Vertrauen in einem schulischen Organismus

Von Christof Wiechert, Dezember 2018

Unter den Themen, die man nicht gerne berührt und bespricht, rangiert »Vertrauen« ganz oben; es wird so viel missbräuchlich eingefordert, dass ohne Vertrauen zu arbeiten im Kollegium fast als das Wünschenswerte erscheint. Nur aus der Organisationsstruktur nach dem festgelegten Aufgabenheft und auf kontrollierte Verabredung handeln, ist die Alternative. Inzwischen weiß man, dass das auch nicht funktioniert. Anscheinend möchte der Mensch doch zu irgend jemandem und zu irgend etwas Vertrauen haben.

Foto: © Charlotte Fischer

Das Selbstvertrauen

Wo ist es zu Hause? In der Sozialisation, im Charakter, im Temperament? Es gibt ein kleines Büchlein Rudolf Steiners, »Die Schwelle der geistigen Welt« (GA 17), das beginnt mit einem Kapitel »Von dem Vertrauen, das man zum Denken haben kann«. Das Denken wird beschrieben als eine sichere Insel im Meer der Emotionen. Haben wir diese Erfahrung? Wo ist diese Insel? Sie liegt in unserem Innersten, dort, wo wir mit uns selber sprechen, dort, wo Subjekt und Objekt eins sind. Peter Trawny nennt das in seinem wunderbaren Büchlein »Ins Wasser geschrieben« den Ort der ultimativen Intimität, an dem keine Verstellung, keine Kulisse mehr ist, nur Gedanke, Wirklichkeit. Wer sein Lebensschiff dann und wann in diesen Hafen einlaufen lässt, der justiert seinen Kompass, der gewinnt an Selbstvertrauen – nicht das laute, sondern die leise Form davon.

Das kindliche Vertrauen

Einer der mächtigen Entwürfe Steiners zur Erziehungskunst ist der Siebenjahresrhythmus. Im ersten Jahrsiebt sichert sich das Kind – bei entsprechender Erziehung – das Lebensgefühl, die Welt ist gut. Im zweiten Jahrsiebt lebt die unbewusste Grunderfahrung, die Welt ist schön, und im dritten, die Welt ist wahr. Immer sollte man bei solchen Darstellungen bedenken, dass diese drei Qualitäten nicht nacheinander entstehen, sondern auseinander: aus der Empfindung, die Welt ist gut, entwickelt sich die des Schönen und daraus die der Wahrheit. Also; die Welt ist gut: Was ist das anderes, als Vertrauen zur Welt haben?

Immer wieder hat sich mir bestätigt, dass Kinder, die zu Hause mit Herz und Verstand erzogen worden sind, der Welt furchtlos und vertrauensvoll gegenüberstehen. Schon im Kindergartenalter kann man das sehen: Wie selbstverständlich, sicher, wie beschützt stehen sie in der Welt. Kinder, die eher aus dem Verstand alleine erzogen worden sind, haben leicht eine kritische Haltung der Welt gegenüber, sie sind im Habitus nervös, ängstlich, unsicher. Sie sehen sich schon der Welt gegenüber.

Mehr noch: Ich habe Schüler unterrichtet, die vom Schicksal nicht begünstigt waren, deren Start ins Leben mit vielen Hindernissen versehen war. Immer machte ich die Erfahrung, dass solche Kinder, wenn wenigstens eine verlässliche Bezugsperson vorhanden war – die Kindergärtnerin, der Lehrer, der Hausmeister – nie mit dem Leben haderten. Ein Grundvertrauen war vorhanden. Eine Erfahrung, die Schicksal ahnen lässt.

Das Miteinander der Kollegen

Und wie gehen nun die Kollegen miteinander um? Spiegelt sich dieses Selbstvertrauen der leisen, errungenen Art in deren Auftreten? Was macht es aus, dass man seinem Gegenüber vertraut oder eben nicht? Welch geheimes Hin und Her spielt zwischen zwei Menschen, seien es Kollegen oder Lehrer und Eltern oder Lehrer und Vorstände? Dieses schnelle Vibrieren, Abtasten zwischen Anziehung und Abstoßung, dieser schnelle Puls von Sympathie und Selbstbehauptung (Antipathie). Das ist der natürliche Vorgang in der Begegnung, gesteuert aus der Empfindungsseele. Dann greift aber in diesen Puls das Selbstbewusstsein ein und sagt energisch ja zur Situation und zu deren Folgen. Vertrauen kann entstehen und hat auch diesen Aspekt: Wir tun, was verabredet ist. Man will tun, was ausgemacht wurde.

Und wenn man dies aus irgendeinem Grund nicht kann, kann der Vertrauensbruch verhindert werden, indem man sich ausspricht, sagt, es geht nicht, es ist nicht gelungen.

Das aber bedingt die innere Kraft des Selbstvertrauens.

Wie freundlich, offen, unkompliziert sind die Lehrer gegenüber ihren Schülern? Welchen Vertrauensvorschuss haben die Eltern der Schule gegeben, dass die Lehrer freundlich und nett sind (und trotzdem Lehrer)? Dieser Vorschuss kann beschädigt werden, sich in Bitterkeit wandeln, die meist nur schwer oder gar nicht zu beheben ist.

Eltern und Lehrer

Brauchen Eltern und Lehrer Vertrauen zueinander? In der Praxis begegnete ich drei Formen der Elternzusammenarbeit. Die Eltern auf Abstand: Hier ist mein Kind und mein Schulgeld, mach aus beiden was Vernünftiges! Herrliche Eltern, sie lassen einen atmen, auch wenn man sich manchmal etwas mehr Engagement wünschte. Es sind Eltern, die Vertrauen schenken.

Dem gegenüber die hoch Engagierten und Kenner unter den Eltern. Sie wissen genau, was richtig ist und sind Befürworter der Schule, solange es nach ihrem Dafürhalten »richtig« zugeht. Sie müssen ihr Vertrauen regelmäßig bestätigt finden. Und dann gibt es die Eltern, die sich nicht sehr zeigen, die aber immer da sind, wenn man Hilfe braucht, wenn etwas getan werden soll. Aus deren Mitarbeit entsteht im Tun Vertrauen.

Und dann gibt es alle möglichen Zwischenstufen.

Man denke sich aber alle diese Eltern im Kreis um die Klassengemeinschaft, zusammengehalten durch eine tätige, wirksame und wahrnehmbare Pädagogik. Dieser Kreis von Eltern hat eine mächtige soziale Potenz, die noch nicht richtig beschrieben, geschweige denn ausgeschöpft worden ist. Sie hat große Tragkraft für die Schulgemeinschaft. Ist sie vorhanden, spricht keiner mehr über Vertrauen, denn es wird gelebt. Die Elternkreise um die Klassengemeinschaften sind die Pfeiler der Schule, wenn sie zusammengehalten werden von einer tätigen, das heißt aktiven, wirksamen, das heißt erlebbaren und wahrnehmbaren, das heißt nachvollziehbaren Pädagogik.

Kommen solche Kreise nicht zustande, dann schwächelt die Schule als Gemeinschaft.

Jede Schule braucht eine größtmögliche Zahl solcher tragenden Kreise um die Klassen herum, sie geben der Schule Stabilität und Identität. Diese Kreise werden verhindert durch unangebrachten häufigen Lehrerwechsel oder Lehrerbesetzungen, die sich nicht als tragfähig erweisen. Wenn eine geliebte Lehrerin die Klasse verlässt, weil sie schwanger ist, hat das für die Klasse einen ganz anderen moralischen Stellenwert, als wenn ein Klassenlehrer geht, weil es ihm an anderer Stelle eventuell besser gefällt.

Entsteht dieser tragende Kreis nicht, ist sofort das Vertrauen in Frage gestellt. Der Blick auf die Situation wird dann zum Zeitraffer: Wie lange wird akzeptiert, was nicht funktioniert?

Damit kommen wir auf das zweite Niveau der Schule. Das erste Niveau stellt die Tragfähigkeit durch die Eltern-Klassen-Gemeinschaft dar. Das zweite ist das der Schulführung.

Die Kunst der Führung

Nichts ist schöner als eine gut geführte Schule! Sie zieht Vertrauen an wie der Magnet das Eisen. Schon im äußeren Auftritt der Schule wirkt das. – Es berührt einen so merkwürdig, wenn Steiner in den Konferenzen um »mehr Schneid, mehr Korpsgeist« bat: den einheitlichen Auftritt, die Schule als Einheit forderte er ein. Das Einheitliche weckt Vertrauen: Da ist eine Gruppe von Menschen, die wissen, was sie wollen und in dem Wollen arbeiten sie zusammen. Das macht eine Schule von außen gesehen interessant.

Die Schulführung – wie sie gestaltet ist, soll nicht Thema dieses Beitrages sein – muss immer bedacht sein, Maßnahmen zu ergreifen, die die innere und äußere Qualität der Schule stärken. Dadurch werden Profil und Identität sichtbar, was Vertrauen anzieht.

Die Eckpfeiler sind die Kollegen, die sich den »Korpsgeist« zu eigen machen, nicht für sich, sondern für die Sache. Daher muss gesagt werden: die »Human Recources« – also die, die dafür verantwortlich sind, das Personal anzuwerben oder aber auch zu entlassen – müssen immer Priorität haben. Da braucht es Erfindungskraft, die weitergeht als ein Inserat in der »Erziehungskunst«! Die Schulbewegung ist empfindlich. Viele Kollegen kommen an die Schulen und müssen sich erst vertraut machen mit deren Identität, mit deren Methoden, mit der Haltung im Umgang mit Schülern und Eltern, Kollegen und Gremien. Wer seinen eigenen Kurs fährt und nicht den Geist der Schule sucht, stößt auf einen verhärteten Gewohnheitsleib und Krise folgt auf Krise. Junge Kollegen, die die Waldorfschule wollen, erleben heute den Namen als Hindernis wegen dieser sozialen Anfälligkeit.

Vor Jahren beschrieb der damalige Vorsitzende der Anthroposophischen Gesellschaft in den Niederlanden, Bernard Lievegoed, in einem Vortrag das goldene Dreieck der schulischen Beziehungen (Schüler – Eltern – Lehrer) und stellte fest, wenn ein Schenkel dieses Dreiecks verletzt ist, ist der ganze Zusammenhang verletzt. Wir können das ergänzen und ein goldenes Dreieck der innerschulischen Beziehungen bilden: Lehrer – Schulführung (Gremien) – Vorstand. Wenn da ein Schenkel »gebrochen« ist, steht der ganze Organismus in Frage. Was macht aber in beiden Dreiecken die Schenkel aus? Der Wille zur Zusammenarbeit.

Die Felder des Vertrauens

Es hilft, wenn man drei Felder des Vertrauens unterscheidet. Das erste Feld ist das Vertrauen, das durch Pflichterfüllung entsteht, aus dem Einhalten von Verabredungen.

Das zweite Feld des Vertrauens ist seelisch: Es kann entstehen durch die Beziehung zum Anderen und bereichert die eigene Arbeit und damit das Leben.

Das dritte Feld ist geistig. Es ist unabhängig vom Anderen. Es wird an dem eingangs erwähnten Ort gefunden. Man kann es Gottvertrauen nennen.

Es ist das alles gar nicht so schwer zu erreichen! Einen gemeinsamen Willen, den braucht es, der baut Vertrauen.

Zum Autor: Christof Wiechert war langjähriger Leiter der Pädagogischen Sektion am Goetheanum. Zuletzt ist sein Buch »Lust aufs Lehrersein« im Verlag am Goetheanum erschienen.

Kommentare

Keine Kommentare

Kommentar hinzufügen

* - Pflichtfeld

Folgen