Leonore Bertalot – Pionierin der brasilianischen Waldorfbewegung

Von Nana Göbel, Juli 2019

Als Rudolf Lanz, damals Vorstand des Schulvereins der Escola Higienópolis in São Paulo einen »kompetenten und innerlich rundherum stabilen Lehrer« suchte, bat er in vielen Briefen Ernst Weißert vom Bund der Freien Waldorfschulen um Unterstützung. Schließlich kamen Leonore und Italo Bertalot 1962 an die Schule und ergänzten das kleine Kollegium, sie als Klassenlehrerin, er als Englischlehrer.

Nana Göbel mit dem Ehepaar Bertalot in Botucatu.

Beide waren ursprünglich Schweizer. Leonore Bertalot-Bay (1928) wuchs als Tochter von Paul Johann Bay, dem Architekten des ersten Goetheanum in Dornach, und von Dieuwke Troelstra, einer Künstlerin und Tochter des Gründers der Sozialdemokratischen Partei in Holland, auf. Wegen der Waldorfschule war die Familie nach Stuttgart gezogen. Leonore Bertalot studierte später am Hawkwood College in England und wanderte mit ihrem Mann Italo Bertalot nach Uruguay aus. Gemeinsam waren sie zunächst in einer Waldenserkolonie tätig. Von dort wurden sie an die Waldorfschule São Paulo gerufen. Sie blieben für zweieinhalb Jahrzehnte.

Die später in Rudolf Steiner Schule umbenannte Escola Higienópolis entwickelte sich zu einem kleinen Kulturzentrum mit regelmäßigen Konzerten, öffentlichen Monatsfeiern, Vorträgen und Aufführungen. Die nach wie vor aktiven Schuleltern errichteten auf dem weitläufigen Gelände einen imposanten Neubau für die Grundschule und für den Kindergarten, der 1959 bezogen wurde. Schon nach zehn Jahren gingen dort etwa 500 Kinder in Kindergarten und Schule.

Die Beziehungen der Schule reichten über die deutsche und schweizerische Waldorfbewegung bis nach England. Ron Jarman, der Vertreter der englischen Schulbewegung im Haager Kreis, kam mehrere Male nach Brasilien und half beim Aufbau.

Ein besonderes Anliegen von Leonore Bertalot war, die Arbeit in Brasilien mit der internationalen Waldorfbewegung zu verknüpfen, was den Bemühungen des Haager Kreises, die verschiedenen nationalen Schulbewegungen einzubinden und weltweite Begegnungen herbeizuführen, entgegenkam. Leonore Bertalot kannte sich nicht nur in Brasilien aus, sondern knüpfte Beziehungen auch nach Mexiko, Uruguay und Argentinien, wohin sie immer wieder zu Vorträgen eingeladen wurde.

Im Februar 1979 begann das Colégio Micael als zweite Waldorfschule in Brasilien; ab 1986/87 fingen weitere Gründungen an. In Vorbereitung auf die Ostern 1986 geplante Weltlehrertagung am Goetheanum lud Leonore Bertalot alle interessierten Waldorflehrer aus Brasilien zu einem Treffen nach São Paulo ein. Mit 50 Teilnehmern, fünf von der Steiner-Schule São Paulo, 45 von anderen Kindergärten und von der zweiten Steiner-Schule Brasiliens, war es ein erstaunliches Echo zum Schuljahresende. »Wir saßen im Konferenzraum der Rudolf Steiner Schule und es fiel auf, was für eine schöne, harmonische Konferenz hier stattfand. Man hörte sich zu mit realem Interesse.«

Es wurde gegenseitige Hilfe gesucht und angeboten, neue Treffen für den Kindergarten- und Schulbereich vereinbart. Und die Empfindung entstand, so Leonore Bertalot, von etwas Keimhaften bei diesem Treffen, von einem gemeinsamen Boden, von gegenseitiger Anerkennung im Blick auf die Vision einer allumfassend menschlichen Schule – eine Keimzelle für den viel später gegründeten Verband der Waldorfschulen in Brasilien.

1992 arbeiteten bereits sechs Waldorfschulen in Brasilien: neben der großen Schule in São Paulo mit mittlerweile 990 Schülern und dem Colégio Micael mit 350 Schülern befand sich die Escola Francisco de Asis ebenfalls in São Paulo. In Botucatu entstand in der Nachbarschaft einer biologisch-dynamischen Farm die Aitiara Schule. In Campo Verde, 25 Kilometer außerhalb von Camanducaia in einem 1.600 m hoch gelegenen Berggebiet der Serra da Mantiqueira im Süden der Provinz Minas Gerais, begann bereits 1972 die Escola Araucaria. Und in der am Atlantik gelegenen Universitätsstadt Florianópolis fing die Waldorfschule Anabá an. 1993 kam die Escola Conviver in Riberão Preto, 400 Kilometer nördlich von São Paulo dazu.Vor der Schule in Ribeirão Preto lag ein holpriger Weg.

Sie begann 1985 im Familieneigentum eines Bauunternehmers, dessen Frau Waldorflehrerin war und eine Schule aufbauen wollte. 1989 zogen Italo und Leonore Bertalot, die bereits zuvor schon Vorträge an der Schule gehalten hatten, nach Ribeirão Preto, um den Aufbau der Schule zu unterstützen. Als das Bauunternehmen im Jahr 2000 in Schieflage geriet, kündigte das Unternehmen der Schule zum Juli 2001. Zwei Lehrerinnen gaben nicht auf, suchten nach Alternativen, erhielten schließlich von der Stadt ein Pachtgrundstück und bauten die Escola Waldorf João Guimarães Rosa auf. Zusätzlich entstand ab 2006/07 eine zweite Waldorfschule in Ribeirão Preto, die Escola Waldorf Pomar.

Mit der Zeit übernahm Leonore Bertalot Aufgaben in der Lehrerbildung. 1989 setzte sie ein Wanderseminar für bereits tätige Lehrer, das Seminário para Professores Atuantes, in Gang. Gemeinsam mit einigen anderen Lehrern begannen Leonore und Italo Bertalot in Botucatu das erste in Modulen aufgebaute Seminar außerhalb von São Paulo. Über 30 Staatsschullehrer schrieben sich ein und nahmen dafür sehr viele Opfer auf sich, da sie nicht nur die Reise-, Aufenthaltskosten und Studiengebühren, sondern auch den Lehrerersatz an ihren eigenen Schulen bezahlen mussten. Der Enthusiasmus war groß. Für ein Land mit den Dimensionen Brasiliens war eine solche berufsbegleitende Ausbildung für Lehrer aus dem ganzen Land die erste echte Möglichkeit einer soliden Waldorfausbildung.

Seine Altersjahre verbrachte das Ehepaar Bertalot in Botucatu und half der dortigen Aitiara Schule, soweit es in seinen Kräften stand.

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