Nachhaltig revolutionär

Von Henning Kullak-Ublick, September 2019

1919 legte Rudolf Steiner in einem an inhaltlicher Dichte kaum zu überbietenden 14-tägigen Parforce-Ritt die Grundlagen für den Aufbau der neuen Waldorfschule in Stuttgart.

Die heute unter dem Titel Allgemeine Menschenkunde bekannten Morgenvorträge endeten mit dem Ruf an die künftigen Lehrerinnen und Lehrer: »Durchdringe dich mit Phantasiefähigkeit! Habe den Mut zur Wahrheit! Schärfe dein Gefühl für seelische Verantwortlichkeit!«

In diesem September kulminieren die internationalen Feiern zum hundertsten Jubiläum dieses pädagogischen Einschlags, der in seiner Tiefe und seinem Potenzial noch längst nicht ausgeschöpft ist. Die Feiern beginnen am 7. September mit dem Festakt der Stuttgarter »Mutterschule«, an die sich unmittelbar eine internationale Menschenkunde-Tagung anschließt. In dem internationalen Festival im Berliner Tempodrom finden sie am 19. September ihren vorläufigen Abschluss. Vorausgegangen sind unzählige Kongresse, Initiativen, Feiern und Aktivitäten von Schülerinnen und Schülern in aller Welt, bei denen es immer um die Frage ging, was die Kinder unserer Zeit brauchen, um sich zu freien, sozialfähigen und kreativen Persönlichkeiten zu entwickeln, zu Menschen also, die ihren Stern nie ganz aus den Augen verlieren. Denn darum geht es. Die oben zitierten Worte Steiners haben nichts von ihrem revolutionären Potenzial eingebüßt, weil sie das Freiheitswesen des Menschen als Ausgangs- und Zielpunkt allen pädagogischen Handelns ernstnehmen. Angesichts der immer tiefer eingreifenden Standardisierung, ja Industrialisierung des Lernens wird die Frage nach der Phantasiefähigkeit existenziell, weil sie dem mechanistischen ein lebendiges Denken entgegensetzt. In einer Zeit, in der Wahrheit als eine im Kern beliebige, im Wesentlichen durch »Likes« entstehende Konstruktion verstanden wird, ist der Versuch, sich einer der Welt innewohnenden Wahrheit individuell zu nähern, ohne Mut – auch zu schmerzhaften Irrtümern – nicht zu schaffen. Und kann man ein »Gefühl für seelische Verantwortlichkeit« ohne die innere Freiheit, sich selbst erziehen zu wollen, überhaupt entwickeln? Ist diese nicht die Basis eines von politischen, ökonomischen oder ideologischen Vereinnahmungsbestrebungen unabhängigen Schulwesens schlechthin?

Darum geht es für uns Lehrerinnen und Lehrer! Nach hundert Jahren verfügen wir über viele schöne pädagogische Traditionen. Wenn die allerdings zum System erstarren, statt sich lebendig weiterzuentwickeln, wird daraus Folklore, Vergangenheitsbezug. »Man muss sich der Idee erlebend gegenüberstellen können; sonst gerät man unter ihre Knechtschaft«, schrieb Rudolf Steiner in seiner Philosophie der Freiheit. Deshalb ist Waldorf 100 zu einem weltweiten Aufbruch geworden: zum »Erleben der Idee«, zu pädagogischer Phantasie, pädagogischem Mut und pädagogischer Qualität. Wenn wir unsere hundertjährige Erfahrung nicht als an den Füßen klebenden Lehm, sondern als elastisches Sprungbrett in die Zukunft nutzen und vor allem unseren jungen Kolleginnen und Kollegen Mut zu neuen Abenteuern machen, haben sich alle Mühen gelohnt. Nachhaltiger geht nicht!

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