Theaterprojekt: »Träume« von Günter Eich

Von Wilfried Kessler, Juni 2013

Der Theaterabiturkurs der 13. Klasse an der Freien Waldorfschule Ulm Römerstraße hat das nahezu vergessene, aber hochaktuelle Hörspiel »Träume« von Günter Eich für die Bühne eingerichtet.

Szene aus dem dritten Traum. Foto: © Moritz Graumann

Szene aus dem dritten Traum.

Szene aus dem vierten Traum. Foto: © Martina Dach

Günter Eich hält in seinem Werk der deutschen Nachkriegsgesellschaft, die sich in das große Vergessen stürzt, statt die Katastrophe des 2. Weltkriegs aufzuarbeiten, einen Spiegel vor. Dieser Flucht stellt Eich fünf Alpträume gegenüber, die von »Durchschnittsmenschen« auf fünf Kontinenten geträumt werden: Menschen, die in immer gleichbleibender Ungewissheit dahinleben; Eltern, die ihr Kind verkaufen; eine von der Gesellschaft verstoßene Familie; Forscher, vom Fluch des Vergessens erfasst; Mensch und Umwelt von Termiten ausgehöhlt. Dies sind Bilder der äußeren Wirklichkeit und zugleich Bilder für geistig-seelische Prozesse, die sich heute weiterhin vollziehen. Eich fordert Verantwortung: »Alles was geschieht, geht dich an.« – »Schlaft nicht, während die Ordner der Welt geschäftig sind!« »Wacht darüber, dass eure Herzen nicht leer sind, wenn mit der Leere eurer Herzen gerechnet wird!« »Wenn es mir gelänge, den Hörer aus seiner Sofaecke aufzuschrecken, so wäre mein Ziel erreicht. Insoweit würde ich Proteste begrüßen, eben als ein Zeichen der Beunruhigung.« Als der Hörspiel-Zyklus am 19. April 1951 vom Nordwestdeutschen Rundfunk erstmals gesendet wurde, kam es zu massiven Protesten. Texteinblendungen im Stück verdeutlichen dem Zuschauer damalige Ereignisse in der Gegenüberstellung zu heutigen. Die endgültige Theaterfassung, durchsetzt von Liedern aus der Nachkriegszeit (»Schatten der Vergangenheit«, »Träume kann man nicht verbieten«, »Kauf dir einen bunten Luftballon«, »Sweet dreams«), wurde szenisch umrahmt durch den Text »Ich bin die Zeit« von Erich Kästner und mündete in die zukunftsweisenden Worte Nelson Mandelas: »Jeder Mensch ist dazu bestimmt, zu leuchten …«

Der erste Traum

1945: Atombombenabwurf auf Nagasaki und Hieroshima
2011: Nuklearkatastrophe von Fukushima
1949: Nato-Gründung / 1950 Wiederbewaffnung der BRD
2001: Afghanistan-Krieg, 2003: Irak-Krieg, 2011: Libyen-Krieg

Ein »Uralter« und eine »Uralte« werden von uniformierten Männern verhaftet und in einen fensterlosen Güterwaggon gesperrt. Sie rollen einem unbekannten Ziel entgegen. Begleitet werden sie von ihrem Enkel, dessen Ehefrau und einem Kleinkind.

Alle drei werden offensichtlich während der Fahrt geboren und haben deshalb die Welt außerhalb des Zugs nie kennengelernt, sodass sie den Erinnerungen der Alten an deren früheres, angeblich besseres Leben (»Es gab etwas, was wir Himmel nannten«) keinen Glauben schenken wollen. Als dann plötzlich durch einen Riss in der Wagenwand ein schwacher Lichtstrahl fällt und die vorübergleitende Landschaft durch ein kleines Loch sichtbar wird, kann der Enkel, der einen flüchtigen Blick nach draußen riskiert, die Wirklichkeit nicht ertragen. Und auch den Alten jagt sie Furcht ein, da sie feststellen müssen, dass sich alles verändert hat (Uralter: »Was siehst du?«, Uralte: »Das sind keine Menschen mehr, wie wir sie kannten«). So beschließt man, das Loch schnell wieder zu verschließen.

Der zweite Traum

1949: Europarat: Konvention über Menschenrechte / UNICEF (Kindernothilfe) tagt
2012: 137 Personen wegen Organhandel in China verhaftet;Eltern verkaufen ihre Kinder; Gefangenen werden Organe entnommen

Ein »Mann« und eine »Frau« verkaufen ihren sechsjährigen Sohn an eine reiche chinesische »Dame«. Diese benötigt das Blut und die Organe für ihren schwerkranken Ehemann. Während des Verkaufsgesprächs stellt sich heraus, dass der Mann und die Frau jedes Jahr ein neues Kind zeugen und stolz darauf sind, bisher »nur gesunde Kindern von erstklassiger Zucht« geliefert zu haben.

Der dritte Traum

1947: Der »Kalte Krieg«
Gegenwart: Demenzerkrankungen

Zwei russischen Forschern auf Afrika-Expedition wird eine geheimnisvolle Suppe aufgetischt, nach deren Verzehr sie das Gedächtnis verlieren. Irritiert vom ständigen Nachrichtengetrommel der Eingeborenen, deren Botschaften sie nicht entschlüsseln können, wissen sie bald nicht mehr, woher sie kommen und wohin sie wollen. Plötzlich verstummen die Trommeln, alle Helfer haben sich davongemacht. Die zwei Weißen sind ganz allein im Urwald. Sie kennen ihre eigenen Namen nicht mehr und glauben, das ursprüngliche Ziel ihrer Expedition sei die Suche nach dem Glück gewesen.

Der vierte Traum

1950: Flüchtlingsprobleme
1970er Jahre: Boatpeople;
2002 Guantanamo Bay: Gefangenenlager

»Der Feind« versetzt eine australische Kleinstadt in Angst und Schrecken. Eine glückliche Familie, deren Heim er sich mit donnernden Schritten nähert, bevor er die Tür krachend einschlägt, kann im letzten Moment ins Nachbarhaus fliehen. Als sich jedoch herausstellt, dass die kleine Tochter, entgegen einem angeblichen Befehl, ihre Puppe mitgenommen hat, »weil sie sie lieb hat« und vor dem Feind retten will, verweigern die Mitbürger der Familie jede weitere Hilfe, weil sie fürchten, sie könnten sonst den Zorn des Feindes auf sich lenken.

Der fünfte Traum

1940-50er Jahre: Wirtschaftswunder, Wohlstandsgesellschaft
1995: San Francisco: »Global Braintrust«-Versammlung: Gorbatschow lädt 500 führende Weltpolitiker ein: Thema ist die 80/20-Weltbevölkerung: 20 Prozent genügen in Zukunft, um alles zu tun; 80 Prozent müssen durchgefüttert und durch die Medien (Fernsehen, Internet) ruhig gestellt werden (Tittytainment)

Eine Mutter besucht ihre angeblich glücklich verheiratete Tochter in New York (»Ach Mama, ich muss dir gestehen, ich bin schrecklich faul, seitdem wir den Fernsehempfänger, das Radio und den Plattenspieler haben«), wird aber von dieser mit der Tatsache konfrontiert, dass sie wie alle anderen Menschen in der Stadt und auf dem Kontinent, innerlich von Termiten hohlgefressen ist und alles Leben bei der leisesten Erschütterung zu Staub zerfallen wird. Als der junge Ehemann »todmüde« von der Arbeit nach Hause kommt, ist seine Schwiegermutter bereits tot. Seine Frau will ihn zur Flucht überreden, um so ihr gemeinsames Glück und Überleben zu sichern. Doch ihr Mann ist sich des nahen Todes bewusst: »Es war schön mit dir zu leben. – Gute Nacht, Liebste, Gute Nacht«.

Der sechste Traum

1950: Einführung der Todesstrafe in der DDR
2012: Ein 14-Jähriger tötet im Auftrag einer 16-Jährigen eine 15-Jährige wegen einer Beleidigung in Facebook (Holland). Zunahme der Amokläufe

Ein Ehepaar hat es ungewollt in ein Provinznest verschlagen, wo es nachts im Hotel auf Grund des Lärms nicht schlafen kann. Es klingelt nach dem Zimmermädchen, um sich zu beschweren. Da vernimmt es dumpfe Fallgeräusche. Der Ehemann geht nach oben, um die lärmenden Gäste zu­- rechtzuweisen. Zu seinem Erstaunen empfängt ihn eine feine Gesellschaft: »Wir warten schon lange auf Sie … Wir haben sie nur erwartet, damit sie ab und zu auf den Knopf drücken«. Die Gesellschaft rechnet mit seiner »Mitarbeit«, die im Drücken einer Klingel besteht und entlohnt ihn dafür im Namen des »Wohlfahrtskomitees«. Am Ende stellt sich heraus, dass das Drücken der Klingel jedes Mal ein Fallbeil auslöste.

»Seid Sand im Getriebe der Welt!«

Die erste Reaktion der Schüler auf Eichs Hörspiel fiel unterschiedlich aus. Der eine Teil sah darin eine reizvolle Inszenierungsherausforderung, der andere nur wieder ein Kriegsthema und eine Beschäftigung mit dem Leid, dem Schmerz und der Schwere der Welt. Dennoch fiel die Wahl auf dieses Stück. Während der Erarbeitung erschloss sich den Schülern die unerwartete Zeitaktualität.

Die einzelnen Träume wurden zu »Fenstern der Aufmerksamkeit«, die die Schüler das heutige Leben neu anschauen und befragen ließen:

  • Wohin fährt der »Waggon des Lebens«? Stillstand, keine Fortentwicklung trotz monotonem Tempo?
  • Wo wird der »Raum der Kindheit« verletzt, die Zukunft der Gesellschaft mit Füßen getreten?
  • Wo sind die modernen »Dschungel«, die zum Erinnerungs-, Bewusstseins- und sogar zum Identitätsverlust führen?
  • Wo ist der moderne »Feind«, der Zivilcourage zeigende Menschen ausgrenzt?
  • Ist unser Leben von Sinn erfüllt oder befinden wir uns in einem Prozess der »schleichenden Aushöhlung und des »Faulwerdens«?
  • Wer sind die »Drahtzieher« der wohlangesehenen »Wohlfahrtsaktionen«?

Die Schüler haben in diesem Schauspielprojekt nicht nur neue Seiten an ihren Klassenkameraden und an sich selbst entdeckt, im Schauspielen an Selbstsicherheit und zugleich an Empathiekraft gewonnen, sondern erlebten sich zusehends in einer nachforschenden Auseinandersetzung mit der heutigen »Fortschrittswelt«.

Zugleich veränderten sich ihre Bilder, Stimmungen, Eindrücke über die Zeit, die ein Teil unserer jüngeren Geschichte ist.

Einzelne Schüler durchsuchten den »Gegenwarts-Dschungel« und entdeckten neue Spuren »der Verantwortungslosigkeit der Verantwortlichen« und gingen der Frage des »bedingungslosen Fortschritts« nach. Sie fragten sich, ob die Probleme unserer Zeit nicht sogar ein »Zurückhalten im Handeln« erfordern? »Die Arbeit mit den ›Träumen‹ wurde zu einem wachsenden Aufruf an sich selbst, nicht mehr wegzusehen, nicht mehr zu verdrängen und nicht mehr zu schweigen!«, so eine Schülerin.

Günter Eichs »Träume« stellen die Geburtsstunde des modernen Hörspiels dar – »Träume«, in denen die Wahrheit ausgesprochen wird, die die apokalyptischen Szenarien im Hier und Jetzt aufzeigen und uns zu einer neuen Verantwortung aufrufen. Eich appelliert an eine wache, aktive, zukunftsgestaltende Haltung im Geist der Freiheit: »Tut das Unnütze, singt die Lieder, die man aus eurem Mund nicht erwartet! Seid unbequem, seid Sand, nicht das Öl im Getriebe der Welt!«

Zum Autor: Wilfried Kessler ist Heilerzieher, Priester, Eurythmist und ausgebildeter Theaterlehrer. Seit 1990 an der Freien Waldorfschule Ulm tätig.

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