Alles nur geklaut

Von Henning Kullak-Ublick, April 2011

Herr und Frau Yildirim aus Anatolien wohnen in Berlin-Kreuzberg. Am 31. Mai 2011 wird ihre Tochter Aleyna sechs Jahre alt, also schulpflichtig. Ihre Eltern bekamen im Herbst einen Brief vom Service-Point Bildung Berlin-Mitte mit einer Einladung zum »Tag der Begegnung«, an dem sich alle Schulen Berlins mit Ständen, Info-Broschüren und Ansprechpartnern vorstellen. Der Brief enthielt auch eine Übersicht aller Schulen mit ihren Profilen, Leitbildern, besonderen Angeboten und ihrem pädagogischen Anliegen sowie das Angebot, den Eltern bei der Suche nach der richtigen Schule für ihr Kind zu helfen.

Aleynas Eltern entscheiden sich für die Regenbogen-Schule in Friedrichshain, die zwar ein wenig Fahrzeit mit sich bringt, dafür aber besonderen Wert auf das Zusammenleben von Kindern mit und ohne Migrationshintergrund legt. Außerdem hat ihnen die Schule wegen ihrer fröhlichen Atmosphäre besonders gut gefallen. Nachdem sie ihre Tochter angemeldet haben, bekommen sie noch einmal Post vom Service-Point. Diesmal enthält der Brief eine Chipkarte, mit der sie für Aleyna nicht nur eine persönliche Schulwebseite mit Hinweisen rund um das Schulleben, Kultur-Tipps und Kontaktadressen für Hausaufgabenhilfe, Freizeitgestaltung oder Therapieangebote anlegen können, sondern die ähnlich wie die Versichertenkarte beim Arzt von Aleynas Schule eingelesen werden kann, die damit auto­matisch einen festen monatlichen Betrag vom Staat erhält, der aus den durchschnittlichen Kosten des Vor­jahres für einen Schulplatz ermittelt wurde.

Die Regenbogen-Schule ist so attraktiv, dass es mehr Eltern gibt, die ihre Kinder dort anmelden möchten, als freie Plätze. Deshalb haben einige Eltern und Lehrer beschlossen, eine neue Schule mit ähnlichem Profil zu gründen, allerdings mit noch mehr Kunst. Mit viel Farbe und noch mehr Enthusiasmus wird ein altes, leer stehendes Schulgebäude in der Nachbarschaft hergerichtet und bald geht es los.

Was Sie hier lesen, ist in Deutschland eine Utopie. Lieber leisten wir uns nicht eine, nicht zwei, sondern gleich sechzehn Zentralen mit Tausenden von Kultusbeamten, die für eine weltweit beispiellose Überregulierung sorgen und uns doch jedes Jahr wieder unseren fest gebuchten Minusrekord bescheren: In keinem anderen Land der OECD hängen Erfolg oder Misserfolg der schulischen Laufbahn mehr von der sozialen Herkunft der Kinder ab als in Deutschland. Das muss sich endlich ändern. Der Staat hat schon zu lange bewiesen, dass er es nicht kann!

Pädagogische Initiative bedarf der freien Schulwahl durch die Eltern. Der hier beschriebene Bildungsgutschein ist die effizienteste Methode, ein unbürokratisches und reformfähiges Schulwesen zu schaffen, das niemanden ausschließt und Initiative belohnt, statt sie zu bestrafen. Dann können freie Schulen überall dort entstehen, wo Menschen selbst die Verantwortung übernehmen, auch da, wo sie bisher – ob politisch gewollt oder nicht – kaum eine Überlebenschance haben, zum Beispiel in den sozialen Brennpunkten unserer Städte.

Wenn wir eine mündige Gesellschaft wollen, müssen wir sie uns schon selber bauen. Der taz-Journalist Christian Füller brachte es bei der diesjährigen didacta auf den Punkt: »Der Staat hat den Bürgern die Schule geklaut – es wird höchste Zeit, dass sie sich sie wieder zurückholen!«

Henning Kullak-Ublick, Vorstand im Bund der Freien Waldorfschulen und bei den Freunden der Erziehungskunst Rudolf Steiners, seit 1984 Klassenlehrer in Flensburg, Aktion mündige Schule (www.freie-schule.de)

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