Henry Barnes – ein Waldorfaristokrat

Von Nana Göbel, Juni 2019

1940 kam Henry Barnes (1912–2008) als Klassenlehrer an die Rudolf Steiner School in New York. Und mit Ausnahme von drei Jahren bei der Armee blieb er bis 1977 Lehrer an dieser Schule. Ähnlich wie Ernst Weißert in Deutschland oder Francis Edmunds in Großbritannien prägte er über Jahrzehnte die Waldorfpädagogik in den USA, insbesondere an der Ostküste.

Schon von 1926 an bewirtschafteten einige Bio-Landwirte die Threefold Farm in Spring Valley im Upper State New York, wo sich – wie in New York – langfristig eine größere anthroposophisch orientierte Gemeinschaft niederließ. Im Juli 1933 fand dort eine von Ralph Courtney (1885–1965) vorbereitete Konferenz statt, an der der junge Henry Barnes – kurz vor seinem 21. Geburtstag – als einer von rund vierzig Menschen teilnahm. Miriam Stockton, die Mutter seines besten Freundes Peter Stockton, hatte ihn eingeladen. Vielleicht auch, weil er noch sehr vom Tod seines besten Freundes mitgenommen war, der sich im Jahr davor erschossen hatte. Der Organisator Ralph Courtney war von Rudolf Steiner gebeten worden, sich für die Ausbreitung der Anthroposophie in den USA einzusetzen; Charlotte Parker finanzierte den Kauf des Anwesens in Spring Valley und unterstützte auch die Tagung im Juli 1933, indem sie die Reisen von Maria Röschl, Ernst Lehrs und Ehrenfried Pfeiffer bezahlte, die die Vorträge auf dieser ersten anthroposophischen Tagung in den USA hielten – in einem großen offenen Zelt vor einem kleinen Wäldchen. Henry Barnes, innerlich noch mit dem Tod seines Freundes beschäftigt und mit der Frage ringend, ob ihre gemeinsame Erziehung an der von John Dewey inspirierten Lincoln Schule in New York etwas mit den Selbstmordgedanken zu tun habe, fand nun in den Darstellungen von Maria Röschl und Ernst Lehrs über die Waldorfschule so anregende Hinweise, dass in ihm der Gedanke reifte, nach Stuttgart zu reisen und die Waldorfschule selbst kennenzulernen. Er blieb ein Jahr in Stuttgart und studierte als erster amerikanischer Student am dortigen Waldorflehrerseminar. Anschließend reiste er nach Dornach in die Schweiz und arbeitete ein halbes Jahr lang an der heilpädagogischen Einrichtung Sonnenhof in Arlesheim. Für ihn bedeuteten beide Erfahrungen wesentliche Vorbereitungen für seine künftige Tätigkeit in den USA. Bevor er allerdings dorthin zurückkehrte, verbrachte er vier lehrreiche Jahre als Klassenlehrer an der New School in London, die nach dem II. Weltkrieg aus der Evakuation nicht mehr nach London zurückkehrte und zur Michael Hall Schule in Forest Row wurde.

Die New York Steiner School war bereits 1928 gegründet worden und hatte sich bis zur Rückkehr von Henry Barnes bereits zu einer stabilen kleinen Schule entwickelt. Die Kollegen kamen zu einem Teil aus den reformpädagogischen Bewegungen in den USA, zum Teil aus Europa, wo sie vor der Nazi-Herrschaft in Waldorfschulen unterrichtet hatten. Einer der europäischen Kollegen war William Harrer, der als Sprecher des New Yorker Kollegiums mit den Partnern in Stuttgart Kontakt hielt und mit Erich Schwebsch zusammen dafür sorgte, dass Henry Barnes und Elizabeth Chambers im Frühjahr 1948 an der internationalen Waldorftagung in Stuttgart teilnehmen konnten. Henry Barnes kam deshalb 1948 an seinen Studienort zurück und hielt von da an eine intensive Korrespondenz mit den Kollegen in Stuttgart und an anderen europäischen Waldorfschulen.

In New York reichten die vorhandenen Räume für eine Oberstufe nicht aus, weshalb die Schule nach einem zusätzlichen Quartier suchte. Eine Freundin der Schule, Beatrice Straight-Cookson, erklärte sich bereit, Geld zur Verfügung zu stellen, womit aber noch kein Haus gefunden war. Im Frühling 1955 gelangte plötzlich ein Schulgebäude an der 78. Straße auf den Markt, nur einen Block entfernt vom bisherigen Standort. Eines Tages stürmte die Sekretärin, Katherine Reeve, in seinen Unterricht und rief Henry Barnes ans Telefon. »Yes, we’ll go for it!«, antwortete er auf die Frage, ob die Waldorfschule das Schulhaus kaufen wolle. Bis heute werden diese beiden Häuser von der Schule genutzt.

1969 feierte die amerikanische Schulbewegung in Detroit ihr 40-jähriges Bestehen. Henry Barnes nahm im Herbst des Jahres 1969 an der großen Tagung der deutschen Schulbewegung zum 50-jährigen Jubiläum teil und schilderte danach in einem Brief, welche Fragestellungen er selbst für die entscheidenden dieser Jahre hielt: »Es sind eben die Fragen der Willenserziehung, der moralischen und religiösen Entwicklung des jungen Menschen heute angesichts der bedroh­lichen Weltlage. Solche Fragen gingen dann unmittelbar über auf Fragen der Bildung einer entschlossenen kollegialen Zusammenarbeit in jeder Schule, die weit hinausgeht über das, was wir sonst gewohnt sind und eben auf Fragen des esoterischen Strebens eines jeden Einzelnen.« Es ist anzunehmen, dass sich solche Fragestellungen in diesen Jahren in den USA eher nur im Untergrund der Bewegung zeigten.

Die Themen, mit denen sich die Waldorflehrer auf ihren Tagungen beschäftigten, waren innig mit den jeweils aktuellen Zeitfragen verknüpft. 1970 widmete sich die amerikanische Lehrerschaft in Garden City der Erziehung als soziales Problem, im Juni 1971 in der Rudolf Steiner Schule New York dem Thema Das Problem des Bösen. Henry Barnes hielt vor den 70 anwesenden Waldorflehrern einen grundsätzlichen Vortrag zum Thema Das Wesen des Bösen und seine Umwandlung durch die Erziehung. Während der Tagung wurde die Bildung einer Assoziation nordamerikanischer Waldorfschulen weiter besprochen und Werner Glas, Leiter des Waldorflehrerseminars am Mercy College in Detroit, schlug eine Satzung vor. Auf dieser Zusammenkunft benannten die Lehrer Henry Barnes als Kontaktmann für den angedachten Zusammenschluss der europäischen Waldorfschulen im Haager Kreis. Von da vertrat Henry Barnes die amerikanische Schulbewegung international. Der hoch aufgewachsene, immer in Anzug und Krawatte gekleidete, aristokratisch wirkende Henry Barnes lebte aus einer innigen Verbindung mit der Anthroposophie und ließ mit einem non-verbalen moralischen Gewicht alles an sich abperlen, was nicht gründlich innerlich abgewogen war. Seine Aufmerksamkeit galt nicht nur jedem einzelnen Schüler, sondern auch jedem einzelnen Kollegen. Und ab und zu konnte man ihn schmunzeln sehen und ahnte etwas von dem Humor, den er in sich trug. Er prägte die Versammlungen der Assoziation der nordamerikanischen Waldorfschulen über Jahrzehnte gemeinsam mit wenigen anderen Kollegen. Mit ihm entwickelte sich im echten Sinne eine Ostküsten-Waldorf­pädagogik.

Henry Barnes zog nach seiner Pensionierung nach Hawthorne Valley, wo mittlerweile eine ländliche Waldorfschule aufgebaut worden war, und gab noch einige Epochen an der Schule, zum Beispiel den Geschichtsunterricht in der 8. Klasse. Ansonsten widmete er sich nach seiner Pensionierung der Anthroposophischen Gesellschaft und schrieb eine umfassende Geschichte der anthroposophischen Bewegung in den USA.

Literatur: J. M. Barnes: Henry Barnes – A Constellation of Human Destinies, 2008; H. Barnes: Into Heart’s Land. A Century of Rudolf Steiner’s Work in North America, Great Barrington 2005; N. Göbel: Die Waldorfschule und ihre Menschen. Weltweit. Geschichte und Geschichten. 1919 bis 2019 (3 Bände), Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart 2019

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