Zwischen Chaos und Stillstand

Von Henning Kullak-Ublick, Oktober 2015

In Dornach kann man die monumentale Holzplastik des »Menschheitsrepräsentanten« be­sichtigen, die Rudolf Steiner zur Zeit des Entstehens der ersten Waldorfschule gemeinsam mit der Bildhauerin Edith Maryon für den Bühnenhintergrund des ersten Goetheanum angefertigt hat.

Die gesamte Skulptur stellt eine grandiose Balance zwischen Kräften dar, die einander polar entgegenstreben. Gehalten wird diese Spannung von einer zentralen Gestalt, in deren ausgleichender Mitte sich Atmung und Rhythmus entfalten.

Hauptunterricht, erste Klasse. Jurriaan balanciert mit Strümpfen über einen langen Balken in die Klasse, redet dabei wie ein Wasserfall, schwankt nach links, rechts, vorn und hinten, lacht, schnattert und läuft weiter, bis er – wie jeden Morgen – sicher am Ende ankommt und sich ins nächste Abenteuer wirft. Paula folgt, Zeh um Zeh das unheimliche Gerät ertastend, jederzeit den Abgrund spürend, mit jedem Schritt ein neues Wagnis eingehend – und gelangt nach langer Reise erleichtert an ihr Ziel im Klassenraum.

Was haben die Kinder und die Skulptur gemeinsam? Die Kinder üben Balance in der Bewegung, finden den Mut, das Vertrauen und machen die körperliche Erfahrung, dass sie sich aufrecht halten können. Schon bei ihren ersten Gehversuchen üben die Kleinsten, das labile Gleichgewicht zu erringen, das unsere menschliche Konstitution ausmacht. Es ist ein Gleichgewicht, das man niemals einfach hat, das vielmehr in jedem Augenblick neu erschaffen werden muss. Was bei den Kindern elementare Erfahrung ist, ist zugleich existenziell für das Menschsein schlechthin. Es geht um nicht weniger als das Leben.

Nur darf es nicht bei der körperlichen Gleichgewichtserfahrung bleiben. Die Seelen der Kinder müssen der Welt auf vielfältige Weise mit Neugierde, Freude, Mitleid, Begeisterung, Trauer, Liebe und Empörung begegnen, um die Grundlagen für ein Urteilsvermögen zu schaffen, das die Dinge selber sprechen lässt. Je weiter, differenzierter und ästhetischer eine Seele fühlen kann, umso tiefer wird sie auch verstehen.

Aber sie braucht noch eine dritte Fähigkeit, um die Balance zu halten: ein Streben nach Wahrheit, also eine Erkenntnissehnsucht, die sie jenseits aller Denkverbote oder -moden danach streben lässt, das Wesentliche vom Unwesentlichen zu unterscheiden und nach ihrer gewonnenen Einsicht zu handeln.

Wenn wir heute über Schule und Erziehung reden, sind wir imprägniert von Rankinglisten, Standards, Zukunftsängsten. Mit Pädagogik hat das absolut nichts zu tun. Einzig der Blick auf den Menschen selbst führt uns zu der Erkenntnis, welche Fähigkeiten wir für die Zeit, in der wir leben, ausbilden müssen. Und der Balance aus der Kraft des Herzens kommt sicher eine herausragende Bedeutung zu, weil sie der lebendige Ausgleich zwischen Stillstand und Chaos ist.

Henning Kullak-Ublick, von 1984 – 2010 Klassenlehrer an der FWS Flensburg; Vorstand im Bund der Freien Waldorfschulen, den Freunden der Erziehungskunst Rudolf Steiners und der Internationalen Konferenz der Waldorfpädagogischen Bewegung – Haager Kreis.

Kommentare

Keine Kommentare

Kommentar hinzufügen

* - Pflichtfeld

Folgen