Portfolio und Waldorfabschluss

Oktober 2011

Es gibt viele verschiedene Arten von Portfolios: Von einfachen Mappen mit Schülerarbeiten mit Epocheheftcharakter bis hin zu umfangreichen Darstellungen der Entwicklung mit Selbst-beurteilungen der Schüler und Beurteilungen der Lehrer. Und es gibt viele verschiedene Auffassungen, wie Portfolios im Unterricht eingesetzt werden können. Wäre es denkbar, dass sich das Portfolio zu einem Waldorfabschluss entwickelt, der gleichwertig ist mit dem Abitur? Wir haben vier Experten gebeten, ein kurzes Statement abzugeben.

Rüdiger Iwan: Das Portfolio – gleichwertig mit dem Abitur? Wohl eher höherwertig! Wenn ein Schüler ein Portfolio erstellt und den damit verbundenen dialogischen Prozess durchläuft, wenn er in der Lage ist, über sein Lernen (in formalen und informellen Bereichen), seine Kompetenzen (fachlicher, personaler und sozialer Art) und über seine persönliche Vision beredt und begründet Auskunft zu geben, dann dürfte das die Einlösung dessen sein, was das Reife-Zeugnis immer vorgegeben hat zu sein, aber nie gewesen ist. – So kann sich das Portfolio zu einem Waldorfabschluss entwickeln. Mit Betonung auf: Entwickeln. Wir dürfen das Pferd nicht von hinten aufzäumen. Dort, wo das Portfolio primär als alternatives Prüfungsinstrument, als Abschluss-Mappe, eingeführt wird – noch bevor es die Chance hatte, die Unterrichtskultur und den Lehrerhabitus zu wandeln – bleibt alles beim Alten. 

Frank de Vries: Zurzeit vergeben 20 Waldorfschulen in Nordrhein-Westfalen einen eigenen Waldorfabschluss in Form eines Abschlussportfolios nach der 12. Klasse. Die Schülerleistung wird im Abschlussportfolio so dokumentiert, dass das individuelle Kompetenzprofil der Schüler direkt und unmittelbar in Erscheinung tritt. Dabei kann ein Kompetenzportfolio den Übergang von der Schule zum Beruf und den Zugang zum Studium wesentlich besser gestalten, als vergleichbare staatliche Abschlüsse. Obwohl heute bei Unternehmen und Hochschulen allgemein »Schlüsselqualifikationen« wie Eigenmotivation, Teamfähigkeit, Lernbereitschaft, Kommu­nikationsstärke und Kreativität gefragt sind, werden sie im staatlichen Berech­tigungswesen nicht weiter berücksichtigt. Wenn die Waldorfschulen weiterhin nur auf staatliche Abschlüsse setzen, nehmen sie diesen Widerspruch und Verlust an Substanz für die Lern- und Berufsbiographie und für die beruflichen Chancen ihrer Schüler in Kauf. Es wird daher höchste Zeit, dass auch auf Bundes­ebene die Waldorfschulen einen eigenen Waldorfabschluss entwickeln und zur Anerkennung bringen!

Christian Boettger: Ist es möglich, bei Eltern, Schülern und bei Universitäten und Betrieben parallel und alternativ zu den staatlichen Prüfungen ein Vertrauen in ein Abschlussportfolio zu vermitteln? Werden dann Schüler die gleichen Chancen haben, einen Studien-, Ausbildungs- oder Arbeitsplatz zu finden? – Ich bezweifle, dass das in absehbarer Zeit eintreten wird. – Im Mittelpunkt stehen doch die Schüler! Und für die liegen die Abschlussprüfungen in der 9. bis 11. Klasse weit weg – manchmal so weit, dass man als Lehrer etwas nervös in Bezug auf deren Arbeitshaltung werden könnte. – Durch das Portfolio zwingen wir die Schüler, früher an die Zeit nach der Schule zu denken. Lassen wir ihnen damit noch genügend persönlichen Entwicklungsfreiraum? Werden die schwächeren Schüler, die Spätzünder und Träumer mit ihren relativ schwachen Portfolios in Hinblick auf ihren Abschluss nicht zu früh mit ihren Schwächen konfrontiert? Wie motivieren wir sie? Durch (indirekten) Prüfungsdruck mit dem Portfolio? Oder durch die Inhalte der Epochen und Unterrichte?

Ich habe bei meinen Schülern immer eine Art Wettbewerb mit den Freunden an den staatlichen Schulen erlebt. Sie wünschen zu erfahren, ob sie die zentralen Prüfungen genauso gut bestehen können. Und ich habe mich in meiner Arbeit als Waldorflehrer nie durch diese Forderung eingeschränkt gefühlt. Die Prüfungen waren eher eine Art Abfallprodukt.

Thilo Koch: Portfolio als Abschlussdokumentationsmappe für Waldorfschulabgänger? JA! Das ist mit dem Europäischen Abschluss-Portfolio/ European Portfolio Certificate (EPC) bereits von zwölf Waldorfschulen aus acht EU-Ländern entwickelt worden und kann von allen Waldorfschulen Europas mit einer Oberstufe genutzt werden.

Gleichwertig mit dem Abitur? NEIN! Er müsste MEHR-wertig sein. Das wäre beim EPC gegeben. Aber »gleichwertig« meint auch staatlich anerkannt und hier blockiert der deutsche Staat. Es gibt keine rechtliche Handhabe, mit der die Anerkennung eines gleichwertigen oder sogar mehrwertigen Waldorfabschlusses erzwungen werden könnte. Das hat der Arbeitskreis »Zukunft der Abschlüsse« in einem Rechtsgutachten klären lassen.

Portfolio als Waldorfabschluss, mehrwertiger als das Abitur? JA! Mit dem in der Entwicklung befindlichen European Waldorf Diploma, das auf dem Waldorflehrplan beruht und das EPC als integralen Bestandteil nutzt, wird es in Europa – und Deutschland ist Teil davon – möglich. Ein Abschlussportfolio, das nur die »Waldorf-Exotika« beinhaltete, wäre kein Waldorfabschluss. Es müsste dann schon alle Fächer, Praktika, Projekte, Präsentationen und internen Prüfungen – und warum nicht auch die staatlich anerkannten Prüfungen – adäquat spiegeln. Ein solches Abschluss­portfolio hätte eine positive Innen-Wirkung; das revolutionär-dynamische, am Kind, an der Klasse orientierte Lehrplan-Ideal Steiners könnte stärker und bewusster gelebt werden.

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