Selbstverwaltung – Selbstverpflichtung – Selbstverantwortung – Selbstführung

Von Wilfried Bialik, Mai 2022

Als ich 1997 meine ersten Aufgaben an der Waldorfschule übernahm, war eine der wesentlichen Informationen: »Wir sind eine selbstverwaltete Schule. Hier gibt es keine Hierarchien. Das Kollegium leitet die Schule und die Eltern und Lehrer:innen arbeiten sehr gut und eng zusammen«.

In der Selbstverwaltung entscheiden die Beteiligten, durch ihre gewählten Vertreter:innen über wesentliche Belange der Waldorfschule. Die Vereinsmitglieder stehen in direktem Kontakt zur Basis und können so die Probleme sachgerecht und lebensnah lösen. In der freiwilligen Selbstverpflichtung gaben damals alle Kolleg:innen eine einseitige Erklärung ab, bestimmte Regeln einzuhalten oder Anforderungen in Arbeitskreisen in einem bestimmten Zeitraum durchzuführen. Die Selbstverpflichtung war natürlich rechtlich nicht bindend. Bereits der Vorschlag, sie zu verschriftlichen, wurde einmütig abgelehnt. Die Selbstverantwortung für das eigene Handeln wurde in die Freiheit einer jeden Person gestellt, die an der Schule Verantwortung übernahm. Die Verbindlichkeit und Verantwortung für das eigene Tun, die in einer Selbstverpflichtung zum Ausdruck gebracht werden sollte, blieb somit im Bewusstsein der Teilnehmenden.

Der Begriff der Selbststeuerung wurde als ein hohes Gut angesehen. Es begann ein Prozess, der ein offenes Ende hatte und dennoch von allen Kolleg:innen und Mitarbeitenden intensiv wahrgenommen wurde. Das Selbstverwaltungsprinzip, in dem Verantwortungsbereiche an verschiedene Träger delegiert werden, konnte nach zweijähriger Begleitung durch einen geschulten Mediator abgeschlossen werden.

Die Selbstverwaltung und Selbstführung einer Waldorfschule steht heute, 25 Jahre nach den ersten Erfahrungen in der Organisationsentwicklung, erneut im Fokus vieler Schulen, ob alt und gediegen oder neu und innovativ. Mehr Professionalität im Rechts- und Wirtschaftsleben ist notwendig, um mit der gesellschaftlichen Entwicklung Schritt zu halten. Waldorfschulen als Bildungsunternehmen müssen sich verabschieden von der Idee der Selbstverwaltung, meinen vermehrt Berater:innen, die einen Blick in den inneren Kern der Schulen werfen dürfen.

Wer jedoch genau hinschaut, wie sich heutzutage Unternehmen auf die Herausforderungen der Zukunft einstellen, wird erkennen, dass Menschen aus unterschiedlichen beruflichen Bereichen, mit verschiedenen Fähigkeiten, wie selbstverständlich an gemeinsamen Projekten arbeiten. »Teamwork«, ein Begriff aus den 1980er Jahren, erlebt ein Comeback.

»Teamwork« beschreibt eine Form der Selbstorganisation, in der ein soziales System seine Strukturen selbst produziert und aufrechterhält. Unsere Waldorfschulen arbeiten an den Fragen der Sozialgestalt von Schule und werden auch die Anforderungen der heutigen Zeit bewältigen. Ich bin sehr zuversichtlich, dass wir Schule in der Zukunft auch mit dem freiheitlichen Impuls und der Idee des »Selbst-in-die-Handnehmens«, gestalten können. Nutzen wir die professionellen Fähigkeiten der Menschen, die an und für die Waldorfschulen arbeiten und sich um die Zukunft der Waldorfschulen Gedanken machen!

Wilfried Bialik ist Mitglied im Vorstand des Bundes der Freien Waldorfschulen, Geschäftsführer und Lehrer an der FWS Sankt Augustin.

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