Judith Schifferle, November 2014

Schirmähnliche Bäume säumen die Straßen, geräuschlos schaukeln ihre Kronen im Wind. Staub wirbelt auf, während einige Blätter zu Boden fallen. Es ist kalt, aber die Sonne scheint – unser Mathematiklehrer berichtet an einem Samstagmorgen an der Rudolf Steiner-Schule in Solothurn von seiner Reise nach Ostsibirien.

Judith Schifferle. Foto: © Viktor Kolibàl

Ob er Lichtbilder zeigte, weiß ich nicht mehr. Aber es blieben einige Szenen seiner Schilderung wie Bilder in mir haften. Von seiner Erzählung, so lang wie die Zugfahrt von Moskau an den Baikalsee, ist mir nur ein vermeintlich nichtssagendes Bild geblieben – das der Bäume und Straßen.

Noch heute denke ich an Straßen mit Bäumen. Durch Staub und große Sommerhitze in osteuropäischen Städten erkenne ich sofort ein zittriges Blattwerk, das mir Schatten spendet. 2006 kam ich als Robert Bosch-Lektorin in die Kleinstadt Uzhgorod am Fuß der Karpaten. An vielen Tagen bin ich nach dem Unterrichten die Straßen auf- und abgegangen – nachdenklich, verwundert, verzweifelt oder enttäuscht, aber auch von Begeisterung ergriffen, wenn Ende April über zweitausend japanische Kirschbäume an den Hauptstraßen erblühten.

Ich kam im September, als die schönste Zeit vorbei war. Die staubigen Straßen wurden zu Dreckwassergräben, die Bäume froren im schweren Nebel der Vorkarpatengegend. Ich blieb, bis die Blüten neu austrieben, und kehrte auch Jahre später immer wieder zurück. 2011 begann ich als Kulturreiseleiterin Kleingruppen ins »verschwundene Galizien« und in die Bukowina zu führen. Seither bin ich von den großen Straßen abgekommen.

Die stummen Bäume aber blieben meine Wegweiser; vom Stamm habe ich mich immer mehr in die Verästelung begeben, in die weit in der Zeit zurückgebliebenen Dörfer, in die Welt des Dahinters, zu den Biografien verschollener Dichter und Künstler. Letztes Jahr führte ich eine kleine Gruppe durch die größten Buchenwälder Europas, wo es Baumkronen zu bestaunen gibt, die schwer sind und stöhnen im Wind wie vierhundert Jahre alte Greise. Nach 26 Grenzübertritten war es der erste Sommer, in dem ich nicht in die Ukraine reiste. Erinnerungen tauchen jetzt an jeder Straße auf, sogar Bilder meiner Kindheit, die ich nie dort verbracht habe. Nur die Antwort auf eine Frage blieb aus: Warum bin ich in die Ukraine gekommen …? Das Land war nie bekannt für Bildungsreisen. An bildungsbürgerlichen Reiseberichten seit dem 18. Jahrhundert fehlt es aber nicht. Sie erzählen mit Angstlust, sehnsüchtiger Neugier, Lust auf die Rauheit der Natur und Freiheit, aber auch mit alltäglichen Ressentiments: Hacquets »Selbstbiographie«, Balzacs »Russie-Express«, Franzos’ Kulturbilder »Halbasiens«. Aber auch die Dichter und Dichterinnen der Zwischenkriegszeit, Rose Ausländer, Paul Celan, sind immer an den Pruth zurückgekehrt, wenn auch nur in ihrer Wortheimat.

Das grüne Grenzland im Osten ist ein Land der Hoffnung – nicht nur für Europa. Nirgends ist die Erde dunkler. Die weitläufigen Friedhöfe zeigen: Das Leben überwuchert den Tod. Die Angst vor dem eigenen Sterben schwindet, wo man unentwegt nach sich selbst sucht. Das Leben der einzelnen Menschen – des ganzen Volkes – ist nicht linear nacherzählbar – bis heute. Siebenmal die Nationalität zu wechseln, ohne je das Haus verlassen zu haben, sagt etwas über die historischen Grenzverschiebungen, aber nichts über die Umsiedlungen ganzer Volksgruppen, wo 1887 der Mittelpunkt Europas gesetzt wurde. Es gibt kein besseres Land, um Schriftstellerin zu werden, schreibt Oksana Sabuschko: Die Geschichten im Grenzland sind grenzenlos. Es ist der große transitorische Raum, den Josef Roth so sehr liebte und brauchte. Wo jedes Schicksal ein Gesicht hat. Wo Reisen nicht Urlaub bedeutet, sondern Entbehrung – und Er-fahrung. Wo die Züge kein Transportmittel, sondern eine Welt für sich sind. An den Geschichten führen auch keine Nebenstraßen vorbei. Oberhalb von Winzhniza, am Fuß der Waldkarpaten, durchzieht eine lange Kerbe den Waldboden: Hier war die Frontlinie im Ersten Weltkrieg zwischen Österreich-Ungarn und dem Russischen Reich. Im Wald von Bronnizja, unweit von Drohobycz, wurden 1943 an einem Tag 11.000 Juden erschossen. Heute ist dort ein Grillplatz.

Es geht weniger ums Verstehen von Geschichte als um eine Erklärung des Nichtbegreiflichen – auch wenn ich Gäste mitführe. Nur: Wie viel ist dem Menschen zumutbar? Das eigene Gepäck muss umgeladen werden, was meist einfach gelingt, denn wo man sich selbst fremd ist, wird einem der andere vertraut. »… was den Wert des Reisens ausmacht, ist die Angst, zerstört es doch eine Art Staffage in uns. Es ist nicht mehr möglich zu mogeln, sich hinter Büro- oder Fabrikstunden zu verschanzen […]. Die Reise nimmt uns die Zuflucht. Fern von unseren Angehörigen, fern von unserer Sprache, all unserer Stützpunkte verlustig, unserer Masken beraubt […], befinden wir uns völlig an der Oberfläche unserer selbst. Aber da wir das Gefühl haben, unsere Seele sei krank, gewinnt in unseren Augen jeder Mensch und jedes Ding wieder seinen Wert als Wunder«, schrieb Albert Camus.

Das Land, in dem einst Menschen und Bücher lebten, wird zu einem langen Weg der Selbstfindung. Das musste auch Balzac erfahren, als er 1847 für seine ukrainische Geliebte die schreckliche Reise von Paris nach Berditschev auf sich nahm. Die Unerbittlichkeit der Zollübergänge hat ihn viel Gepäck, physische und mentale Kraft gekostet. Um nicht »ordinär zu wirken« oder von sich selbst reden zu müssen, berichtete er auf seinen Reisen nie von sich. Seine Sechstagereise von Paris nach Berdytschev, durch Polen und Galizien an die russische Grenze, hat ihm aber ein Ich aufs Papier befördert, das sich hinter keiner Eitelkeit mehr verstecken konnte.

Jetzt war ich mit sechs Gästen in Ungarn. Um so wenig wie möglich (von mir) selbst reden zu müssen, hatte ich den ungarischen Dichter und Übersetzer László Márton gebeten, uns aus dem schönsten seiner Romane vorzulesen: »Die schattige Hauptstraße ist nicht etwa schattig, weil sie von Schatten spendenden Bäumen gesäumt wird, sondern weil sich ihr zu beiden Seiten Schatten zeigen, Schatten menschlicher Wesen …«

Zur Autorin: Dr. Judith Schifferle studierte Deutsche Philologie, Kunstgeschichte und Kulturanthropologie in Basel und Wien. 2011 promovierte sie zu dem deutschjüdischen Dichter Moses Rosenkranz. Seither Kulturreiseleiterin bei Wisent Reisen in Zürich und Mitwirkende am Philosophicum Basel.

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