Spedition für Weltinteresse

Von Henning Kullak-Ublick, Dezember 2011

Während ich diese Zeilen schreibe, hält die Schuldenkrise der EU weltweit die Finanzminister in Atem. Rettungsschirme werden nicht mehr nur über Banken, sondern über ganze Staaten gespannt, um sie vor den Spekulationen eines ent­fesselten Finanzmarktes zu schützen.

Unterdessen besucht mein Sohn mit seiner deutsch-koreanischen Freundin seinen kubanischen de-facto-Schwager im US-amerikanischen Miami, während meine älteste Tochter sich über die Kinder freut, die sie mit ihrem türkischstämmigen Mann bekommen hat; eine weitere Tochter ist vor drei Wochen in die Dominikanische Republik ausgewandert, die vierte bleibt vorerst im Land.

Facebook-registrierte Nutzer werden dem Konzern demnächst zu einer internationalen Kundendatei mit über einer Milliarde Einträgen verhelfen. Datenschutz hin oder her: Durch das weltweit gespannte Internet, das »Zwischennetz«, verbreiten sich in Sekundenbruchteilen Informationen, Bilder und andere Bewusstseinssplitter über die ganze Welt und versetzen uns damit in eine Art kosmische Zuschauerloge, die uns ganz neue Formen der Aufmerksamkeit abverlangt.

Die Globalisierung ist da – nicht als Schreckensszenario oder verheißungsvolle Utopie, sondern als Lebenswirklichkeit, die jeden Menschen betrifft. Diese Tatsache ist weder gut noch schlecht, sie ist einfach.

Trotzdem ist es unmöglich, über die Globalisierung zu sprechen, ohne zunächst anzuerkennen, dass sie für den größeren Teil der Menschheit und allen Verheißungen zum Trotz vor allem ein Mehr an Krieg, Armut, Hunger, Krankheit und Heimatlosigkeit bedeutet, während sich der kleinere Teil einem für die meisten Menschen unvorstellbaren Wohlstand hingibt.

Lernen, aktiv in das Weltgeschehen einzugreifen

Nicht weniger bedeutsam als die Globalisierung ist eine zweite Entwicklung: Seit einigen Jahren leben auf unserem Planeten mehr Menschen in Städten als in natürlichen Lebensräumen und immer mehr von uns in einer der wachsenden Mega-Metropolen, die nur noch als gigantische Maschinen funktionieren: Unsere Ideenwelt, aus der auch diese Städte erwachsen sind, ist zu unserer Umwelt geworden. Damit hat die Menschheit ein neues Kapitel ihrer Evolution aufgeschlagen: Wir können die Verantwortung für die Welt nicht mehr an die Natur, an Regierungen oder an die Götter delegieren, weil ihre weitere Entwicklung längst in unserer Verantwortung steht, ob wir es glauben oder nicht.

Wohin die Reise geht, bestimmen wir als handelnde Menschen selbst. 1992 entstand in Rio de Janeiro dafür der Slogan »Global denken, lokal handeln«, der nüchtern zusammenfasst, wie eine globale Kultur der Verantwortung entstehen kann.

So einfach dieser Slogan über die Lippen geht, so schwer ist er allerdings umzusetzen: Ohne ein lebendiges Denken, Weltinteresse und Entschlusskraft wird nichts draus.

Deshalb gehört es zu den zentralen Bildungsaufgaben der Gegenwart, in jedem Erdteil und jeder Kultur diese drei Fähigkeiten auszubilden. Wer sich künftig noch

zurechtfinden will, muss erst lernen, sich auf eigene Erfahrungen, die eigenen Sinne und Gedanken und auf das eigene Herz zu verlassen. Er braucht Menschen in seiner Umgebung, die kreativ arbeiten, Orte, in denen er Vertrauen zu Menschen fassen und seine eigenen Kräfte erproben und mit anderen Kindern teilen kann.

Die Waldorfpädagogik setzt auf die Fähigkeit, sich zu entwickeln

Diese Anforderungen sind es, die Menschen auf der ganzen Welt nach Alternativen zu den staatlichen Schulprogrammen suchen lassen. Viele von ihnen stoßen dabei auf die Waldorfpädagogik, weil sie statt auf genormte Programme auf die Fähigkeit und den Willen der Erwachsenen und Kinder setzt, sich zu entwickeln. Rudolf Steiners zahlreiche Anregungen für die Lehrerinnen und Lehrer dienen alle dem Ziel, die Kinder selbst tätig werden zu lassen. Die Waldorfpädagogik arbeitet weder mit einem abgeschlossenen Wissenskanon (Input) noch strebt sie genormte Ergebnisse (Output) an. Sie regt die Kinder vielmehr dazu an, selbst herauszufinden, wie sie ihr Denken, Fühlen und Wollen aufeinander abstimmen können – ein über alle Alters- und Entwicklungsstufen hinweg äußerst anspruchsvoller Übungsweg. Wie anders sollen sie ihre einzigartige Aufgabe in der Welt einmal finden?

Es ist der andere Blick auf den Menschen und es sind die daraus hervorgehenden pädagogischen Werkzeuge, die es Waldorfpädagogen erlauben, unter den unterschiedlichsten Bedingungen mit Kindern und Jugendlichen zu arbeiten.

Eine Waldorfschule kann man nicht installieren. Sie braucht die initiativen Menschen vor Ort, die oft gegen Widerstand etwas Neues aufbauen. Jede Waldorfschule hat ihren ganz eigenen Charakter, der ihr kulturelles, gesellschaftliches und religiöses Umfeld einbezieht, zugleich aber über alle Grenzen hinweg das Allgemeinmenschliche berücksichtigt. Lokales Handeln und globales Denken werden dadurch zu einer unmittelbaren Erfahrung, weil es die verbindlichen zwischenmenschlichen Beziehungen sind, die Begegnungsräume für die Kinder und Jugendlichen schaffen, in denen sie lernen können, später auch das Andere, das Fremde, wahrzunehmen und in den Kreis ihres Interesses aufzunehmen. »Kinder brauchen Wurzeln und Flügel«, nannte das Johann Wolfgang von Goethe.

Internationales Netzwerk Waldorfpädagogik

Im Laufe der Jahre haben die Waldorfschulen ein internationales Netzwerk gebildet, in dem sie sich austauschen und unterstützen können. Neben vielen unmittelbaren Schulpartnerschaften bildeten sich auch verschiedene Institutionen heraus, die diesem Austausch dienen: Die Pädagogische Sektion am Goetheanum ist ein wesent­licher Bezugspunkt, weil sie die Aufmerksamkeit immer wieder auf die anthroposophischen Grundlagen der Waldorfpädagogik lenkt. Der Haager Kreis ist die Internationale Konferenz der Waldorfschulen. Nach längerem Vorlauf ist es inzwischen gelungen, diesen Kreis zu einer wirklich repräsentativen Konferenz der Weltschulbewegung wachsen zu lassen. Menschen aus allen Kontinenten treffen sich in regelmäßigen Abständen, um sowohl über konkrete Anliegen einzelner Länder zu beraten, als auch den Blick für globale Entwicklungen zu schärfen.

Inmitten dieses Netzwerkes spielen die »Freunde der Erziehungskunst Rudolf Steiners« eine besondere Rolle: Sie helfen initiativen Menschen vor Ort dabei, auch unter schwierigsten wirtschaftlichen oder politischen Bedingungen ihre Arbeit zu machen.

In diesem Heft werden verschiedene Arbeitsfelder der »Freunde« gewürdigt. Diese Arbeit wurde in den vergangenen 40 Jahren immer vielfältiger. Die »Freunde« beschaffen Mittel für Initiativen vor Ort, führen notfallpädagogische Einsätze in Katastrophengebieten durch, sie vermitteln jungen Menschen Arbeit in Schulen, Kindergärten und heilpädagogischen Heimen auf der ganzen Welt oder richten internationale Tagungen aus, wie zum Beispiel die Asian Pacific Waldorf Teacher Conference.

»Freiheit braucht Brüderlichkeit und Brüderlichkeit braucht Freiheit, wir bringen sie zusammen!« könnte man die Arbeitsweise der »Freunde« charakterisieren. Sie bewegen Menschen aus der ganzen Welt zur Zusammenarbeit und stellen damit gelebte Brüderlichkeit an die Seite der technischen Globalisierung: Es sind immer reale Menschen, die ihr ein menschliches Antlitz geben.

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