Immer mit Augenzwinkern

Von Wolfgang Held, April 2018

Ein Porträt über Till von Grotthuss, Klassenlehrer an der Rudolf-Steiner-Schule Gröbenzell.

Till von Grotthuss in Aktion

Fünf Reihen Holzbänke und in jeder fünf oder sechs mit Holzspänen gefüllte Sitzkissen. Da stürmen die Kinder hinein, 36 Erstklässler. Manche legen sich auf den Boden und strecken die Socken an die Heizkörper, manche lassen sich versonnen in die Kissen sacken. Fünf Jungs bilden ein schreiendes Knäuel auf dem Holzboden. Vorne steht anstelle eines Tisches ein Barhocker und ein leichtfüßiges Stehpult. Till von Grotthuss, der drei, viermal eine Klasse von der Kindheit zur Jugend geführt hat, sitzt locker auf dem Hocker, ein bisschen wie ein Kapitän, ein Kapitän dessen Schiff niemals sinken kann, ein Kapitän der deshalb ständig schmunzelt. Gerne erzählt er, was heute im Unterricht zu erwarten ist.

Oft ist es aber ein Rätsel, das er so vorträgt, als wisse er selbst die Antwort nicht. Er ist Regisseur und zugleich Akteur mit den Kindern. Er führt und ist mit ihnen auf Augenhöhe. Ja, alles erscheint ein Spiel zu sein, ein Augenzwinkern. Es ist wohl ein langes Lehrerleben notwendig, um so leichtfüßig, so selbstverständlich mit der Klasse durch den Unterricht zu steuern. Es ist eine Fahrt, bei der hinter jeder Ecke eine Überraschung lauert. »Ohne solche Wendungen würde ich selbst den Unterricht nicht ertragen, jedenfalls nicht nach 30 Jahren«, erklärt er mir.

Schulanfang nach den Ferien, also dürfen einzelne Kinder von den Ferien erzählen. »Sonnenblumen seid ihr!«, ruft von Grotthuss, damit die Kinder sich alle zu dem einen Berichterstatter wenden. Dem verschlägt es die Sprache und Till von Grotthuss fragt nach: »Erträgst du das, denn das ist komisch, wenn einen alle anschauen.« Es braucht Geduld. Dann schildert er einen Museumsbesuch, bei dem er sich nicht vor andere Betrachter an die Bilder drängeln konnte, sondern aus dritter oder vierter Reihe schauen musste. Schnell springt er hinter die Klasse und schaut nun wie sein Museumsbesucher als Hinterbänkler auf die Tafel. Doch auch von hinten könne man auf Bildern etwas erkennen – manchmal sogar mehr, manchmal das, worauf es ankommt. Grotthuss ist mit allen Regungen so sehr Kind, dass seine quasi-philosophischen Einwürfe überhaupt nicht unpassend wirken, im Gegenteil, es scheint, dass solche klugen Einsichten in der ersten Klasse am reinsten und klarsten aufgehoben sind, denn hier ist noch keine Skepsis, kein innerer Widerstand, sondern die offene Seele der Schulanfänger. »Wenn man weiterkommen will, dann tut es manchmal weh«, ist wenig später eine weitere Einsicht, die die Kinder aufnehmen. Das sind Keime, die in zehn Jahren ins Bewusstsein steigen können und vielleicht in dreißig Jahren das Fundament von Lebensentscheidungen sind. Darauf angesprochen sagt er, dass ihm der Unterricht sonst zu oberflächlich wäre, wenn er nicht immer wieder mit einzelnen Wendungen in die Tiefe gehen würde.

Tatsächlich scheint er die Weisheiten sich selbst zu sagen, und selbst darüber überrascht zu sein. Doch schon geht es weiter. Er zeigt auf die Tafel, die so schlecht geputzt ist, dass vermutlich nicht wenige Waldorflehrer vor Scham versinken würden, nicht so von Grotthuss, er sagt seinen Schülern, dass er das Bild leider nicht erkennen könne, obwohl er die Augen zukneifen würde. »Ich seh ein Nilpferd«, ruft ein Kind. »Nein, es ist ein Schwein«, ein anderes. »Wo? – Ihr seid die Maler, ich bin der Pinsel.« Die Kinder quietschen vor Vergnügen und dirigieren ihren Lehrer zur richtigen Kreidewolke, die eigentlich ein Schwein ist. So wird aus Geschmiere ein Bild und erhält schließlich seinen Rahmen. All das geschieht mit viel Handgebärden des Lehrers und mit gespielter Hilflosigkeit. Es ist eine Souveränität, die es möglich macht, dass alles im »Wir« geschieht, dass sich der Lehrer in die Obhut der Kinder gibt und doch der Lehrer bleibt. Dass Geist und Seele sich verschränken und dabei zwei eigene Welten sind, das lernen die Kinder hier, wie mir scheint, mit ihrem ganzen Leib.

Nach der bewölkten Tafel bürstet er noch ein weiteres Waldorfklischee gegen den Strich, denn jetzt kommt ein CD-Player zum Einsatz: »So ein Gerät haben die Kinder zu Hause, also baue ich es in den Unterricht ein«, erklärt er. Doch hier ist das Abspielgerät lebendig: Acht oder zehn Kinder zum Rechteck zusammengedrängt nehmen eine braune Pappscheibe als CD in Empfang. Schon beginnt der Spruch von müden, trabenden und dann springenden Pferden. Die andere Hälfte der Klasse spielt die Pferdeherde, die erst langsam und dann immer schneller um die Bänke stürmt. Drei Teelichter an der Wand dienen als »Kerzentachometer«, denn nur wenn die Pferde wirklich stürmen, reicht ihr Fahrtwind, die Kerzen auszulöschen. Spielerisch erlebte Wirksamkeit.

Der Unterricht ist immer wieder dionysisch, aber vergleichbar dem verborgenen Tafelbild im Kreidenebel, ist dabei eine feine Struktur spürbar. Zum Atem gehört dann – und die Kinder haben es nach drei Monaten Schulzeit schon im Gefühl, dass Form und Spiel im Wechsel sind. »Dritte Reihe geht aufs WC, jetzt die zweite ...«, ... »Ich zähle bis zwanzig, dann ist die Butter ranzig!« Der Atem von Spiel und Form schwingt auch in der Erzählung. Mal laut, dann leise und immer leiser. »Kinder, bestimmt muss ich an der spannendsten Stelle aufhören.« Kein Kind protestiert.

Ich kenne elfte oder zwölfte Klassen, die sich vergewissern, ob das Bild neben oder unter den Text kommen soll, die Überschrift groß oder klein zu sein hat. Bei dieser Klasse wird man das nicht hören, denn von Grotthuss lässt die Kinder in einem Alter frei, in dem sie aus der eigenen Phantasie die Sicherheit finden. So ist das Schwert des Ritters bei einer Schülerin blau, bei der nächsten rot.

Als von Grotthuss – und es geschieht nur alle paar Tage – in der Stimme zorniger werden muss, geht der Atem von Spiel und Form nicht verloren. Denn kaum hat er einen Schüler angedonnert, und es geht dann nur um einzelne, niemals die ganze Klasse, tätschelt er seine eigenen Wangen, als würde er sie pudern und fragt die Klasse, ob der Herr Grotthuss denn jetzt wieder locker und entspannt aussehe. Selbst in der Konfrontation bleibt die Augenhöhe gewahrt. Ich frage später noch, warum er von sich oft in der dritten Person spreche. Er muss überlegen und entgegnet: »Das ist einfach etwas Ironie.« Ironie in der ersten Klasse – also wieder Augenhöhe.

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