Training für die seelischen Organe

Von Wilfried Kessler, September 2010

Die Freie Waldorfschule Ulm nutzt den Spielraum des baden-württembergischen Bildungsplans und bietet den ersten Theater-Kurs für das Abitur an.

Szene aus der Aufführung der »Dreigroschenoper« von Bertolt Brecht (12. Klasse). Foto: Simon Steiger

»Bildung stärkt den Menschen« – unter diesem Motto erschien im Jahr 2004 der neue Bildungsplan Baden-Württembergs. Sein Leitmotiv: Statt reinem Faktenwissen sind heute übergreifende Kompetenzen gefragt. Es folgte im Jahre 2007 das neue Wahlfach »Literatur und Theater«, ein zweijähriger Kurs in Klasse 12 und 13, der wöchentlich in zwei Stunden zu unterrichten ist. Der Kurs kann von Lehrkräften geführt werden, die über eine angemessene  theater­pädagogische Kompetenz verfügen, also eine Aus- und Weiterbildung mit curricularem Charakter in diesem Bereich absolviert haben. Wenn ein Lehrer viele Jahre Theater-AG-Praxis besitzt und zahlreiche einschlägige  Fortbildungsveranstaltungen besucht hat, so kann dies ebenfalls eine ausreichende Voraussetzung sein. Für die Lehr­- ­kräfte des Kurses werden zusätzliche Fortbildungsver­anstaltungen über das Kultusministerium angeboten.

Ein neues Fach: »Literatur und Theater«

Die Waldorfschule Ulm nimmt seit dem Schuljahr 2008/09 an dem Schulversuch teil. Der Kurs wurde vom Kultusministerium aufgrund der Verordnung zur Abiturprüfung für Schüler an Freien Waldorfschulen genehmigt. Das Fach »Literatur und Theater« kann im Rahmen der Abiturprüfung als Hospitationsfach angerechnet werden.

Das erste Jahr dient der Grundlagenarbeit (Sprache, Ausdruck) während im zweiten Jahr auf dieser Grundlage eine öffentliche Präsentation zu erarbeiten ist.

Der Beitrag des Theaters besteht in einem ganzheitlichen Zugang zur Welt. Im Theaterspiel wird erlebte und imaginierte Wirklichkeit nachgestaltet, vorweg genommen und neue Wirklichkeit entworfen. Die Verbindung von Wahrnehmen, Erfahren, Gestalten und Reflektieren will dazu beitragen, dass die Schüler ein eigenes Verhältnis zur Welt entwickeln und die Weltsicht anderer erfahren und ver­stehen können.

Theater wirkt deshalb in besonderer Weise persönlichkeitsbildend und zeichnet sich durch Arbeitsweisen aus, die wichtige Erziehungsfelder im Sinne der Ganzheitlichkeit fördern und Schlüsselqualifikationen ausbilden und unterstützen. In der lebendigen Theatererfahrung wird der eigene Ausdruck geschult, ebenso werden die sozialen Fähig­keiten trainiert, Kreativität und Phantasie werden durch theatrale Gestaltungsmöglichkeiten angeregt und entwickelt. Auftreten, Körperausdruck, Selbstbewusstsein und die Fähigkeit zu kommunizieren und zu innerer Teilhabe werden gestärkt. Das projekt- und handlungsorientierte Vorgehen fördert die Fähigkeit, Probleme zu lösen, sich zu konzentrieren und auf andere Rücksicht zu nehmen, kurz: die soziale Intelligenz.

Gegengewicht gegen den Verstandesgebrauch

Das Acht- und das Zwölfklass-Spiel sind besondere Er­eignisse an einer Waldorfschule. Aber was ist mit dem dramatischen Element in der neunten, zehnten und elften Klasse? Und gar in der dreizehnten?

Mit den Höhen und Tiefen der Pubertätszeit wird der Schüler reif für das Drama, sein ganzes Wesen fordert notwen­digerweise das Dramatische und so muss »der ganze Unterricht das dramatische Element beachten« (Steiner), der Lehrer selber muss zum Dramatiker werden.

Ich wollte ein »Gegengewicht gegen den Verstandes­gebrauch« (Steiner) bilden. Deshalb veränderte ich die langjährige Theater-AG dahingehend, dass ich als Oberstufenbetreuer in meinen letzten zwei Klassen eine Theaterarbeit, verbunden mit alljährlichen Aufführungen, Tourneen und der Teilnahme an Schultheatertagen durch die ganze Oberstufenzeit hindurch anbot.

Beim vorletzten Durchgang erarbeitete die neunte Klasse »Unsere kleine Stadt« von Thornton Wilder. Es folgte »Wir sind noch einmal davongekommen«, ebenfalls von Thornton Wilder, in der zehnten Klasse, »Lydia und Mäxchen« von Max Döblin in der elften Klasse und als Zwölftklass-Spiel »Die Verhaftung« von Jean Anouilh.

Der letzte Durchgang begann mit dem Musical »Linie 1« von Volker Ludwig in der neunten Klasse, dann folgte »Die Feuerzangenbowle« von Heinrich Spörl in der zehnten, »Gebirtig« von Joshua Sobol in der elften und als Zwölfklass-Spiel »Die Dreigroschenoper« von Bertolt Brecht und Kurt Weill.

Ein Prüfungsfach, das auf großes Interesse stößt

So war die Freude für die jetzige Klasse groß, dass Theater nun auch als Schul- und Prüfungsfach möglich wurde und bis zum Ende der Schulzeit angeboten werden kann. Achtzehn Schüler aus beiden Ulmer Waldorfschulen nahmen an diesem Kurs teil. Das Interesse war so groß, dass nicht alle Bewerber aufgenommen werden konnten. Die wöchentliche Doppelstunde gliederte sich in einen »Warmup« (Schauspielübungen), die szenische Arbeit und eine Abschluss­reflexion.

Das erste Jahr in der zwölften Klasse diente der Grundlagenarbeit. Besondere Schwerpunkte waren die Umsetzung von Liebeslyrik und Prosatexten in dramatische Szenen. Hinzu kam die praktische Auseinandersetzung mit Theatertheorien von Bertolt Brecht und Konstantin Stanislawski, dem griechischen Theater, dem Absurden Theater und der Commedia dell’arte.

Darauf aufbauend wurde im zweiten Jahr in der dreizehnten Klasse die Präsentation »Geschichten aus dem Wiener Wald« von Ödön von Horváth erarbeitet und mit zwei Szenen des Absurden Theaters aus »Warten auf Godot« von Samuel

Beckett und einer Grabrede von Carl Zuckmayer über Ödön von Horváth verknüpft.

Im ersten Jahr gab es zwei spielpraktische Prüfungen: In der ersten Prüfung galt es, in Zweiergruppen ein vorgegebenes Liebesgedicht szenisch zu inszenieren und zu spielen. Der zweiten Prüfung lag ein Prosatext von Franz Kafka zu Grunde. Dieser Text wurde zuvor von jedem Schüler in eine dramatische Szene umgeschrieben (erste Klausur).

Aus einer Borchert-Erzählung wird Commedia dell’ arte

In der dreizehnten Klasse bestand die Klausuraufgabe darin, eine Erzählung von Wolfgang Borchert erst in eine dramatische Szene umzuschreiben und in einem zweiten Schritt entweder nach den Spielregeln der Commedia dell’ arte, des Absurden Theaters oder im Sinne der Brechtschen Verfremdung  weiter auszugestalten.

Die eigenständige Inszenierung und szenische Vorführung dieser Aufgabe geschah dann in einer Hospitationsstunde. Hierzu das schriftliche Resümee der Prüfungskollegin: »Die Anforderungen des Faches ›Literatur und Theater‹ sind in beeindruckender Weise eingelöst worden. Dies zeigte insbesondere die Abschlusspräsentation und -reflexion der Schüler.« – Die achtzehn Schüler erreichten einen Durchschnitt von zwölf Punkten.

Während dieser zwei Jahre führte jeder Schüler eine Theater-Werkstattmappe: Stundenprotokolle, Materialien zu Theaterstücken und bedeutende Texte; eigene Reflexionen, Ideen, Gestaltungen. Wir besuchten in dieser Zeit mehr als zehn Theaterstücke im Ulmer Theater, die einen guten Querschnitt durch die Theatergeschichte vermittelten.

Der nächste Theater-Abitur-Kurs mit ebenfalls achtzehn Schülern ist bereits im Gange. Bei der nachfolgenden Klasse zeichnet sich ab, dass der Kurs auch voll sein wird.

Link: www.bildung-staerkt-menschen.de

E-Mail: k.w.kessler(at)web.de

Literatur: Rudolf Steiner, Das Drama mit Bezug auf die Erziehung, GA 304, Vortrag vom 19.4.1922

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