Hunger nach dem Selbst

Von Maria Tolksdorf, Februar 2016

Sucht tritt nicht nur im Zusammenhang mit Drogen auf, sondern kann auch Symptom einer Krankheit wie zum Beispiel der Magersucht oder der Ess-Brech-Sucht sein. Sie kann aber auch auf Depressionen, Zwänge oder Ängste hinweisen. Die Symptome erscheinen umso ausgeprägter, je größer Einsamkeit und Selbstentfremdung erlebt werden.

Foto: © moi/photocase.de

Sucht und Entfremdung

Es gibt die unterschiedlichsten Gründe, warum junge Menschen Süchte entwickeln. Jugendliche kommen zu mir in die Praxis aufgrund von Depressionen, Ängsten, Zwängen und Drogenkonsum. Es zeigen sich Störungen beim Essen, mit dem Gewicht und bei der Körperwahrnehmung. Viele sind mit ihrem Alltagsleben und mit den schulischen Ansprüchen überfordert. Sie beschreiben eine große Sehnsucht und eine innere Leere. Eine 17-jährige Jugendliche beschreibt ihre Sehnsüchte folgendermaßen: »Ich erlebe eine Sehnsucht nach Sicherheit und Selbstvertrauen, und habe ein Verlangen nach Liebe und Geborgenheit. Aber diese Geborgenheit kann ich nicht spüren, und die Sehnsucht danach will ich erst Recht nicht spüren.« Die Sehnsucht ist beherrschend. »Ich erlebe mich dann völlig haltlos, weil das Gefühl mich überwältigt, und dann tut sich eine Leere auf.« Eine 16-jährige Jugendliche beschreibt: »Ich habe eine Sehnsucht, mich zu verändern, um mehr ich selbst sein zu können.«

Diese jungen Menschen erleben, dass ihnen nichts mehr Sicherheit gibt. Sie sehnen sich danach, ein von ihren Eltern unabhängiges Leben zu führen, scheuen aber vor dem ersten Schritt in die Selbstständigkeit zurück. Sie verspüren einen großen Erlebnishunger, können diesem aber nicht folgen, und so bleibt ein Gefühl der Leere zurück. Die Entwicklung von Sucht und Entfremdung verläuft parallel: »Symptome der Krankheit als Sucht, die für den Einzelnen aus einer mehr oder weniger unbewussten Verzweiflung seiner Sehnsucht entspringt, das eigene Leben nicht angemessen gestalten zu können, die eigenen Möglichkeiten nicht mit den Verhältnissen, unter denen es existiert, in Einklang zu bringen, erscheinen umso ausgeprägter, je größer die Entfremdung ist« (Teischel). Diese Sehnsucht wirkt wie ein zurückgewiesener Willensimpuls. So suchen die jungen Menschen andere Wege, sie zu stillen.

Sich fühlen durch Hunger

Magersucht und Ess-Brech-Sucht sind ein qualvoller Versuch, etwas von sich selbst zu spüren, um einen Halt in sich zu finden. Die betroffenen Jugendlichen signalisieren Verletzlichkeit, Traurigkeit, Resignation, Misstrauen und Einsamkeit – eine Sehnsucht, die kurz davor steht, sich aufzugeben. Sie haben Fragen, finden aber keine Worte dafür. Sie sind mit ihren starken inneren Erlebnissen überfordert.

Viele dieser Jugendlichen und jungen Frauen sind sich selbst fremd. Sie erleben sich nicht durch ihren Körper, sondern durch das Hungergefühl und durch die Kontrolle über dieses Gefühl. Sie leben in ständiger Angst, die Kontrolle zu verlieren:  »Gebe ich diese Kontrolle auf, so gebe ich mich auf.« Es ist wie eine Fixierung auf sich selbst: »Ich kann mich nicht nach außen richten, sonst verliere ich mich.«

Die Magersucht scheint wie ein Rettungsversuch für ein bedrohtes Ich zu sein, wie ein Versuch, einen Halt in sich zu finden: »Durch das Hungern ist die Leere weg, ist die Ohnmacht weg, man kann sich durch Tabellen und Diätpläne Grenzen und Ziele setzen. Endlich hat mein Leben einen Sinn.« Durch das Hungern kann ein Gefühl entstehen, das als Kraft erlebt wird. Mit dieser Kraft identifizieren sich die Jugendlichen. Es wird ein eigener Wille erlebt und damit das Gefühl, über sich selbst bestimmen zu können. Dieses Selbstgefühl, das durch das Hungern entsteht, bewirkt, dass die Jugendlichen sich ständig auf sich selbst konzentrieren müssen und nicht in der Lage sind, ein Interesse am anderen Menschen und an der Welt zu entwickeln. Es schafft eine Distanz, so dass die eigene Entwicklungsaufgabe nur schwer wahrgenommen werden kann: »Ich erlebe dann von innen eine Einsamkeit, so dass ich das Gefühl habe, allein auf der Welt zu sein, und meinen Sinn nicht zu finden. Das Hungergefühl gibt mir ein gutes Gefühl, so kann ich mich spüren.«

Wenn Sehnsucht zur Sucht wird

Sehnsucht ist eine Kraft im Menschen, von der wir wenig wissen, die wir aber intensiv spüren. Sie scheint in unserem Menschsein begründet und Ursprung seelischer Bewegung zu sein. In jedem Kind, in jedem Jugendlichen schlummern diese Kräfte, die in Erscheinung treten wollen. Sie haben eine Sehnsucht, sich selbst hervorzubringen. Und dieses Selbst will werden und sich verwirklichen. Im »Heilpädagogischen Kurs« spricht Rudolf Steiner von einem Erbkörper und einem individuellen Körper. Er beschreibt, dass man »gerade beim Kind zwischen dem Erbkörper und dem, was als Folge des Erbkörpers auftritt in dem individuellen Körper«, unterscheiden muss. »Der bildet sich nach und nach, der individuelle Körper, den man erst den wahren Menschenpersönlichkeitskörper nennen kann.« Das Kind trägt in sich eine Sehnsucht, sich im Laufe seiner Entwicklung aus den »Vererbungskräften herauszuarbeiten« und seinen individuellen Körper zu bilden. Und das hängt von der Individualität ab und nicht von den Vererbungskräften. Das Kind hat das Potenzial, über sich hinauszuwachsen, und diese Möglichkeit muss gesehen werden. Ob nun die Individualität den Erbkräften unterliegt oder ob es dem Kind gelingt, seine Individualität herauszuarbeiten, hängt von dem geistigen Milieu ab, in dem das Kind aufwächst. Das Kind braucht eine Umgebung, in der es sich in seiner individuellen Kraft, die sich entwickeln will, gesehen und verstanden fühlt. Eine Umgebung, die versucht, sensibel zu werden für das, was das Kind selbst hervorbringen will.

In seinen Vorträgen über sokratische Erziehung spricht Karl Jaspers davon, diese müsse Kräften »zur Geburt verhelfen«, die in den Heranwachsenden verborgen seien, sie müsse schlummernde »Möglichkeiten wecken«, aber nichts »von außen« aufzwingen. Gelinge dies, dann komme »nicht das zufällige empirische Individuum in seiner besonderen Artung zur Geltung, sondern ein Selbst, das im unendlichen Prozess zu sich kommt, in dem es sich verwirklicht.« In diesem Prozess kommt dem freien Spiel eine große Bedeutung zu. Denn in den unmittelbaren Kräften des Spieltriebs des Kindes ist seine Individualität begründet. Das Kind kann im Spiel seine eigenen Impulse erleben und sie zur Entfaltung bringen. Doch diese Impulse werden oft durch erzieherische Erwartungen gehemmt, ja sogar blockiert. Der sorgenvolle Blick auf das Kind drückt aus: »So wie du es machst, ist es nicht richtig«, oder »Eigentlich müsstest du das schon können.« Immer häufiger versucht man Kinder mit Hilfe von standardisierten Testverfahren zu überprüfen, ob sie sich richtig und zeitgemäß entwickeln. Hier verlieren individuelle Entwicklungsschritte an Bedeutung zugunsten einer Orientierung an Normen. Es besteht die Gefahr, dass das Kind zum Objekt eines bewertenden Blicks wird. Ein solcher Blick kann bewirken, dass das Kind sich in seinen individuellen Entwicklungsschritten und Impulsen nicht verstanden fühlt und als zurückgewiesen erlebt.

Albert Vinzens beschreibt in seinem Buch Lasst die Kinder spielen: »Wenn Spielen auch immer Lernen ist, dann ist das Kind selbst immer auch schon aus der ureigensten Ausdrucksform seiner Lebenswelt verstoßen.« Diese nicht geachteten Impulse können sich, vor allem in der Pubertät, gegen sich selbst richten. Denn vor allem jetzt brauchen die Jugendlichen diese Individualitätskräfte, die ihnen aber vielleicht nicht zur Verfügung stehen, wenn sie in der Kindheit die eigenen Impulse nicht ausleben konnten. Wenn die Jugendlichen nicht an ihre Potenzialität anknüpfen können, kann eine Verständnislosigkeit sich selbst gegenüber entstehen. Sie werden sich zunehmend selbst fremd. Und diese Isolation erleben sie auch anderen Menschen und der Welt gegenüber. Das Gefühl, sich selbst nicht zu verstehen, vom anderen nicht verstanden zu werden und sich fremd in der Welt zu fühlen, kann in eine Krise führen.

Dem Verborgenen Raum geben

Die Kinder und Jugendlichen brauchen ein verstehendes Gegenüber, um sich selbst zu verstehen. Sie suchen im anderen Menschen eine Haltung, die auf die zur Selbstverwirklichung drängenden Kräfte vertraut. Sie brauchen eine vorbehaltslose Zuneigung, die sie um ihrer selbst willen erfahren. Dazu Steiner: »Kinder und jugendliche Menschen stehen uns so gegenüber, dass dasjenige, was sie äußerlich zeigen, was sie darleben, nicht das Wesentliche ist. Es gibt noch ein verborgenes Inneres und dieses verborgene Innere, das müssen wir gar sehr ins Auge fassen. Das darf der Erzieher nicht aus den Augen lassen«. Die Kinder und Jugendlichen können nur selbst an sich glauben, wenn sie in ihrem eigentlichen Seelenwesen erkannt und angesprochen werden. Die jungen Menschen fordern von uns, dass wir ein wirkliches Interesse am Anderen ausbilden. Wie können wir ein unverstelltes Interesse ohne bewertendes Urteilen am anderen Menschen entwickeln?

Dieses Interesse stützt sich nicht auf die Vergangenheit, sondern aus diesem Interesse bilden sich ganz neue Zusammenhänge. Es ist eine aktuelle Bezugnahme zum Anderen und zu mir selbst. Durch den aktuellen Nachvollzug dieser Sehnsucht, können sich die jungen Menschen verstanden fühlen. Es ist eine Haltung, die den jungen Menschen individuell begreifen will, und mit diesem Bestreben ein Milieu schafft, in dem der junge Mensch sich selbst individuell begreifen kann.

Zur Autorin: Maria Tolksdorf, Psychotherapeutin für Kinder und Jugendliche, Verhaltenstherapeutin, arbeitet in eigener psychotherapeutischer Praxis in Berlin.

Literatur: O. Teischel: Krankheit und Sehnsucht. Zur Psychosomatik der Sucht. Berlin, Heidelberg 2015; R. Steiner: Heilpädagogischer Kurs, Dornach 1990; R. Steiner: Die spirituellen Hintergründe der äußeren Welt, Dornach 1992; K. Jaspers, H. Horn (Hrsg.): Was ist Erziehung?, München 1982; A. Vinzens: Lasst die Kinder spielen, Stuttgart 2011