Mit Eurythmie und Chinesisch in Kolumbien

Von Nana Göbel, Oktober 2019

Walter Boris Liebenthal (1933–2011) hinterließ der chinesischen Waldorfschulbewegung ein reiches literarisches und künstlerisches Erbe. Er wurde als jüngster Sohn in eine wissenschaftlich und kulturell interessierte Familie in Berlin geboren.

Walter Liebenthal

Noch als kleines Kind wanderte er 1939 gemeinsam mit seiner Mutter und seinem ältesten Bruder gerade noch rechtzeitig aus Deutschland aus – und zwar nach China, wo er den größten Teil seiner Kindheit verbrachte. Zwei seiner Geschwister blieben in Deutschland. Seine Patentante, die er erst nach vielen Jahren wiedersehen sollte, war Waldorflehrerin in Marburg.

Der Vater Walter Liebenthal (1886–1982), ein bekannter Sinologe, war schon 1933 vorausgegangen und erhielt ein Jahr später eine Forschungsstelle am Sino-Indischen Institut der Yanjing-Universität in Beijing. Die Mutter und die beiden Söhne erreichten China in Kunming. Der Sohn Walter ging in verschiedenen Städten Chinas auf die Schule und lernte gründlicher Chinesisch, als es die meisten Chinesen heute sprechen und schreiben können.

Die Zeiten waren damals schwierig, weshalb die Mutter durch Näh- und Stickarbeiten ein zusätzliches Einkommen erwirtschaftete. Sie baute, solange das möglich war, Gemüse in einem kleinen Garten an. – Liebenthals Kindheit war nicht einfach. Er berichtete in einer kurzen Autobiographie auch von den willkürlichen Hinrichtungen, die er als kleines Kind miterlebte. So schrieb er: »Nun, als die starke Marschmusik aus den großen Lautsprechern ertönte, wurde diese immer wieder unterbrochen von den Hinrichtungen der Verräter. Man hörte die Eltern der Angeklagten, die großen Schreie und Tränen, was dann endete mit einem Schuss, wonach es weiterging mit dem nächsten Angeklagten, der dann erschossen wurde. So ging es das ganze Jahr. Ich bin ja niemals zu dem Hinrichtungsplatz gegangen, aber auf dem Weg zur Schule gab es immer Wagen mit Soldaten und Bajonetten und einer gefesselten Person mit einem Schild über ihrem Kopf, auf dem ihr Verbrechen geschrieben stand.«

Von 1949 an studierte Liebenthal chinesische Malerei bei einem der berühmtesten Meister, erwarb sich auch solide Fähigkeiten im Schwert-Tanz und verband sich intensiv mit der chinesischen Kultur. Seine Kindheit und Jugend waren vom reichen kulturellen Erbe Chinas geprägt, genauso wie von der schwierigen Ernährungslage und dem Toben der Roten Garden. Die Familie verließ das kommunistische China 1951, weil das Leben und die ringsum zunehmenden Verhaf­tungen – auch von Professorenkollegen des Vaters – unerträglich wurden. Später fertigte Liebenthal die ersten chinesischen Übersetzungen einiger Werke Rudolf Steiners an, die aber nur wenigen bekannt wurden. Wieder in Europa, reiste er zunächst nach Wien, wo seine Schwester Hanna überlebt hatte, später studierte er Eurythmie in Stuttgart und England. Es hielt ihn allerdings nichts in Europa und so zog er zu seinen Brüdern nach Argentinien. Dort lernte er Erwin Kovács, den Pfarrer der Christengemeinschaft in Buenos Aires, und seine Frau Leonora kennen und begegnete durch sie erneut der Anthroposophie und der Waldorfpädagogik.

Mit Leonora Kovács verband ihn seine Liebe zur chinesischen Kultur, denn sie war eine in Berlin geborene Halbchinesin, die während der Nazi-Zeit in Shanghai aufgewachsen war, wo sie ihren Mann Erwin Kovács kennengelernt hatte. Für kurze Zeit arbeitete Liebenthal an der Waldorfschule in Buenos Aires und beteiligte sich auch an den Aufführungen der Oberuferer Weihnachtsspiele. Aber auf Dauer wollte er nicht bleiben und beschloss, »den Pullover aufzulösen und erneut zu stricken«.

Schließlich reiste er nach Kolumbien und ließ sich zuerst auf Einladung von Benedikta zur Nieden in Medellin nieder, um dort an der von ihr begründeten Waldorfschule mitzuarbeiten. Aber auch das war noch nicht der Ort, an dem er dauerhaft bleiben wollte. 1975 zog Liebenthal weiter nach Cali, von wo aus er angefragt worden war, Eurythmie während eines einjährigen Pädagogischen Seminars zu geben. Dort sollten ein Kindergarten und eine Schule gegründet werden. Die Pionierlehrerinnen Carmenza Baena und Susana Rubio suchten Kinder, gingen von Haus zu Haus und erzählten von dem neuen Kindergarten, der dann tatsächlich am 11. September 1977 in einem privaten Haus begann, das von der Luis Horacio Gomez Stiftung zwischenzeitlich angemietet worden war.

Als nächste Lehrerin kam Tomasa Rivas dazu. Schließlich entschied sich Liebenthal, in Cali zu bleiben und wurde der nächste Lehrer. Er gab nicht nur den Eurythmie-Unterricht, sondern auch Musik und Handwerk und übernahm die verschiedensten Aufgaben. Zum Beispiel baute er die ersten Möbel für den Kindergarten. Er lebte bis zu seiner Heirat auf dem Schulgelände des Colegio Luis Horacio Gomez. Diesem Colegio blieb er bis zu seinem Tod 2011 verbunden und prägte die Waldorfpädagogik in Kolumbien auf seine stille, originelle, immer suchende Art und mit all den Zwischentönen, die rund um ihn zu hören waren.

Offenbar verfolgte Liebenthal Ende der 1980er Jahre konkrete Pläne als Lektor am Goethe-Institut in Beijing zu arbeiten, um seine Übersetzungen ins Chinesische mit Muttersprachlern zu überarbeiten. Aber die Ereignisse vom 3. und 4. Juni 1989 auf dem Tiãn’ãnmén Platz machten einen Strich durch die Rechnung und er blieb in Kolumbien. Alle von Liebenthal verfassten chinesischen Manuskripte kamen 2012 schließlich durch Vermittlung von Leonora Kovács († 2014) in die Hände von Astrid Schröter, die sie in einem interessierten Verlag herausbrachte und so der wachsenden Waldorfbewegung in China zugänglich machte.

Literatur: Nana Göbel: Die Waldorfschule und ihre Menschen. Weltweit. Geschichte und Geschichten. 1919 bis 2019 (3 Bände), Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart 2019

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