Ordnung braucht Augenzwinkern

Von Wolfgang Held, Juli 2018

Ein Porträt über den Klassenlehrer Andreas Pelzer von der Freien Waldorfschule Berlin Mitte.

Andreas Pelzer

Im Schrank im Klassenzimmer hat alles seinen Platz und auch auf dem Lehrerpult liegen Stift und Flöte an ihren Plätzen. Die Tafel wischt Andreas Pelzer mit dem Gummi trocken und nach jedem Zug fährt er mit dem Lappen über den Abzieher und am Schluss wandert sein Blick noch einmal über die Tafel. Nein, hier ist nichts mehr zu putzen. Über der Tafel hängen auf 26 einzelnen Blättern mit Buntstift gemalt die Buchstaben des Alphabets. Die hätte er von seiner letzten ersten Klasse vor acht Jahren übernommen, erzählt mir Andreas Pelzer, so müsse er sie nicht noch einmal malen.

Es herrscht eine Ordnung in der Klasse, die so selbstverständlich scheint, dass sie nichts Zwanghaftes oder Pedantisches an sich hat, eine Ordnung, die nicht nur den Raum, sondern auch die Zeit des Unterrichtens ergreift. Zwölf einzelne Rituale und Stadien zähle ich am morgendlichen Unterrichtsbeginn. Wieso diese Ordnung kein preußisches Korsett ist, erklärt sich schon beim Präludium, dem ersten gemeinsamen Moment in der Klasse. Die Kinder bringen besondere Gegenstände von zu Hause mit und präsentieren sie auf dem Lehrerpult. »Wer fehlt denn?«, fragt Andreas Pelzer, blickt in die Reihen und auch die Kinder schauen nach links und rechts. Dann geht es um die Exponate auf dem Pult. Ein Briefmarkenalbum, ein Fußballabzeichen und eine Legofigur liegen da. Die Besitzer erzählen etwas von den Dingen, die der Lehrer jetzt von allen Seiten betrachtet.

»Alles ist hier erlaubt und willkommen«, sagt er mir später. Interessant: So beginnt trotz des gegliederten Unterrichtsaufbaus jeder Schultag anders und es sind die Kinder, die diesen Anfang sprichwörtlich »in der Hand« haben. Außerdem ist gleich zu Beginn etwas aus der »großen Welt« im Klassenzimmer. »Welches Datum haben wir denn heute?«, fragt er nach dem Morgenspruch in die Klasse. Eine Schülerin ruft: »Der Siebzehnte!« Da springen alle Kinder auf und hüpfen siebzehn Mal im Chor die Hampelmannfigur, indem sie die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. Eine kleine Episode, die zeigt, worauf es Andreas Pelzer
ankommt: der Rhythmus von Ordnung und Spiel, von Vorgegebenem und Freiheit. Das gibt den Kindern hier in Berlin-Mitte, dieser sprudelnden Weltstadt einen einmaligen Halt, das Gefühl von Sicherheit. Doch wenig später folgt dann ein Spiel, etwas Überraschendes, das die Phantasie und den Bewegungsdrang der Zweitklässler herausfordert: »Was ist heute dran?«, fragt Pelzer in die Klasse.

Jetzt wird der Stundenplan besprochen. Nach der Tagesordnung die Tagesüberraschung, nach der Regel, die Ausnahme: »Und was ist heute anders?« Jetzt gibt es Ansagen: Geburtstage und Besuche. Der Puls von Ruhe und Spiel geht durch den ganzen Unterricht, er schwingt mal kurz und zart, holt dann weit aus und heftig. Zu Letzterem gehört der nächste Schritt. Es geht raus auf den Pausenhof. Vorbei an den verschlossenen Klassenzimmertüren tippeln die Kinder leise in Zweierreihe durch die Flure. Wenn geredet wird, müssen alle zurück. Kaum haben sie die Schultür erreicht, entlädt sich die Spannung, Schülerinnen und Schüler, Lehrer und Praktikant stürmen auf den Pausenhof und auch dort ein Wechsel von Spiel und Ordnung: In einem nicht enden wollenden Abzählvers laufen die Kinder im Kreis. Phlegmatische Kinder kommen auf ihre Kosten. Dann sind die cholerischen und sanguinischen Kinder dran, denn auf dem Sportplatz steht ein »Wolf« allen anderen Kindern gegenüber und auf ein Startsignal muss die Meute an ihm ohne Berührung vorbeikommen. Alle Schüler, die der Wolf berührt, werden zu seinen Gefährten. Von Neuem stürmen schreiend die Kinder auf die Wölfe zu. Pelzer am Rand kommentiert und feuert den Sturmlauf an. Geschickt täuschen die Kinder eine Richtung an, um dann in einem Bogen die Wölfe zu umlaufen. Geschicklichkeit, Koordination und Übersicht, Antritt und Ausdauer – die Kinder lernen viel in diesem scheinbaren Durcheinander.

Als es in die Klasse zurückgeht, gibt es etwas Streit unter den Zweitklässlern. Es folgt ein weiterer Pendelschlag von Andreas Pelzer dann in der Klasse: »Wollt ihr zuerst das Lob oder zuerst den Tadel hören?« Es geht um eine Zurechtweisung und doch sind es die Kinder, die das Wie dabei entscheiden können. So geht der ganze Unterricht weiter. Nach der Erfrischung mit Tee folgt das Flötenspiel. Pelzer ruft ein Kind auf und dieses darf sich nun einen Partner suchen – wieder geben sich Vorgegebenes und Freiheit die Hand. Die Ordnung hat dadurch immer etwas Tänzerisches und die Leidenschaft, das Chaos verlässt nicht den Rahmen. Wenn es vor einem Gebet nicht leise wird, dann ermahnt er nicht, sondern lässt die Kinder gemeinsam Klatschen. Es ist also ein Spiel, das die Ordnung herstellt.

Kleine Rätsel gehören bei Andreas Pelzer zur Würze des Unterrichtes.  So schreibt er einen neuen Buchstaben nicht mit der Kreide, sondern mit dem nassen Schwamm an die Tafel: »Ihr müsst schnell schauen, denn bald ist er wieder weg!« Oder er klappt die Tafel auf und die Kinder sehen kreuz und quer über die Tafel verteilt Buchstaben: der Buchstabensalat! »Wer entdeckt den neuen Buchstaben?« Wieder geben sich Ordnung und Spiel, das Vertraute und das Unbekannte die Hand.

»Ordnung braucht Augenzwinkern«, erklärt mir Andreas Pelzer den Zauber seines Unterrichtes. Wenn einmal Humor und Spiel nicht helfen, um einen Schüler zur Ruhe zu bringen, dann geht er gemeinsam mit ihm vor die Türe, um es unter vier Augen zu besprechen – das ist für den Schüler respektvoll und zugleich eine Herausforderung. Ich frage Andreas Pelzer noch, wie er mit Schülern umgehe, die seinem Spiel von Lockerheit und Ordnung nicht folgen würden. Da sagt er zu meiner Überraschung: »Die schwierigen Schüler sind es, die dich zu einem guten Lehrer machen.«

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