Haben wir Angst vor der Freiheit?

Von Henning-Kullak-Ublick, April 2010

Jeden Tag strömen Millionen von Kindern und Jugendlichen in die Schulen – ein unerschöpfliches Potenzial an Zukunft: Junge Menschen mit ihren erwachenden, noch unverbogenen Fähigkeiten, die zu erschließen, zu erkennen und zu bilden der eigentliche Grund dieser allmorgendlichen Völkerwanderungen sind.

Warum aber erfüllt das Wort »Schule« nicht alle Herzen mit Freude, Stolz und Zuversicht?

Warum ist Schule nicht der wichtigste Ort der kreativsten Geister unserer Zeit?

Warum haben manche Kinder Angst vor ihr?

Weil wir immer noch glauben, Lernen sei nicht viel mehr als das Beschreiben einer Festplatte? Weil wir zulassen, dass nicht Künstler, Pädagogen und Gelehrte, sondern Weltverwalter und obrigkeitshörige Pedanten uns ihr Bild von Schule aufzwingen? Weil wir Sicherheit in Standards und Zentralisierung suchen, statt Begegnungsräume und Erfahrungsfelder zu schaffen? Warum, wenn nicht aus Angst, finden wir uns mit einer Nachhilfeindustrie ab, ohne die das gesamte Prüfungswesen zusammenbrechen würde? Sind wir zu bequem oder zu feige, um dagegen auf die Barrikaden zu gehen? Wovor haben wir Angst? Vor der Freiheit?

Eine Legende erzählt, wie der Kaiser von China einst einen berühmten Maler damit beauftragte, ihm binnen Jahresfrist einen Hahn zu malen. Nach Ablauf des Jahres erbat sich der Maler ein weiteres Jahr, und so ging es sieben Mal. Endlich trat er vor den Kaiser und malte mit einem einzigen Strich seines Tuschepinsels einen vollendeten Hahn auf die leere Leinwand. Als der Kaiser ihn daraufhin zornig einen Betrüger und Nichtstuer schalt, führte ihn der Maler in einen Raum, der bis unter die Decke mit Zeichnungen von Hähnen gefüllt war. Sich verneigend sprach er: »Nicht einen Tag früher hätte ich einen Hahn für euch malen können!«

Jeder Lehrer weiß: Die besten Unterrichtsstunden sind die, in denen das Unerwartete geschieht. Aber: Das Unerwartete braucht intensive Vorbereitung. Ohne sie klebt man am Stoff. Das Tor für das Unerwartete öffnet sich, wenn der Stoff zum Mittel wird, bei den Schülern Aufmerksamkeit für das Nichtbehandelte zu wecken. Ein solcher Unterricht bringt alle in Bewegung und die Unterschiede zwischen Lehrenden und Lernenden heben sich auf. Lehrer und Schüler sind am Gleichen tätig. Wenn Lernen zur Kunst wird, schafft es die einzige Sicherheit, die dauerhaft trägt: Die Erfahrung, sich immer wieder durch eigene Tätigkeit wandeln zu können. Alles andere ist Schnee von gestern, ganz gleich, wie eine Schule heißt.

Henning Kullak-Ublick, Vorstand im Bund der Freien Waldorfschulen und bei den Freunden der Erziehungskunst Rudolf Steiners, seit 1984 Klassenlehrer in Flensburg, Aktion mündige Schule.

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