Die zwölf Weltanschauungen. Grundzüge ganzheitlichen Denkens

Von Mario Betti, Januar 2016

Es gibt eine Möglichkeit, die Welt umfassender zu verstehen, als unsere Herkunft, Bildung oder Neigung dies zunächst ermöglichen: zwölf Perspektiven, die sich zu einem Ganzen zusammenfügen. In den nächsten Heften soll eine Einführung in sie gegeben werden.

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Es gibt zwölf mögliche Wege, die Welt zu verstehen. Sie sind von großer Bedeutung für unser Leben, vor allem, für die Verständigung der Menschen untereinander. Insofern sind sie gleichzeitig gegenwartsbezogen und zukunftsorientiert. Denn die Wurzel der meisten Probleme im zwischenmenschlichen Bereich ist die Schwierigkeit, den Mitmenschen richtig zu verstehen. Das betrifft Gespräche und Beratungen im Familienkreis oder Auseinandersetzungen in der Partnerschaft, unter Freunden, im Beruf oder auf politischer Ebene. Bei letzterer spielt allerdings die Tatsache der Parteizugehörigkeit in voller Einseitigkeit die Hauptrolle. Da will man den politischen Gegner nicht verstehen, sondern ihn bestenfalls in seiner Unwissenheit und Inkompetenz bloßstellen. Aber auch religiöse, ästhetische, wissenschaft­liche oder pädagogische Grundanschauungen tragen dazu bei, das Gespräch in unfruchtbare Diskussionen ausarten zu lassen. Denn es ist zuerst eine Frage des guten Willens, ob ich bereit bin, den Andersdenkenden zu verstehen und ihn als solchen nicht nur zu tolerieren, sondern auch anzuerkennen. Andererseits gibt es auch Orte, wo regelmäßige Beratungen stattfinden, wo sich ebenfalls konträre Auffassungen begegnen, die in der Regel bereits vom guten Willen getragen sind, einen Konsens zu finden. Es zeigt sich aber auch dort, dass guter Wille allein nicht zu der erwünschten Lösung führt.

Das ist beispielsweise der Fall an Waldorfschulen in ihren Konferenzen und in der Zusammenarbeit mit den Eltern oder auch an Hochschulen und anderen Ausbildungsstätten, die sich einem ebenfalls kollegialen, also progressiven Führungsstil verpflichtet fühlen. Auch dort gibt es immer wieder schwer zu lösende Konfliktsituationen, die ebenfalls darauf beruhen – wenn auch nicht ausschließlich –, dass man dem Gesprächspartner in seiner Sichtweise nicht folgen kann oder nur in eingeschränktem Maße.

Vorsicht vorm inneren Chefideologen

Was kann man also tun, um sich in dem Durcheinander unterschiedlicher Sichtweisen nicht nur zurechtzufinden, sondern darin etwas pfingstlichen Geist gegenseitiger Verständigung walten zu lassen? Denn erst diese Gesinnung kann beispielsweise einen wahren Dialog der Religionen fördern und jedwedem Fundamentalismus das Wasser abgraben. Die Antwort ist leicht und schwer zugleich. Sie ist leicht, weil man sich selber sagen kann: Lerne Menschen, Dinge und die Rätsel dieser Welt von mehreren Seiten anzuschauen, denn deine eigene Sichtweise ist nur eine von vielen. Sie bedarf der Ergänzung durch andere Menschen. Und schwer ist die Antwort auf diese Frage, weil sie das Bestreben in den Beteiligten voraussetzt, sich auf den Weg zum Anderen zu begeben, um einen wirklichen Konsens zu finden. Denn es gilt, einen mächtigen Feind zu überwinden: Den Kaiser oder den Chefideologen in der eigenen Seele, der immer alles besser weiß. Entweder weil man es bisher immer so gemacht hat, oder weil man selber über die meiste Erfahrung verfügt und schließlich, weil irgendeine Autorität es für alle Zeiten so bestimmt hat. Selbstverständlich soll keiner dieser drei Faktoren unberücksichtigt bleiben, denn es sollen eben alle Aspekte eines Problems angeschaut werden. Aber auf der Suche nach einer wahren Lösung oder nach der Wahrheit einer bestimmten wissenschaftlichen oder sonstigen Frage hilft nur die Erweiterung der eigenen Perspektive. Hier kann die Wissenschaft der zwölf Weltanschauungen eine unersetzliche Hilfe leisten. Denn sie beinhaltet die Beteiligung des ganzen Menschen als denkenden, fühlenden und wollenden Wahrheitssuchers und hat dadurch, schon von Anfang an, den Anspruch auf eine Erfassung des Ganzen einer bestimmten Frage.

Ein Berg – von allen Seiten aus zu besteigen

Die zwölf Weltanschauungen, wie sie von Rudolf Steiner skizziert wurden, beanspruchen jeweils eine andere Ebene des erkennenden Menschen. Zwar sind sie als Anlage in jedem von uns vorhanden, bedürfen aber der Erweckung und der ständigen Übung, um sozial relevant zu werden. In der Seele sind sie freilich nicht voneinander gesondert, sondern greifen ständig ineinander über, denn die Seele ist eine Einheit. Jede Weltanschauung hat jedoch einen spezifischen Akzent. So wurzeln beispielsweise Phänomenalismus, Sensualismus und Materialismus in unserer Sinnesorganisation.

Mathematismus, Rationalismus und Idealismus sind primär Ergebnisse reiner Denkbetätigung. Wir haben dann den Psychismus, der mit den Tiefen unserer Seele zu tun hat, den Pneumatismus, der uns unter anderem die Tiefen der Weltseele erschließen kann, und den Spiritualismus, der in das Geistgefüge von Mensch und Welt verstehend und erlebend eingreift. Diese drei sind mehr einer spirituell-vertieften, gefühlsmäßigen Erfassung der Wirklichkeit zugänglich. Und schließlich haben wir in Monadismus, Dynamismus und Realismus weitere Möglichkeiten, tiefer in das einzutauchen, was die Welt im Innersten zusammenhält, wie Goethe sagen würde. Sie appellieren an unsere Willenstiefen.

All diese Weltanschauungen sind selbstverständlich so individuell wie die Menschen, die sie vertreten. Dadurch erhalten sie auch eine jeweils andere Note. Die Qualität einer Anschauung ist ferner von der Erkenntnisbereitschaft der betreffenden Person abhängig sowie von ihrem kulturellen Hintergrund. Dennoch sind die zwölf einem Berg vergleichbar, den jeder, von welcher Seite auch immer, besteigen kann.

Ein spiraliger Weg führt hier immer höher. Auf jeder Stufe erweitert sich der Blick und immer schönere und fernere Ausblicke zeigen sich dem unermüdlich Wandernden, der stets anderen Wanderern begegnet, um gemeinsam weiterzugehen. Dadurch kommt man auch der Sonne klarer Erkenntnis und Menschenliebe immer näher.

Das Ziel ist hier nicht, den Gipfel zu erreichen – denn: Wer vermöchte es? Aber wir sind auf dem Weg mit Anderen – und das ist das Wesentliche.

Zum Autor: Mario Betti war Waldorflehrer, danach Dozent an der Alanus-Hochschule in Alfter und am Stuttgarter Lehrerseminar. Er ist Autor einiger Bücher, so u.a. Zwölf Wege, die Welt zu verstehen, Verlag Freies Geistesleben; zuletzt erschienen Leben im Geiste der Anthroposophie – Eine Autobiografie, Verlag des Ita-Wegman-Instituts, Arlesheim 2015

Literatur: R. Steiner: Der menschliche und der kosmische Gedanke, GA 151

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