Sinnlose Sortiererei

Von Henning Kullak-Ublick, Januar 2011

Aus dem Persischen überlieferte Goethe den schönen Satz: »Zwei Dinge sollen Kinder von ihren Eltern bekommen: Wurzeln und Flügel.«

Wurzeln brauchen einen lebendigen Boden, Kinder eine seelische Heimat als Resonanzboden, auf dem sie ihre vielen Erlebnisse nachklingen lassen, sich zu Eigen machen und wie Aschenputtel das Gute ins Töpfchen, das Schlechte ins Kröpfchen sortieren können. Es sind die Schutzräume ihrer Familien und ihrer Schule, innerhalb derer sie die Kraft zum Entfalten ihrer Flügel erwerben müssen, bis daraus Schwingen werden, die sie weit über diese Orte hinaustragen.

Neujahrswunsch: Machen wir unsere Schulen zu Orten des Wachstums für alle Beteiligten, zu Orten der Arbeit, des Spiels und der Entdeckung des Wesentlichen. Werden wir eine Gemeinschaft von Künstlern, Wissenschaftlern und Handwerkern, kurz: von Begabten, die sich immer doppelt so viel (zu)trauen, als die Pedanterie erlaubt! Verbannen wir die Negativauslese ein für allemal dahin, wo sie hingehört: ins Gruselkabinett der schwarzen Pädagogik!

Es gibt viele kleine Heldentaten, die längst begonnen haben, Schule zu verändern. Ein Beispiel ist die bayerische Grundschullehrerin Sabine Czerny, die vor zwei Jahren die Folgen ihres guten Unterrichts zu spüren bekam: Weil ihre Schüler immer besser wurden, wurden auch ihre Noten immer besser. Nun beruht die ganze Logik des Notensystems aber darauf, dass es immer auch Verlierer gibt: Ohne sie verliert dieses statistische Menschensortierverfahren seinen Sinn. Die Lehrerin wurde daher folgerichtig und wiederholt aufgefordert, die Noten ihrer Klasse so anzupassen, dass es wieder genügend viele Verlierer gab. Sie weigerte sich – und wurde strafversetzt. Im Juni 2009 erhielt Sabine Czerny dafür einen Preis für Zivilcourage und im Oktober 2010 erschien ihr Buch Was wir unseren Kindern in der Schule antun … und wie wir das ändern können.

Wurzeln und Flügel bedürfen eben eines freien Himmels und eines geschützten Raumes.

FOCUS-Schlagzeile am 13.12.2010: »Brauchen wir strengere Lehrer? – Im aktuellen Pisa-Test schneiden asiatische Länder besonders gut ab. Sie legen im Unterricht großen Wert auf Disziplin und Gehorsam. Ein Modell auch für Deutschland?« Als Finnland noch »Pisa-Sieger« war, fuhr alle Welt dorthin, um zu sehen, wie die das machen und brachte oft doch nur das mit nach Hause, was sie schon vorher wusste. Jetzt hat China Finnland von Platz 1 verdrängt und plötzlich wird China zum kommunistisch-frühkapitalistischen Musterländle. Pisa gebührt der Verdienst, Pädagogik wieder zum Thema gemacht und eine echte Debatte in Gang gesetzt zu haben. Aber das geradezu rituelle Hinstarren auf statistische Ländervergleiche ist nichts anderes als die Fortsetzung eben jener Denkhaltung, die oben schon beschrieben wurde. Vielleicht ist das nicht die Schuld von Pisa, aber es zeigt einmal mehr, wohin es führt, wenn man ein Schulleben lang daran gewöhnt wird, in diesen Kategorien zu denken. –»Wurzeln und Flügel« spricht eine andere Sprache, weil es den Menschen und nicht eine Statistik im Auge behält.

Kommentare

Keine Kommentare

Kommentar hinzufügen

* - Pflichtfeld

Folgen