Sind hier etwa alle behindert?

Von Henning Kullak-Ublick, November 2009

Das neue Zauberwort heißt Inklusion. Wir erinnern uns: Seit PISA uns erstmals zu internationalen Vergleichen zwang, kamen regelmäßig neue Zauberworte aus der Politik in Umlauf: Den »Laptops für alle« folgten die offene Ganztags- und die teilautonome »Output-orientierte« Schule – wenn auch durch Standards und zentrale Abschlüsse domestiziert. Als der UN-Sonderberichterstatter Vernor Muñoz seinen Finger zu Recht in die Wunde der Bildungssituation von Kindern aus sozial benachteiligten und Migrantenfamilien in Deutschland legte, hieß es allenthalben: Integration. Wer heute auf der Höhe der Zeit ist, sagt Inklusion.

In dem 2006 von der UNO verabschiedeten »Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen« verpflichteten sich die Unterzeichnerstaaten, im Regelfall Kinder und Jugendliche mit und ohne Behinderungen gemeinsam zu unterrichten. Behinderte Kinder nicht länger als Mängelexemplare eines Idealtypus zu sehen, sondern ihr Recht auf Bildung als vollwertige Mitglieder der Gesellschaft anzuerkennen, ist in der Tat revolutionär und einer Gemeinschaft angemessen, die sich den Schutz der Menschenwürde zum obersten Ziel gesetzt hat.

Wenn das allerdings nicht bloßes Wortgeklingel bleiben soll, brauchen wir auch einen neuen Bildungsbegriff: »Output« allein genügt nicht. Es geht vielmehr um lernende Gemeinschaften, in denen sich Schüler und Lehrer gleichermaßen als Handelnde und Lernende verstehen.

Rudolf Steiner führte bereits 1919 in der ersten Waldorfschule die Koedukation ein – ein Wort, das ursprünglich die »Inklusion« von schwarzen und weißen Kindern in gemeinsamen Klassen meinte. Unermüdlich kämpfte er für die Überwindung der damals wie heute noch praktizierten Selektion. Folgerichtig forderte er von den Lehrern, die individuellen Entwicklungsbedürfnisse ihrer Kinder so aufmerksam wahrzunehmen, dass sie nicht Programme umsetzen, sondern eigene Ideen und pädagogische Phantasie entwickeln könnten, um diesen Bedürfnissen gerecht zu werden.

Damals wie heute gilt: Ohne die Lehrer geht es nicht! Inklusion lässt sich nicht einfach verordnen. Sie hat äußere Bedingungen, zu denen ganz sicher mehr Geld für die Schulen gehört. Und sie hat innere Bedingungen, zu denen vor allem die Begeisterung der Handelnden gehört, neue Wege zu gehen. Es geht nicht um ein »Entweder-Oder«, sondern um Lehrerbildung, Weiterbildung, zusätzliche Lehrkräfte und neue Begegnungsräume in den Schulen.

»Sind die hier alle behindert?«, fragte eine siebzehnjährige Schülerin während eines Rundgangs durch eine sozial-therapeutische Lebensgemeinschaft.

Prompt kam die Antwort: »Ja, aber zusammen sind wir ein gesunder Mensch!«

Henning Kullak-Ublick, Vorstand im Bund der Freien Waldorfschulen und bei den Freunden der Erziehungskunst Rudolf Steiners, seit 1984 Klassenlehrer in Flensburg, Aktion mündige Schule.

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