Umdenken mit Methode. Scharmers »Theorie U« könnte der Waldorfpädagogik helfen

Von Walther Dreher, Juli 2013

Der Aussage »Waldorfverbände begrüßen Inklusion« stehen angriffslustige Stimmen gegenüber, die sich gegen alles wehren, was erzwungen klingt. Inklusion kann sich nur aus lebendigem Geistesleben – dem Diskurs, der Begegnung, der individuellen Initiative – ergeben, wenn es gelingt, Menschen dafür zu begeistern.

Darin liegen eine Botschaft und ein Auftrag zugleich. Als Botschaft will sie anregen, sich auf metamorphosierende Prozesse einzulassen.

Im Auftrag verbirgt sich ein Hinweis auf etwas, das in die Welt kommen möchte, auf etwas Neues, das begeistern will durch Potenziale, die noch nicht entdeckt sind.

Die Botschaft der Betroffenen

Die Perspektive der Betroffenen drückt die Behindertenrechtskonvention in »einfacher Sprache« schlicht aus: »Alle Menschen haben Menschen-Rechte. Menschen mit Behinderungen haben die gleichen Rechte wie alle anderen Menschen. Überall auf dieser Welt.« Die Initiatoren der Charta in den Vereinten Nationen haben behinderte Menschen gefragt, diese haben mitgearbeitet und es ist ihre Wirklichkeit, die artikuliert und mit neuen Augen gesehen werden möchte. Dies ist die zentrale Botschaft und zugleich ein Appell, die so artikulierte Wirklichkeit wahrzunehmen und ihr »wahrzugeben«, wie es Jean Gebser formulierte. Die Kernfrage der Inklusion lautet dann: Wie wird es für den einzelnen Bürger, für Institutionen und insbesondere für die akademische Disziplin »Behindertenpädagogik« möglich, den Menschen, der als »behindert« bezeichnet wird, mit neuen Augen zu sehen? Wie offen können, wollen wir uns den Betroffenen stellen?

Hinweise erhalten wir zum Beispiel von behinderten Jugendlichen selbst in der Erklärung von Lissabon 2007. Ihr Fazit lautet: »Unsere Zukunft müssen wir selbst aufbauen. Wir müssen Barrieren in uns selbst und in anderen Menschen ohne Behinderung abbauen. Wir müssen über unsere Behinderung hinauswachsen – dann wird die Welt uns besser akzeptieren.«

Schon früh und unermüdlich forderte Georg Feuser den Experten von außen eine gewandelte Sichtweise ab: »Es müsste ›eigentlich‹ ein ureigenes pädagogisches Anliegen sein, sich auf das zu orientieren, was aus einem Menschen seiner Möglichkeit nach werden kann, und nicht auf das, wie er uns gerade erscheint, dass er sei. …«

Ebenfalls kritisch äußert sich Hans Wocken, wenn er bei den Kritikern der Inklusion, die das Kindeswohl unterstreichen, anfragt: »Wer eigentlich (weiß) genau und sicher, was bei einem Kind mit Behinderung das Wohl des Kindes ist?« Und: »Wem wird die Kompetenz zugesprochen, letztlich zu entscheiden, was dem Wohle des Kindes dient?«

Welchen Auftrag haben wir?

Wie kommt es, dass sich Pädagogik mit dem Fokus auf das Kind, den Jugendlichen, den Heranwachsenden mit Behinderung so schwer tut, eine dialogische, partizipatorische Beziehung einzugehen? Sich einer solchen Beziehung nicht zu verschließen und der Skepsis gegenüber Inklusion nicht einfach nur Raum zu geben, stellt uns vor die Frage: Welchen Auftrag haben wir denn?

Mathias Maurer resümiert vom Thementag Inklusion in Kassel 2012 drei Kurzvorträge, deren Aussagen wie Schlüsselhinweise auf inklusives Denken und Grundlinien eines zukünftigen Auftrags wirken: Für Heiner Prieß entsteht eine inkludierende Kraft, wenn aus dem Verhältnis von Heilpädagoge und Lehrer mit Blick auf das Kind ein Bezugspunkt in der geistigen Welt erkannt wird. Florian Oswald fragt geradeheraus, »ob die Waldorfschulen den Inklusionsgedanken als inneres Bedürfnis oder als von außen kommenden Zwang erleben« und Claus-Peter Röhs Perspektive ist die, »dass die Waldorf- und heilpädagogischen Schulen in einer offenen Situation stünden, deren Ausgang unbekannt sei«. Was für eine Herausforderung, was für eine Chance!

Bildhaft gesprochen bewegen sich diese drei Impulse in drei Räumen:

In einem Raum der geistigen Welt,
in einem Innenraum
und in einem offenen Entwicklungsraum.

Wie lassen sich diese Räume betreten, wie können wir sie – miteinander – durchschreiten, hinein in eine offene Weite?

Das Denken transformieren

Claus Otto Scharmers »Theorie U«, inzwischen in sozialen und ökonomischen Feldern vielfach rezipiert, regt an, das Denken zu transformieren, einer Bildung des Herzens Raum zu geben und im Selbst ein inneres Wollen freizusetzen, das Neues in die Welt kommen lässt und andere Realitäten zu schaffen vermag, als wir sie kennen.

Man kann in der Szene aus dem Märchen von Frau Holle, in der das Mädchen aus »Herzensangst« in den Brunnen springt, eine existenzielle Symbolik entdecken, die sich bildlich in der »Theorie U« wiederfindet.

Die »Theorie U leitet Prozesse ein, die Gruppen dabei unterstützen, eigene Positionen und Praktiken infrage zu stellen, in neue Kontexte einzutauchen, den eigenen Auftrag bewusst zu erkennen und sich mit ihm tief und nachhaltig zu verbinden. Sie lässt gemeinsam Zukunftsmöglichkeiten erspüren und so Neues, von der Zukunft her gedacht, in die Welt bringen« (Lyra).

 

 

Der Prozess, den dieser »U-Pfeil« anzeigt, durchläuft absteigend die Erkenntnisräume des Herunterladens (Downloading), Hinschauens (Seeing), Hinspürens (Sensing) bis zum tiefsten Punkt des Anwesendwerdens (Presencing), um dann in einer aufsteigenden Bewegung über das Verdichten (Crystallizing), Erproben (Prototyping) das Neue in die Welt zu bringen (Performing). Die zu durchlaufenden Ebenen und die vertiefenden Schritte versammeln im »U-Prozess« Erfahrungen aus erkennender und emotionaler Selbstbegegnung, wie sie vielen aus persönlichem und professionellem Leben bekannt sind. Besonders vertraut aber sind uns die drei inneren Stimmen des Widerstands: die Stimme des Urteilens (Voice of Judgement – VoJ), die Stimme des Zynismus (Voice of Cynism – VoC) und die Stimme der Angst (Voice of Fear – VoF).

Scharmer benennt drei Sensorien: das »Öffnen des Kopfdenkens« (Open Mind), das »Öffnen des Herzdenkens« (Open Heart) und das »Öffnen der Willenskapazitäten« (Open Will). Die Kohärenz der Ebenen Kopf, Herz und Wille macht es möglich, sich nicht im Restrukturieren des Vergangenen zu verlieren und in den Gewohnheiten des Downloading hängen zu bleiben.

Intellektuell klar zu arbeiten bedarf der emotionalen Ergänzung, aus der Perspektive einer anderen Person wahrnehmen zu können.

Das Öffnen des Willens wirkt kathartisch. Im Durchgang durch den Wendepunkt am Grunde des U erschließt sich meinem höheren Selbst eine verborgene Quelle. Jetzt erst kann ich auf etwas hören, das kommen möchte.

In diesem Sinne bedeutet Inklusion mehr als Teilhabe. Inklusion als Leitbild wird Ausdruck und Fundament dafür, dass die Gewordenheit eines Menschen jederzeit transzendiert werden kann »durch das Anwesendwerden einer essenziellen

Möglichkeit, als Ankünftigwerden eines zukünftigen Potenzials« (Scharmer 2009). »Inklusion wollen« ist synonym mit dieser Tiefen-Dimension.

Und hier liegt ein Geheimnis: Was da kommen möchte ist nicht (nur) abhängig von dem, was ich will, sondern von einem »großen, einem tieferen Willen«, wie es Martin Buber ausdrückt: Der freie Mensch »muss seinen kleinen Willen, den unfreien, von Dingen und Trieben regierten, seinem großen opfern, der vom Bestimmtsein weg und auf die Bestimmung zugeht. Da greift er nicht mehr ein, und er lässt doch auch nicht bloß geschehen. Er lauscht dem aus sich Werdenden, dem Weg des Wesens in der Welt; nicht um von ihm getragen zu werden: um es selber so zu verwirklichen, wie es von ihm, dessen es bedarf, verwirklicht werden will, mit Menschengeist und Menschentat, mit Erdenleben und Menschentod. Er glaubt, sagte ich; damit ist aber gesagt: Er begegnet« (Scharmer 2009).

Wenn Rationalität und Emotionalität durch diesen Raum der Spiritualität erweitert werden, dann können wir nur ahnen, was geschehen mag, wenn wir uns, partizipatorisch mit Betroffenen, gemeinschaftlich auf einen solchen Weg einlassen. Ein Weg, von dem Nicanor Perlas schreibt: »Die Theorie U hat gute Aussichten, eines der bestimmenden Paradigmen des 21. Jahrhunderts zu werden.«

Auf der Landwirtschaftlichen Tagung 2011 in Dornach haben deren Initiatoren, Akteure und die über 600 Teilnehmer einen solchen Sprung gewagt und sind, wie sich dem Tagungsbericht entnehmen lässt, mit »Gold bedeckt« von der Tagung zurückgekehrt. Ließe sich analog ein Sprung in den »Brunnen Inklusion« wagen? Ein Sprung, der für jeden einzelnen, für Institutionen und Organisationen bis hin zum Gemeinwesen notwendig und angesagt ist?

Ein solcher Sprung in einen »U-Prozess Inklusion« wird von niemandem erzwungen, er ist nicht zwangsveranstaltet, kein Akt sich anpassender Koalitionsbildung. Wer ihn tut, tut dies ermutigt durch die Kraft eines neue Gestaltungen suchenden, gewandelten Bewusstseins. Er vertraut auf eine umfassende »Connected­ness« (Hüther/Spannbauer), er wird mit Jaworski Vermittler in einem Spannungsfeld von »Trennung ohne Getrenntsein«, er wird teilnehmen und mit herbeiführen, was Jean Gebser als »Integralität« bezeichnet, und er wird im Wiederauftauchen am Schöpfungsprozess einer Realität mitwirken, die dazu beiträgt, »eine Kultur auf der Basis des Interesses für den anderen Menschen zu begründen« (Lievegoed). Die Zeiten wenden sich, wenn wir uns und damit die Zeiten wenden.

Dr. Walther Dreher hatte bis 2006 einen Lehrstuhl mit dem Bildungs- und Förderschwerpunkt »Geistige Entwicklung« an der Heilpädagogischen Fakultät der Universität zu Köln inne. Von 1997 bis 2003 war er deren Dekan. www.genius-for-all.de

Literatur:

C. O. Scharmer: Theorie U. Von der Zukunft her führen: Prescencing als soziale Technik, Heidelberg 2009 (2011)

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