Totsicher

Henning Kullak-Ublick

Natürlich nur, um Schaden von der Gemeinschaft abzuwenden, um ihre hässlichen Schwestern Willkür und Beliebigkeit in die Schranken zu weisen, und herzustellen, was mit ihr so schwer zu kriegen ist: Sicherheit.

Nur hat es mit der Sicherheit so seine Bewandtnis. Es gibt nämlich gar keine Sicherheit, die nicht in einem selbst begründet ist. Oder glaubt noch jemand, dass Staatsanleihen sicher sind? Sicherheit ist eine Frage der seelischen Spannweite. Sie entsteht aus der Erfahrung, dass wir Widersprüche aushalten und im besten Fall überbrücken können, dass wir uns verändern und entwickeln können und dass unsere Kollegen, Freunde und Eltern uns das zutrauen. Sie entsteht aus dem Vertrauen, das uns andere schenken, und aus der Erfahrung der eigenen geistigen Wirksamkeit.

Nun setzt sich in Waldorfkreisen derzeit die Erkenntnis durch, dass wir nicht nur zusammen arbeiten, sondern auch in Rechtsverhältnissen zueinander stehen: Wir machen Verträge, treffen Vereinbarungen, versprechen uns etwas. »Freiheit im Geistesleben« bedeutet nicht, dass jeder tun oder lassen kann, was er will, sondern dass er ein verbindliches Versprechen gibt, seine Arbeit gut zu machen, und bereit ist, sich daran messen zu lassen. So weit, so gut! – Doch die Sache droht zu kippen, wenn Mehrheitsbeschlüsse, Arbeitszeitregelungen, Aufenthaltspflichten, Rechenschaftsberichte, bürokratische Vorgaben und dergleichen mehr für das soziale Miteinander wichtiger werden als die freie Initiative, die zündende Idee oder das Betreten ungebahnter Pfade. Nicht mehr das Interesse am anderen, an seinen Ideen, seinem einzigartigen Beitrag und seinem Können bilden das Lebensblut der Zusammenarbeit, sondern die Definition erlaubter Abweichungen vom Regelwerk und die bewahrende Kontrolle des Gewordenen. Abmahnungen ersetzen die herzhaften Auseinandersetzungen von Ich zu Ich.

Rudolf Steiner hätte die Waldorfschule niemals einrichten können, wenn er dem Gründungskollegium nicht weit mehr zugetraut hätte als die Lehrer sich selbst. Nur weil sie es sich leisten konnten, individuell zu sein, konnte Steiner die Waldorfpädagogik mit ihnen ausarbeiten. Was sie miteinander verband, war der immer wieder neue Blick auf das sich entwickelnde Kind. In sieben Jahren werden wir unser hundertjähriges Jubiläum als Waldorfschulbewegung feiern. Wenn wir daraus ein Fest für die nächsten hundert Jahre machen wollen, sollten wir unser offenbares Geheimnis ehren. Steiner drückte es so aus: »Leben in der Liebe zum Handeln und Lebenlassen im Verständnisse des fremden Wollens ist die Grundmaxime der freien Menschen.« – Handeln wir danach!

Henning Kullak-Ublick, von 1984-2010 Klassen­lehrer an der FWS Flensburg;
Vorstand im Bund der Freien Waldorfschulen und bei den Freunden der Erziehungskunst Rudolf Steiners, Aktion mündige Schule (www.freie-schule.de)