Unfug in der Sicherheitsorganisation

Von Heike Conrad, Februar 2013

Leserbrief zum Artikel »Reich’ mir mal die Kettensäge …«. Sicherheit im Werkunterricht von Thomas Verbeck, Februar 2013.

Vielen Dank für diesen Beitrag. Wie an Waldorfschulen mit dem Thema Sicherheit umgegangen wird, ist sehr stark von einer bestimmten Denkweise geprägt. Wunderbar zusammengefasst ist sie im Artikel »Totsicher« von Henning Kullak-Ublick, Oktober 2012. In diesem Artikel findet man zwei Grundgedanken:

1. »Sicherheit ist eine Frage der seelischen Spannweite« und
2. »Freiheit im Geistesleben … droht zu kippen, wenn … bürokratische Vorgaben und dergleichen mehr für das soziale Miteinander wichtiger werden als die freie Initiative.«
 
Hinter diesen beiden Aussagen lassen sich vortrefflich alle Schlampigkeiten in Sicherheitsfragen verstecken.
 
Ein Schulbetrieb braucht für die Gewährleistung von Sicherheit, Arbeitsschutz und Gesundheit klare Zuständigkeiten, Verantwortungsbereiche und Weisungsbefugnisse. Das ist nicht bürokratisch, sondern ziemlich pragmatisch und entspricht der Frage »Wer hütet des nachts das Feuer, wenn alle anderen schlafen?«
 
Diesen Pragmatismus wünsche ich mir als Mutter für eine Waldorfschule. Aber was ist die Realität?
 
Waldorfschule orientiert sich am Menschen, aber – um beim Beispiel der nächtlichen Feuerwache zu bleiben – merkwürdigerweise nicht am Menschen, der geschützt werden soll, sondern am Wächter. Klar ist der Wächter morgens müde und vielleicht untauglich zur Arbeit, aber daraus abzuleiten, die Feuerwache ersatzlos zu streichen, ist und bleibt Unfug. Wer sich selbst beruhigt: »Es wird schon nichts passieren«, hat die Grenze zur Fahrlässigkeit längst überschritten.
 
Heute entscheiden die Menschen an der Waldorfschule selbst, ob sie eine Weiterbildung in Sachen Sicherheit brauchen. Passt es mir gerade? Habe ich Zeit und Kraft und persönliches Interesse dafür? Das sind die Eckpfeiler der Entscheidung und auch der Artikel von Thomas Verbeck bläst höflich in dieses Horn.
 
Mir als Mutter macht dieser Unfug in der Sicherheitsorganisation von Waldorfschulen schlicht und ergreifend Angst.
 
Heike Conrad, Schülermutter an einer Berliner Waldorfschule.

Kommentare

Henning Kullak-Ublick, 19.02.13 17:02

Liebe Frau Conrad, vielen Dank für Ihren Leserbrief, dem ich inhaltlich eigentlich völlig zustimme. Da Sie aber nun ausdrücklich Bezug auf meinen Beitrag "Totsicher" nehmen, muss ich Ihnen gleichwohl auch widersprechen. Wir sprechen nämlich von zwei ganz verschiedenen Dingen:
Sie sprechen von der notwendigen Professionalität, die Sie von den Lehrerinnen und Lehrern Ihrer Kinder erwarten - und die schließt selbstverständlich alles das ein, was Sie in Ihrem Brief einfordern.
Ich habe diese Frage in meinem Beitrag aber gar nicht berührt, sondern von der Freiheit geschrieben, die Lehrerinnen und Lehrer brauchen, um zu echten Erziehungskünstlern zu werden.
Diese Freiheit steht überhaupt nicht in Konkurrenz oder gar im Widerspruch zu einer echten Professionalität, klaren Zuständigkeiten und dem Wissen um die notwendigen Sicherheitsmaßnahmen, sondern setzt diese ganz einfach voraus.
In meinem Artikel können Sie daher auch folgenden Satz lesen: »›Freiheit im Geistesleben‹ bedeutet nicht, dass jeder tun oder lassen kann, was er will, sondern dass er ein verbindliches Versprechen gibt, seine Arbeit gut zu machen, und bereit ist, sich daran messen zu lassen.«
Genau deshalb habe ich bei der letzten Bundeskonferenz der Waldorfschulen angeregt, dass wir allen Schulen eine Handreichung zuschicken, die die Lehrer, die Schulverwaltung und die älteren Schüler auf die einschlägigen Bestimmungen verweist und auf die notwendigen schulinternen Zuständigkeiten hinweist. Ich vertrete auch den Standpunkt, dass bestimmte Epochen (z.B. Physik oder Chemie) auch während der Klassenlehrerzeit nur von Lehrern erteilt werden sollten, die eine fachbezogene Aus- oder Weiterbildung gemacht haben.
Dies alles gesagt habend, möchte ich aber weiterhin sehr entschieden dafür plädieren, dass Lehrer mit ihren Schülern nicht nur auf ausgetretenen Wegen gehen, sondern mit ihnen zusammen Schneisen in den Urwald schlagen dürfen. Das müssen die Schüler später nämlich ein Leben lang tun. Sicherheit ja, Freiheit auch!
Viele Grüße, Ihr Henning kullak-Ublick

Heike Conrad, 20.02.13 22:02

Lieber Herr Kullak-Ublick,

ich möchte gern noch einmal antworten, weil ich eine Bitte habe, die aber zum Schluss.

Das Thema Sicherheit hat einen starken politischen Kontext: Die Tragödien in Erfurt 2002 und in Winnenden 2009 haben den Impuls freigesetzt, den Sicherheitsstandard an Schulen gründlich zu überdenken. In einigen Bundesländern wurde die Einrichtung von Krisenteams in Schulen vorgeschrieben, ebenso die Erstellung individueller Sicherheitskonzepte, es gibt Notfallpläne für die Schulen. Doch es geht längst nicht mehr um Amok, Gewalttäter und Einzeltragödien.

Die Sicherheitsorganisation in Schulen wird mittlerweile als wichtiger Teil im öffentlichen Schulprogramm verstanden. Und diese Aufgabe soll - was für öffentliche Schulen neu ist - als Gemeinschaftsprojekt von Schulleitung, Lehrern, Erziehern, Schülern und Eltern entwickelt werden. Das Aufgabengebiet ist komplex, die Botschaft eindeutig: Gewalt, Mobbing, Drogen, Missbrauch, Übergriffe und auch ein leichtfertiger Umgang mit Gefahren sind im Schulkontext nicht akzeptabel.

Auch wenn Waldorfschulen viele Probleme von öffentlichen Schulen gar nicht in dem Ausmaß haben, vermisse ich in der Waldorfschulbewegung eine Sensibilisierung für dieses umfassende Thema. Ganz im Gegenteil: Einer Selbstverwaltung stehen die Haare zu Berge, wenn Eltern nach der Sicherheitsorganisation fragen.

Professionalität einzufordern ist aus meiner Sicht zu früh und auch nicht angemessen. Ein Anfang wäre, in der Erziehungskunst das Thema Sicherheit an Waldorfschulen öfter aufzugreifen. Das wäre meine Bitte an Sie und an alle, die sich dafür interessieren.

Herzlichen Dank
Heike Conrad

Henning Kullak-Ublick, 21.02.13 10:02

Gute Idee, das Thema einmal in der Erziehungskunst aufzugreifen. Danke für die Anregung. Ihr HKU

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