Affentheater

Von Henning Kullak-Ublick, Juni 2018

Fünf Affen bewohnten gemeinsam einen Käfig, in dessen Mitte eine Leiter stand, auf deren oberster Sprosse eine Banane lag. Wann immer einer der Affen sich anschickte, die Leiter hinauf­zuklettern, wurden seine Kollegen von oben mit kaltem Wasser übergossen. Nach einiger Zeit hinderten sich die Affen gegenseitig durch Schläge daran, die Leiter zu erklimmen.

Als einer der Affen durch einen anderen ausgetauscht wurde, der natürlich sofort auf die Leiter klettern wollte, wurde auch dieser durch die Schläge der anderen daran gehindert. Nach einiger Zeit waren alle fünf Affen ausgetauscht worden, aber es blieb dabei, dass sie sich gegenseitig daran hinderten, zu der Banane zu gelangen, obwohl keiner von ihnen noch aus eigener Erfahrung wusste, warum.

Es ist nicht ganz sicher, ob es sich bei dieser Geschichte nur um ein urbanes Märchen handelt, aber es gibt ähnliche, gut belegte Versuche. Der bekannteste dieser Versuche wird mit Menschen gemacht, wenn alljährlich Notenzeugnisse verteilt werden, die angeblich »objektiv« darstellen, wie es um die Leistungsfähigkeit der Kinder bestellt ist und mit dieser Legitimation über ihre Lebenschancen entscheiden. Während Entwicklungs- und Lernpsychologen sowie fast alle Neurowissenschaftler seit vielen Jahren fordern, vor dem 13. Lebensjahr keine Noten zu vergeben, weil die Kinder sonst nur für diese, statt aus Interesse an der Sache, aus Neugier oder von Wissensdurst geleitet lernen, hält sich selbst beim Großteil der Eltern hartnäckig die Vorstellung, Notenzeugnisse seien notwendig, um die Kinder zum Lernen anzuhalten.

Das sagt allerdings mehr über ihre eigenen Lernerfahrungen und ihr Bild vom Lernen aus als über die tatsächliche Wirkung der Noten oder, schlimmer noch, des Sitzenbleibens. Gute Noten tun zwar immer gut, weil sie anerkennen, dass sich jemand mit dem geforderten Stoff zurechtgefunden hat, und das motiviert natürlich. Aber schlechte Noten? Die waren schon immer ein Disziplinierungsinstrument, das die Kinder vor allem darauf trimmen sollte, den Erwartungen der Kirche oder der Regierung, also kurz: der Erwachsenen zu entsprechen, ganz gleich, ob der Unterricht etwas taugte oder nicht. Es ging um Anpassung, nicht um individuelle Leistung.

Dass echtes Lernen weit über jedes Notensystem hinausgeht, zeigt schon ein Blick auf die ersten drei Lebensjahre, in denen die Kinder unendliche Anstrengungen unternehmen, um sich aufzurichten und laufen, zu sprechen und schließlich ihr Denken auszubilden. Das erschließen sie sich aber nicht durch Druck von außen, sondern durch Vorbilder, die nachzuahmen sich lohnt. Es gehört zu unserem Menschsein, dass wir nicht fertig auf die Welt kommen, sondern alles, was wir können, erst durch Übung erwerben und dann durch noch mehr Übung erhalten oder entwickeln müssen. Deshalb sollten Zeugnisse den Kindern vermitteln, was sie schon können, was sie noch besser könnten, wenn sie wollten und was sie von anderen dabei lernen können. Mit einer alten Bauernweisheit gesprochen: Vom Wiegen wird die Sau nicht fett!

Guter Unterricht braucht keine Noten, sondern Menschen, die sich auf die Leiter trauen.

Henning Kullak-Ublick, von 1984 – 2010 Klassenlehrer an der FWS Flensburg; Vorstand im Bund der Freien Waldorfschulen, den Freunden der Erziehungskunst Rudolf Steiners, der Internationalen Konferenz der Waldorfpädagogischen Bewegung – Haager Kreis sowie Koordinator von Waldorf100 und Autor des Buches »Jedes Kind ein Könner. Fragen und Antworten an die Waldorfpädagogik«.

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