Ändert euern Sinn

Von Henning Kullak-Ublick, Juli 2020

Neuerdings überkommt mich beim Anschauen alter Filme manchmal das Gefühl: »Hey, merkt ihr nicht, dass ihr viel zu nah und in viel zu großen Gruppen beieinandersteht? Warum passt ihr denn nicht auf?« Dann erst setzt mein Verstand ein und erklärt mir, dass das a) ein historischer, also vor März 2020 gedrehter, Film ist, wir b) alle noch Lernende sind und daher c) das letzte Wort darüber noch nicht gesprochen ist, wo gegenwärtig der Irrsinn anfängt und wo er aufhört.

Einer dieser alten Filme hat mich als jungen Menschen, zusammen mit Büchern wie Hermann Hesses Steppenwolf oder Tom Wolfes Electric Cool Aid Acid Test, mehr geprägt als es meinen Eltern lieb sein konnte: Woodstock. Es lohnt sich, ihn mit dem Blick von heute, einem einigermaßen brauchbaren Soundsystem und unbedingt einem sehr guten rhythmischen und Nerven-Sinnes-System wieder einmal anzusehen. Damals war der Vietnamkrieg in vollem Gange, samt des vollen patriotischen Propagandaarsenals, das in den USA zum Alltag gehört. Was war die Antwort der Hippie-Bewegung auf dieses Desaster? Love and Peace, manchmal verbunden mit großer Kunst wie Jimi Hendrixʼ epochaler Interpretation der amerikanischen Nationalhymne in Star Spangled Banner, manchmal durch die ebenso durchgeknallte wie von Menschenliebe durchdrungene Arbeit der Hog Farm mit ihrem Wavy Gravy, die sich um die Hilflosen oder Abgestürzten kümmerten, vor allem aber durch diejenigen, die ihre Gefühle der Trauer, der Angst, des Entsetzens über den Krieg umwandelten in neue Formen des Zusammenlebens mit anderen Menschen und der lebendigen Erde.

Das war der spirituelle Kern der Hippiebewegung. Heute stehen wir wieder vor einer Schwelle, bei der wir uns entscheiden müssen, wie wir weitergehen wollen. Allerdings geht es diesmal noch tiefer an unsere Substanz, denn wir haben es mit einem Virus zu tun, das von der geschundenen Natur, von der misshandelten Tierwelt, auf uns übergesprungen ist. Alles, was bisher geschehen ist, hält uns einen Spiegel vor, der lange Verdrängtes sichtbar macht: Was machen wir mit unserer Angst vor einer ungewissen Zukunft? Was machen wir mit dem Wissen um den Zustand der Natur, der Erde, unseren Mitmenschen in den armen Regionen der Welt, auf deren Kosten wir so lange wie im Rausch gelebt haben? Projizieren wir diese Angst einfach auf Christian Drosten, Bill Gates, Angela Merkel, die WHO oder wer gerade zur Hand ist?

Oder gelingt es uns, uns selbst als den eigentlichen Mittelpunkt dieser Krise zu erkennen, für den wir die alleinige Verantwortung haben? Hören wir den Ruf der Mutter Erde »Ändert euern Sinn«? Erkennen wir endlich, dass die Art und Weise, wie wir unsere Gedanken bilden, wie wir fühlen lernen, was wir denken und denken lernen, was wir fühlen, entscheidend für die weitere Entwicklung der Welt sein wird? Die Covid-19-Krise ist eine Bewusstseinskrise, die wir nur überwinden können, wenn wir einen Frieden mit der Natur schließen, der nicht in Forderungen hängenbleibt. Die Evolution hat uns diese Bewusstseinskräfte geschenkt. Es wird Zeit, sie der Welt zurückzuschenken.

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