Sprechendes Vorbild

Von Mathias Maurer, Mai 2016

Friedrich II. (1194–1250) wollte die Ursprache der Menschheit entdecken. Ihm wird folgendes Experiment zugeschrieben: Er übergab neugeborene Kinder Ammen, die sie stillten und pflegten, aber nicht mit ihnen sprachen. Alle Kinder starben.

Auch der »Findling« Kaspar Hauser, der viele Jahre seiner Kindheit in Isolationshaft verbrachte, um – wie vermutet wird – nicht die badische Erbprinzenfolge antreten zu können, sprach nach seinem öffentlichen Erscheinen kaum und schien geistig zurückgeblieben.

Ob Legende oder Tatsache: Die sprachliche Zuwendung ist für eine menschlich gesunde Entwicklung unabdingbar. Die Hospitalismusforschung weist diesen Zusammenhang nicht nur an Heimkindern nach, sondern kennt die Folgen von Vernachlässigung auch in Form von Wohlstandsverwahrlosung. Auch durch die moderne mediale Lebensweise mit einhergehender Bewegungsarmut – so Kinderärzte und Neurologen – wird das Sprechen negativ beeinflusst. Schätzungen gehen davon aus, dass bis zu vierzig Prozent der heutigen Kinder im Vorschulalter Sprachentwicklungsverzögerungen und Sprachstörungen aufweisen.

Dabei könnte man annehmen: Wir waren noch nie so kommunikativ unterwegs wie heute. Doch weit gefehlt – wir sind zivilisatorisch auf dem Weg in eine zunehmende Sprachlosigkeit. Es muss also eine tiefere Schicht des Sprechens beteiligt sein, die den Goldgrund der Sprache abgibt. Sprache stiftet Sinn und Bedeutung. Im Sprechen sprechen sich moralische Qualitäten aus: Ehrlichkeit, Eindeutigkeit, Authentizität und Konsequenz. Je mehr der Mensch Sprache gestaltet, wirkt sie als ein Erziehungsmittel, das die Welt nicht distanziert und abstrakt erklärt, sondern in ihr Daseinssicherheit und das Gefühl des Beheimatetseins in der Welt vermittelt.

Wegen seiner Blindheit hatte der französische Schriftsteller Jacques Lusseyran ein geschultes Ohr. Er schrieb: »Ich wünschte, dass die Menschen das ›Wort‹ nicht verlieren, da es die Grammatik der Welt, ihr Zusammenhalt, ihre treue Wiedergabe ist.« Sprache vermittelt das Wahre, Schöne und Gute der Welt dem lauschenden Kindesohr. Kinder lieben die Magie der Sprache, denn der schöne Sprachklang vermittelt Innerlichkeit, transportiert nicht nur Informationen, sondern die seelische Situation, ja sogar die moralische Integrität des Sprechenden. Kinder sind ganz Ohr, besonders wenn frei und nicht in »konservierter« Form erzählt wird. Kinder brauchen auch keine kindgerechte Ansprache. Im Gegenteil: Babysprache beleidigt ihren Sprachlernwillen. Kinder holen sich das aus der gehörten Sprache, was sie brauchen und verstehen können und integrieren das Nichtverstandene intuitiv.

Durch die Sprache spricht nicht nur die Aussage, sondern der Aussager. Sprache führt ins Leben, ja, Sprache ist Leben. Wir sind im wahrsten Sinne sprechendes Vorbild.

Folgen