Qualitätsoffensive

Von Wilfried J. Bialik, Oktober 2021

Trotz der Corona-Pandemie, die auch an den Waldorfschulen nicht spurlos vorbeizieht, ist der Wunsch nach alternativen Lernwegen und entwicklungsgerechter, am Kind orientierter Pädagogik, nach Waldorfpädagogik, ungebrochen.

Zahlreiche Gründungsinitiativen streben nach einer Schule in der eigenen Region, in der es gar keine oder von hohem Zulauf überforderte Waldorfschulen gibt, die zu einem großen Teil mehr Kinder ablehnen müssen, als sie aufnehmen können. Was genau diese jungen Eltern bewegt, ihre Kinder an einer Waldorfschule anzumelden, welche Wünsche und welche Ziele sie für ihre Kinder formulieren, hat sich aus der Erfahrung vieler Jahre in Aufnahmegesprächen und Schulgründungsberatungen stark verändert. War es vor einigen Jahren noch der Wunsch nach einer ausgebauten und etablierten Waldorfschule, die alle waldorfspezifischen Fächer, anbietet, sind es heute Initiativen, die bereits in ihrem Gründungsimpuls Kleinstschulen mit wenigen Kindern in einer Klasse vorsehen. Sind ländlich geprägte Hof-Schulen und Dorfschulen mit den Bildungszielen und dem Bildungsauftrag als Waldorfschulen mit »besonderer pädagogischer Prägung« vereinbar?

Wie sieht die Realität an den Waldorfschulen in den verschiedenen Bundesländern aber tatsächlich aus? Sind zwölf Jahre Waldorfpädagogik mit Waldorfabschluss noch interessant? Gymnasiale Oberstufen ersetzen das Zwölftklassspiel, den künstlerischen Abschluss oder auch die Kunst- oder kunsthistorischen Abschlussfahrten. Epochenunterrichte werden zu Gunsten von Fachstunden für die »abschlussrelevanten Fächer« gestrichen oder umgewandelt. Sind es dann noch Waldorfschulen, die den inneren Kern der Waldorfpädagogik durchtragen? Sind Kollegien einer Waldorfschule noch in der Lage, die waldorfpädagogische Qualität und den Waldorflehrplan bis in die Mittel- und Oberstufe umzusetzen? Eine wesentliche Aufgabe bleibt hierbei die Gewinnung und die Ausbildung und Fortbildung von jungen Lehrerinnen und Lehrern, die sowohl die Kerngedanken der Waldorfpädagogik in ihren Schulen weiterentwickeln als auch die fachlichen Herausforderungen einer Klassenlehrerzeit erfüllen. Dies gilt auch für die Mittel- und Oberstufe, in der die Waldorfpädagogik die Grundlage aller Unterrichte und Prüfungsvorbereitungen sein sollte. Die Öffnung und der Diskurs mit den Erziehungswissenschaften gehört ebenso zu einer der wesentlichen Aufgaben, die in naher Zukunft unausweichlich auf die Ausbildungseinrichtungen der Waldorfpädagogik zukommen. Eine qualifizierte und diskursorientierte pädagogische Ausbildung sollte für alle Fächer, auch die waldorf-typischen Fächer, wie Eurythmie, Musik, den Werkunterricht und auch den Gartenbau, eine Selbstverständlichkeit sein. In diesem Spannungsverhältnis von neuen Schulgründungen, kleinsten Schuleinheiten mit alternativen (waldorf)pädagogischen Inhalten und dem Wunsch nach staatlichen Abschlüssen auf hohem Niveau, ohne dabei die Waldorfpädagogik im Unterrichtsalltag zu verlieren, wird sich der Bund der Freien Waldorfschulen den Fragen nach den Inhalten, nach der Struktur und Organisation von Waldorfschule, nach der Qualität von Waldorfpädagogik und der Lehrerbildung in den nächsten Jahren stellen.

Wilfried J. Bialik ist Lehrer und derzeit Geschäftsführer an der Freien Waldorfschule Sankt Augustin sowie Mitglied im Bundesvorstand der Freien Waldorfschulen.

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