Lausche! – Höre!

Von Alexander Tschernek, September 2014

Weg vom Papier – hin zum Laut! Mit meiner Lesungsreihe »Philosophie Pur«, die ich 2005 mit Kierkegaard, Nietzsche, Heidegger und Hölderlin eröffnete, habe ich mich auf den Weg gemacht, das Verstehen über das Zuhören zu erkunden.

Alexander Tschernek © Gregor Braendli

Gerade in der Philosophie hängen wir, auch berechtigterweise, am geschriebenen Wort. Die Erkenntnis verbindet sich jedoch auf allen Ebenen mit dem Logos – und so ergibt sich aus dem erhörten und erlauschten Wort eine ganz andere Möglichkeit der eigenverantwortlichen und selbstgestalteten Bildung, die nicht so sehr auf das prüfbare Wissen abzielt, als vielmehr ein lebendiges Wissen meint, das zur unerschöpflichen Quelle wird für die gedanklichen und existenziellen Herausforderungen unserer Zeit.

Zwetschgenbaum

Ach. Wie viele Gedanken habe ich in meinem Leben schon gelesen? Nachgelesen und nachgedacht? Mehr oder minder wohl sortiert in Wortfolgen erscheinen sie mir vornehmlich zwischen den Deckeln philosophischer Bücher und ich kann sie so lange rückwärts und vorwärts lesen, bis ich sie endlich verstanden habe und dann füglich zu meinem Wissensschatz zählen darf.

Wobei eine der vielfältigen Erfahrungen ist: Oh Gott, die anderen sind viel schlauer als ich! Eine andere: Wie schön, das habe ich auch schon immer gedacht, aber ich hätte es niemals so trefflich in Worte fassen können! Bis ich mich eines Tages unter einem Zwetschgenbaum in Bayern bei dem autodidaktischen Versuch wiederfand, Heidegger zu verstehen, und kurz davor war aufzugeben … Das Buch, das da auf meinen Knien ruhte, trug bezeichnenderweise den Titel »Unterwegs zur Sprache« und ich verstand eben – nichts. Von Philosophie studierenden Freunden war ich vorgewarnt worden, dass man Heidegger eigentlich nur vor dem gesamten philosophie- und geistesgeschichtlichen Hintergrund erfassen könne und die Begrifflichkeit seiner Wortschöpfungen und seines Sprachgebrauchs einer langjährigen Einarbeitung bedürften. Aber so schnell wollte ich nicht klein beigeben und mich auch nicht mit der etwas naiven Einschätzung begnügen, Heidegger rede nur um den heißen Brei herum und er solle doch einfach sagen, ob er an Gott glaube oder nicht …!

Dies meinte ich nämlich zwischen den Zeilen verstanden zu haben.

Verstehen jenseits des Verstehens

Im Bewusstsein eines notwendig zu unternehmenden zweiten bis vierten Anlaufes – mein Geist ist willig und mein Geist ist stark! – musste ich mir etwas einfallen lassen. Gewohnt, als Schauspieler Rollen und Gedichte laut zu sprechen, wollte ich Heidegger auf diesem Wege eine fünfte Chance geben und begann also seine Aus-Führungen zur Sprache unter dem Zwetschgenbaum laut zu rezitieren. Und es geschah »Unerhörtes«: Nach längerem lauten Sprechen, auch der vielen unverstandenen Sätze, begann ich plötzlich mit Heidegger zu fliegen.

Ich las einfach laut weiter und weiter, die Klippen des Unverständnisses ignorierend (wie man ein Buch in fremder Sprache liest, in dem man nicht alle Vokabeln kennt), bis sich mir schließlich ein Raum des Verstehens jenseits des Verstehens in einer Art Trance-Zustand eröffnete, der vielleicht mit Drogenerlebnissen oder einem Traum verglichen werden könnte und nur ansatzweise in der Erzählung zu fassen ist. Ich stelle mir das so vor, dass durch Heidegger und das Lautsprechen seiner Gedanken sich unter anderem eine Synapsenumschaltung im Gehirn ereignete, die mich zu einem körperlich-sinnlichen Erlebnis von Philosophie führte, das mir eine beglückende Ahnung von jenen neuen Denkräumen bescherte, um die es Heidegger in seinem Werk mutmaßlich geht.

Wahrhaftig ein Verstehen jenseits des Verstehens – unter einem Zwetschgenbaum, der mythologisch ja eher nicht als Baum der Erkenntnis betrachtet werden kann.

Vermittlung von Erkenntnisfreuden

Ich erlaube mir, dieses Ereignis so persönlich zu schildern, weil ich in diesem Moment dankbar erleben konnte, wie schön, aufregend und erkenntnisreich Bildung sein kann und weil es als ein Akt der Befreiung noch heute in mir nachwirkt, zu dem ich andere Menschen gerne ermutigen möchte. Weg vom Papier! Weg vom Zwang des Verstehen-Müssens, der im akademischen Diskurs gewiss seine Berechtigung hat, mir selber aber nichts bringt, wenn er die Freuden der Erkenntnis verdeckt oder gar verhindert. Und so freut es mich freilich, wenn ich in meinen Lesungen mit meiner Stimme Tore in Gedankenländer öffnen kann, die uns so fremd nicht immer sein müssen.

Philosophie ist hörbar. Philosophie ist die Musik der Ideen und Gedanken sind wie Töne, die wir nicht festhalten können, sondern in der lebendigen, wechselhaften Gegenwart immer wieder neu erringen und begründen müssen. Gedankenfolgen, die eigenen wie die der anderen, sind Himmelsleitern und die Laute, die unweigerlich mit dem menschlichen Gefühl verbunden sind, sind die zentralen und wahrhaft sinnlichen Elemente, die uns den Sinn der Welt und des Lebens erkennen und begreifen lehren. Das Wort ist Fleisch geworden, heißt es im Prolog des Johannes-Evangeliums – nun will das Fleisch auch wieder Wort werden.

Ich empfehle also laut lesen und sich gegenseitig vorlesen. Hören und Lauschen. Das geht immer.

Zum Autor: Alexander Tschernek ist sprachforschend in Theatern, Opern, Hörspielen, Filmen, Moderationen und freier Rede unterwegs. Lesungsreihen PHILOSOPHIE PUR über »Hannah Arendt«, »Ueber den Tod«, »Arbeit, Muße, Faulheit« u.a. 2014 erschien das CD-Hörbuch »Geist und Geld und Gutesleben« (http://tinyurl.com/lc7xvwb). Er ist Mitwirkender am Philosophicum zu Basel und stand jüngst in Daniel Hoesls neuem Kinofilm PLAYER vor der Kamera, in dem er einen Unternehmer spielt, der von der Last des Materialismus befreit werden will.

Link: www.tschernek.at

Kommentare

Ingeborg Geretschläger, Graz, 19.01.16 15:01

Eine wunderschöne Interpretation des Philosophieverstehens. - Danke für den Einblick in Ihre Gedankenwelt.

Alexander Tschernek, 16.08.17 13:08

Vielen Dank, Frau Geretschläger!

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