Francis Edmunds. Ein Waldorf-Pionier in der englischsprachigen Welt

Von Nana Goebel, April 2019

Francis Edmunds (1902 – 1989) wuchs in Litauen in einer russisch-jüdischen Familie auf und verbrachte seine Jugend- und Studienzeit in England, Russland, im Libanon und in der Schweiz. Aus dem Osten Europas brachte er die gefühlstiefe Aufmerksamkeit für andere Menschen mit, aus all den anderen Stationen eine unglaubliche Weltläufigkeit und Interessensweite.

Francis Edmunds übte einen bleibenden Einfluss auf die Waldorfschulgründungen aus und impulsierte die internationale Zusammenarbeit.

Nach Abschluss seiner Arbeit als Lehrer an der Internationalen Schule in Genf absolvierte er eine kurze Ausbildung zum Waldorflehrer in Dornach. Schon 1932 übernahm er eine erste Klasse an der New School in London und begann eine 30-jährige Laufbahn als Klassen- und Oberstufenlehrer. »Wie ein Feuerball erschien er in unserer Schule!«, schrieb seine spätere Frau Elisabeth. Ab 1936 baute er im Rahmen dieser Schule im Londoner Stadtteil Streatham die erste Waldorflehrerausbildung in England auf. Diese wurde nach den Kriegsjahren an der Michael Hall School in Forest Row fortgesetzt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg übersiedelte die New School unter ihrem neuen Namen als Michael Hall School nach Forest Row. Seine mit den führenden Waldorfkollegen in Großbritannien geteilten Impulse für eine Erneuerung der Pädagogik, zur Schaffung eines Ortes für gesunde menschliche Entwicklung und eine Lösung der Erziehung aus dem Korsett der bildungsbürgerlichen Konventionen prägten die Michael Hall School genauso wie die anderen vor dem Krieg begründeten Schulen in Großbritannien. Ein Erneuerungsimpuls ging von ihm aus; dort unterrichtete er bis 1960.

Edmunds beschränkte sich nie auf Großbritannien, sondern beteiligte sich selbstverständlich an allen internationalen Aufgaben. Als im August 1948 wichtige Beratungen und internationale Besprechungen der in den Waldorfschulen tätigen Lehrer in Dornach stattfanden, nahm Edmunds als Vertreter Großbritanniens teil. Von 1950 an traf er sich mit den Vertretern der deutschen und niederländischen Schulbewegung zu regelmäßigen Konferenzen in Den Haag, die den Keim für eine überregionale Zusammenarbeit legten. Um den während einer bedeutenden Stuttgarter Tagung zur Jahreswende 1952/53 erlebbaren Impuls zur verstärkten Zusammenarbeit und zur Vertiefung der Arbeit auf westlichen Boden zu tragen und die künftige Entwicklung vorzube­reiten, wollte Edmunds für die Osterzeit 1953 etwa zwanzig führende Kollegen aus Europa und den USA an die Michael Hall School einladen. »It could be an occasion for experiencing the world position of our education anew with reference to the West, which now must increasingly play a part in all European and world affairs.«

Von Forest Row aus reiste Edmunds in die ganze englischsprachige Welt, besonders intensiv aber in die USA und nach Kanada, nach Australien und Südafrika. In Amerika wurde die um Edmunds herrschende Stimmung und seine Intention besonders gut verstanden, wodurch er eine starke und bleibende Wirkung auf all die Waldorfschulgründungen dieser Zeit und auf viele Menschen ausübte.

Für die britische Rudolf-Steiner-Schulbewegung entwickelte er bedeutenden Einfluss durch die 1953 auf seine Anregung und sein Betreiben hin gegründete Steiner Schools Fellowship, deren Vorsitz er während vieler Jahre übernahm, und durch das 1962 von ihm gegründete Emerson College mit einem grundlegenden Anthroposophie-Studium und der britischen Waldorflehrer-Ausbildung. Lange schwankte Edmunds, ob er das College in Amerika oder in England gründen sollte. Amerika schien ihm offener für spirituell Suchende, denen er einen Weg aufzeigen wollte, England und die ihm vertrauten Menschen pragmatischer und billiger. Michael Wilson lud ihn ein, im heilpädagogischen Heim Sunfield Homes in Clent (West Midlands) zu beginnen. Nach dem unscheinbaren Anfang der ersten zwei Jahre mit zwölf Pionierstudenten wuchs Emerson College relativ rasch. Auf Einladung der Michael Hall School zog Emerson College zum Studienjahr 1964/65 in ein zweites Provisorium, Kriegsbaracken der Michael Hall School in Forest Row am Rande des Schulgeländes.

»Transformation, not only information« war ein Motto, mit dem Edmunds die Lehrerbildung zu einem zweijährigen Kurs ausbaute. Von Anfang an ging es Edmunds um die inneren Bedürfnisse und die innere Entwicklung des Menschen, darum, dass die Studenten in sich ein Motiv für ihre Arbeit und ihre Aufgaben finden, dass über Freiheit nicht nur geredet, sondern praktiziert wird, und nicht um Berufsausbildung im üblichen Sinne. Schließlich konnte 1967 ein Grundstück mit einem großen Landhaus und einem benachbarten landwirtschaftlichen Betrieb bei Forest Row erworben werden. Zu dieser Zeit studierten 50 Studenten im Grundstudienjahr und 25 nahmen an der Lehrerausbildung teil. Als Höhepunkte seines Schaffens galten seine Inszenierungen von Dramen William Shakespeares.

Die Ausstrahlung von Emerson College wuchs und ab Ende der 1970er Jahre versammelten sich dort jährlich über 200 Studenten aus mehr als 30 Ländern. Edmunds und seine Frau Elizabeth Edmunds prägten anthroposophische Jugendgenerationen der gesamten englischsprachigen Welt. Niemand konnte unbeeindruckt bleiben.

Edmunds war ein Mensch, der in der Begegnung unmittelbar das Beste im anderen Menschen hervorlockte und verstärkte.

Literatur: N. Göbel: Die Waldorfschule und ihre Menschen. Weltweit. Geschichte und Geschichten | 1919 bis 2019 (3 Bände), Stuttgart 2019 | M. Spence: The story of Emerson College, 2013; G. Locher: Louis Francis Edmunds. In: Joy Mansfield: A Good School, 2014

Kommentare

BIEKARCK PETER, São Paulo, 07.04.19 19:04

Gut das man in der ERZIEHUNGSKUNST über einer der bedeutesten Nahmen in der Waldorfschulbewegung etwas schreibt.
Für unsere Waldorfschulbewegung in Brasilien war Mr.Edmunds ausschlaggebend. Seine über 10 regelmässige Reisen waren immer von einer grossen Anzahl von jungen Brasilianer und Brasilianerin besucht, die nicht nur wegen der vertrauteren Englischensprache sondern vielmehr von der Herzigen Tiefe mit der er an sie antrat, zu ihm angezogen.
Auch seine vielen Reisen nach Indien und ihre Auswirkungen im Osten sollten in nicht ausser acht gelassen werden.
Ich hatte das Glück die Anthroposophie und die Waldorf Pädagogik durch ihm und seine grossartigen Kollegen, im Emerson College, erfahren zu dürfen. War auch der Organisator aller seiner Reisen nach Brasilien und Übersetzer aller seiner hervorragenden Vorträge.

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