Sinn für das Individuelle. Der Monadismus

Von Mario Betti, September 2016

Schauen wir die Welt in ihrer Komplexität unvoreingenommen an, erleben wir Wunder über Wunder, Rätsel über Rätsel. Die verschiedenen Weltanschauungen sind der Weg zu immer tieferen Antworten.

Foto: © Dirk70/photocase.de

Wie bereits dargestellt, bietet die Metapher eines Rades mit zwölf Speichen eine Erkenntnishilfe zur Lösung der Rätsel dieser Welt: Jeder Ansicht steht eine andere Sichtweise diametral gegenüber, die sie jedoch in tieferem Sinn ergänzt.

Man erinnere sich an die Gegensatzpaare Pneumatismus-Sensualismus oder Spiritualismus-Materialismus. Wenn wir weitergehen, entdecken wir, dass dem Mathematismus in seiner vereinheitlichenden, mathematisierenden Erkenntnishaltung der Monadismus entgegensteht, den man auch Individualismus nennen könnte. »Monadismus« hängt mit dem griechischen Wort monos – allein, einzeln – zusammen und mit seinem Derivat monas – Einheit, Unteilbarkeit.

Als neuere philosophische Weltanschauung wurde der Monadismus von Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716) aus der Taufe gehoben. Dieses Universalgenie, das beide weltanschaulichen Tendenzen in sich zum Ausgleich führen konnte und um Frieden zwischen den Konfessionen bemüht war, hat nicht nur in Deutschland gewirkt, sondern unter anderem auch in Paris, London und Wien. Wir verdanken ihm die Erfindung der Differenzial- und Integralrechnung und eine Rechenmaschine.

Nach Leibniz ist jedes Wesen – Stein, Pflanze, Tier, Mensch, reine Geister – eine in sich geschlossene Monade mit ganz individuellen, mehr oder weniger wachen, geistig-seelischen Inhalten, die er »Vorstellungen« nennt. Nach einer von der höchsten Monade – von Gott – prästabilierten Harmonie treten die verschiedenen Monaden in lebendige Beziehung zu allen anderen. Ja, gerade diese Harmonie – eine Art »Matrix« – ermöglicht es, dass wir uns prinzipiell gegenseitig verstehen können. Auf den Menschen bezogen, wurzelt die monadistische Anschauung in unserer monas, im ICH. Und sie ist einer ungeheuren Steigerung fähig, denn sie greift beispielsweise auch in das Gebiet der Wiederverkörperung des menschlichen Wesenskernes ein. Insofern wächst sie über die genialen Erkenntnisse von Leibniz hinaus, der eigentlich eine neue Lesart dieser in der Geschichte der Philosophie und Theologie bereits bekannten weltanschaulichen Richtung eingeführt hat. Denn bereits bei dem als Ketzer verbrannten Dominikaner Giordano Bruno (1548-1600) finden wir eine Art monadisch gegliederten Kosmos vor.

Mathematismus und Monadismus – verwandt und konträr

Beide – Mathematismus und Monadismus – weisen in ihrer Erkenntnishaltung auf einen Punkt hin: der Mathematismus auf eine alles klärende Formel, einen gemeinsamen Nenner, eine Einzelheit im Sinne einer quantitativen Bestimmung. Der Monadismus hingegen untersucht das Individuell-

qualitative, sei es physisch, seelisch oder geistig; er schaut auf die spezifische Verfassung des jeweiligen Individuums und auf sein Beziehungsgeflecht mit anderen Monaden. Ein guter Soziologe ist auch ein echter Monadist. Ein Beispiel aus dem Bereich der Pädagogik, das ich um der Klarheit willen, etwas schwarzweiß darstellen möchte:

Die Schülerschaft einer Klasse ist, mathematistisch gesehen, lediglich eine Zahl – 30 oder 40 Lernende in einem Raum. Eine einseitig mathematistisch denkende Lehrerpersönlichkeit wird sie alle nach einem einheitlichen Leistungsmuster zu verstehen und zu beurteilen versuchen. Ihr pädagogischer Traum ist ein zertifiziertes, einheitliches Prüfungs­system, bei dem die sogenannten kognitiven Fächer – zum Beispiel Mathematik – eine Hauptrolle spielen sollen, sowie alle anderen Fächer, die gedächtnisrelevant sind: denn nur abfragbares, »objektiv« feststellbares Wissen kann ihr die Reife des betreffenden Probanden beweisen. Und wenn ein Schüler oder eine Schülerin etwas angerichtet haben, wird sie einen einheitlichen Strafkodex ersinnen – denn alle Menschen sind gleich und folglich müssen sie alle gleich behandelt werden. Eine solche Lehrerpersönlichkeit wird immer ein fest formuliertes, auf den Punkt gebrachtes »Leitbild« brauchen, um zu wissen, wozu sie eigentlich da ist.

Der monadistisch Gesinnte wird dagegen immer versuchen, jedes konkrete Individuum nach seinen eigenen Möglichkeiten zu fördern, denn es gibt mehrere Formen von Intelligenz. Infolgedessen wird er für eine sachgemäße Differenzierung im pädagogischen Angebot Ausschau halten, nicht zuletzt im Hinblick auf eine weitere Förderung von speziellen Begabungen: handwerkliche, künstlerische, soziale oder mathematisch-wissenschaftliche. Bei »Vergehen« wird er gewiss immer Gerechtigkeit walten lassen. Aber wenn er nicht sofort mit einer Strafe bei der Hand ist, wird er feststellen, dass der kleine Kevin sich mitten im Scheidungskampf seiner Eltern befindet, oder dass ein anderer Schüler eigentlich eine Sonderbetreuung braucht. Viel pädagogisches Unglück ließe sich mit etwas mehr gelebtem Monadismus vermeiden. Mit dieser Gesinnung würden wir uns außerdem auch den Weg zu allen anderen »Monaden« ebnen, die durch ihr Eigensein von uns getrennt sind. Aber wie?

Leibniz sagt zwar, dass Monaden aufgrund ihrer Abgeschlossenheit keine »Fenster« haben. Ich möchte gerne diese Aussage als Metapher eines erweiterten Monadismus nehmen: Bauen wir doch Fenster im Turm unserer individuellen Seelen und lassen wir die Mitmenschen mit ihren Schatten und Lichtseiten herein. Da wir sehr unterschiedlich sind, können wir alle unendlich viel voneinander lernen: der Europäer vom Afrikaner, der Amerikaner vom Asiaten und so weiter. Das ist die eigentliche Botschaft – soziologisch gesehen – des reinen Monadismus. Spirituell gesehen, so wie es der große Leibniz gesehen hat, kann er uns zu Gott, zur höchsten Monade, führen: durch die Liebe. ‹›

Zum Autor: Mario Betti war Waldorflehrer, danach Dozent an der Alanus-Hochschule in Alfter und am Stuttgarter Lehrerseminar. Er ist Autor einiger Bücher, zum Beispiel: »Erkenntnis und Tat – Auf dem Weg der sieben Intelligenzen«, Stuttgart 2014

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