Humor löst Verhärtungen

Von Hans Hutzel, März 2022

Neulich stolperten wir eher aus coronabedingtem Kulturhunger, denn aus gezielter Suche ins Theater. Das Maxim-Gorki-Theater in Berlin ist ein Ort, in dem politische Themen korrekt und feinsinnig, »woke«, und bewusst auf individuelle Identitäten schauend, künstlerisch bearbeitet werden.

So war das auch in »Slippery Slope«, einem Musical über Political Correctness, Identitätspolitik, Cultural Appropriation, Cancelculture und alle diese Dinge, bei denen mensch nie weiß, ob man das nun noch sagen darf oder gerade nicht. Noch draußen im Foyer wurde mit einem Zitat von Judith Butler klargestellt: »Grundlage der neuen Geschlechterforschung ist die Annahme der sozialen Konstruktion von Geschlecht.« Auf der Bühne ging es schrill, laut, humorvoll und selbstironisch zu. Da mir diese Themen eine Herzensangelegenheit sind, ich jedoch oft an der Komplexität im Umgang damit verzweifle und ernsthaft meinen Weg durchs Labyrinth suche, konnte ich darüber zunächst gar nicht lachen – überhaupt nicht! Der wilde Wirbel zog mich jedoch hinein und unweigerlich entwickelte sich aus einem verkrampften, moralisch entrüsteteten Grinsen ein gelöstes und lockeres Lachen! Knapp gespoilert: Letztlich landen alle Besserwisser:innen vor einem schmierigen Krisenberater, der zwar Geld verdient, aber sonst nichts nützt! Wie gesagt, alles war witzig und durch treffsicheren Humor genau so weit von der Wirklichkeit entfernt, dass die unbestritten anliegenden Fragen – siehe oben! – nicht beschädigt werden, sich jedoch von der heute verbreiteten Meinungswucht und dem starren Behauptertum lockern, wie zusammengerostete Gelenke wieder gängig gemacht werden.

Dadurch entsteht exakt der Spalt zwischen Wirklichkeit und Haltung, in den die Selbstironie passt. Das rüttelt auf und hilft aus der Gemütlichkeit der richtigen Gesinnung, aus dem dumpfen Gefühl des »sich von vorneherein auf der richtigen Seite Wähnens«. So eindeutig und berechenbar ist die Welt Gott (!) sei Dank nicht. Ich selbst ertappe mich in den letzten gesellschaftlich anstrengenden Monaten bei einem überdrehten Moralismus und moralisch aufgeladenen Urteilen und wurde bisweilen von meinen Töchtern ertappt und scharf ermahnt – Danke für diesen Lernimpuls! Das geht mir nach. Der schrille Theaterbesuch war heilsam gegen solcherlei Verhärtungen. Humor und Ironie verunsichern. Aber ein heilsamer Humor, der nicht zynisch daherkommt, hilft den Zustand der Uneindeutigkeit des alltäglichen Suchens erträglich zu halten und eröffnet dadurch die Möglichkeit der Selbstkorrektur. Ein Gespräch über sich verbreiternde Gräben hinweg kann durch Humor und einen fröhlich-ironischen Blick auf sich selbst wieder glücken. Das ist die Erfahrung aus einem unverhofft heilsamen Theaterabend und das wünsche ich auch den Debatten um das »*« oder das »:« oder »_« oder um die anderen moralischen Klippen, die uns bevorstehen. Ich bin dankbar, dass die erziehungskunst und die neue Redaktion mit Angelika Lonnemann mit dem Gendern die Sprache aufraut. (Dazu wünsche ich ein lockeres Händchen und eine scharfe Schnoderschnauze!) Wie gut, dass es in den Waldorfschulen sogar eine eigene Humor-Epoche gibt. Daselbst habe ich hospitierend mal auswendig lernen dürfen: »es frisst im Weissheitsfuttersack wohl jeglich Maul ein Weilchen, doch nie erreicht’s – oh Schabernack – die letzten Bodenteilchen.«

Hans-Georg Hutzel ist Mitglied im Vorstand des Bundes der Freien Waldorfschulen und Geschäftsführer für den Bereich Lehrer:innenbildung und Dozent in der Erwachsenenbildung. Er ist unter anderem Diplom-Politikwissenschaftler und war als Lehrer und Geschäftsführer tätig, zuletzt an der Emil Molt Akademie. Hutzel ist verheiratet und hat zwei Töchter.

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