Viel Sitzfleisch nötig

Von Christian Boettger, März 2017

Erziehungswissenschaftler diskutierten die Theorie der Waldorfpädagogik.

Erziehungswissenschaftler diskutieren an der Alanus Hochschule in Alfter über Waldorfpädagogik

Vom 20. bis 22. Oktober fand an der Alanus Hochschule in Alfter eine Tagung mit dem Titel »Waldorfpädagogik und Erziehungswissenschaft« mit hochkarätiger Besetzung und 160 Teilnehmern statt. Die siebzehn promovierten und habilitierten Redner und ihre insgesamt neunzehn Beiträge ließen schon im Vorfeld der Tagung höchstes wissenschaftliches Niveau erwarten.

Die Tagung setzte den Schlusspunkt für ein Forschungsprojekt der Pädagogischen Forschungsstelle, das in Zusammenarbeit der Hochschulen für Waldorfpädagogik und der Lehrerseminare durchgeführt wurde. Ein Ergebnis ist unter anderem ein 1.000 Seiten umfassendes Handbuch für Waldorfpädagogik und Erziehungswissenschaften, in dem die Themenfelder Erkenntnistheorie, Professionstheorie, Pädagogische Entwicklungspsychologie, Lerntheorie, Didaktik, Anthropologie und Weltanschauung aufgegriffen und die Anschlussfähigkeit der Waldorfpädagogik an diese Themen bearbeitet wurden. Es sei nun, so Till-Sebastian Idel von der Universität Bremen, an der Erziehungswissenschaft, auf einem ähnlich hohen Niveau Antworten in Richtung der Waldorfpädagogik zu geben.

Von den Zuhörern wurde viel Sitzfleisch und Aufmerksamkeit gefordert und gleichzeitig wurden spannende Inhalte und Diskussionen geboten, denn die Waldorfpädagogik hat auch wissenschaftlich inzwischen Einiges zu bieten.

Guido Pollak von der Universität Passau sprach über das Wissenschaftsverständnis der empirischen Bildungsforschung. Marcelo da Veiga, Rektor der Alanus Hochschule, führte in die Bedeutung von Steiners Erkenntnistheorie für die Waldorfpädagogik ein. Im Bereich der Professionstheorie erörterte Till Sebastian Idel von der Universität Bremen seine Forschungen zu der Rolle von Lehrkräften in reformpädagogischen Bildungsmilieus mit besonderem Bezug auf Waldorfschulen. Walter Riethmüller sprach zu dem Thema Idee und Wirklichkeit des Klassenlehrerprinzips an Waldorfschulen, Jürgen Peters von der Alanus Hochschule über personale Kompetenzen von Lehrern im Zusammenhang mit ihrer Gesundheitsdisposition.

In einem intellektuell und künstlerisch eindrucksvollen Vortrag stellte Volker Ladenthin von der Universität Bonn die Frage: Was ist die richtige Pädagogik?

Im Bereich der pädagogischen Psychologie sprach Christian Rittelmeyer von der Universität Göttingen über mentale Horizonte beim Psychologisieren von Kindern und Albert Schmelzer von der Hochschule in Mannheim gab einen Überblick über die Entwicklungspsychologie der Waldorfpädagogik und die Grundzüge der Kritik von Seiten der Erziehungswissenschaften. Wolfgang Nieke von der Universität Rostock entwickelte in seinem Beitrag im Bereich der Lerntheorie den Begriff des Lernens aus bildungswissenschaftlicher Perspektive, worauf Peter Loebell von der Freien Hochschule Stuttgart zum Lernverständnis der Waldorfpädagogik sprach.

Das Thema Didaktik wurde von Heiner Ullrich von der Universität Mainz eingeleitet und dann aus der Sicht der Waldorfpädagogik von Wilfried Sommer und Michael Zech beleuchtet. Im Bereich der Anthropologie sprach Jörg Zirfas zu pädagogischen Menschenbildern allgemein und Johannes Wagemann von der Alanus Hochschule skizzierte die Sicht der Waldorfpädagogik.

Der ganze Tag wurde durch einen in Englisch gehaltenen Vortrag von Gerd Biesta von der Brunel University London zum Thema der vielfältigen »Geschenke« der Waldorfpädagogik für die zeitgenössische Bildung abgerundet.

Den Schlusspunkt der Tagung bildeten Ehrenhard Skiera von der Universität Flensburg und Jost Schieren von der Alanus Hochschule mit dem heiklen Thema Weltanschauung und Waldorfpädagogik.

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