Vision einer neuen Welt

Von Lorenzo Ravagli, Januar 2012

Jeremy Rifkin gehört ohne Zweifel zu den Visionären unserer Zeit. Seine Bücher wurden in Dutzende von Sprachen übersetzt, er berät Regierungen und Unternehmen rund um die Erde und lehrt an der Wharton School in Boston das neue Paradigma des holistischen Denkens: Jedes einzelne Menschenleben, die Spezies als Ganzes und alle anderen Lebensformen sind im Gesamtorganismus der Erde aufeinander angewiesen und für einander verantwortlich. Diese Verantwortung bedeutet nichts anderes, als dass unser Leben dem Wohl des Gesamtorganismus dienen muss.

Das klingt nicht nur wie eine Neuformulierung von Steiners »sozialem Hauptgesetz«, wonach das Wohl einer Gemeinschaft um so größer ist, je weniger der einzelne die Erträgnisse seiner Leistungen für sich beansprucht und je mehr seine eigenen Bedürfnisse nicht aus seinen Leistungen, sondern aus den Leistungen der anderen befriedigt werden.

Spirituelle Einsichten in die Struktur des Universums treten heute an vielen Orten auf. Wir bewegen uns inmitten der großen Krisen der Gegenwart auf eine Sphäre der Konvergenz zu, in der die Bewegung zur Spiritualisierung der Welt an einen Punkt kommt, durch den sie zu einer globalen Revolution führen kann. Dazu werden sicherlich auch die Einsichten und Ideen beitragen, die Rifkin in seinem neuen Buch ausbreitet.

Er entwirft ein höchst konkretes Programm, wie eine kohlenstofffreie Zivilisation der Achtsamkeit im Rahmen einer dritten industriellen Revolution herbeigeführt werden kann. Der Kern dieser Revolution ist die Demokratisierung der Energieerzeugung. Der weltweite Umstieg auf grüne Energien und die Wasserstofftechnologie macht es möglich, dass die einstige Quelle von Machtkonzentration und sozialer Ungleichheit zu einer Quelle des Wohlstands aller wird.

Das Internet wird sich zu einem Energy-Sharing-Net weiter entwickeln: So wie es uns heute bereits dazu dient, dezentral gesammelte Informationen zur Verfügung zu stellen, wird es als intelligentes Netz für die Verteilung der dezentral erzeugten Energie sorgen. Rifkin schwebt ein gigantischer Umbau vor Augen, der die Umrüstung sämtlicher Gebäude in Mikrokraftwerke einschließt, die ihren eigenen Strom erzeugen, oder den Ersatz sämtlicher konventioneller Transportflotten durch Elektro- und Brennstoffzellenfahrzeuge.

Rifkins Buch quillt geradezu über von Alternativmodellen, die sich auf sämtliche Lebensbereiche beziehen, nicht nur die Ökonomie, sondern auch auf die Bildung und Politik. »Im neuen Zeitalter der dritten industriellen Revolution«, schreibt Rifkin, »besteht der primäre Auftrag der Schulbildung darin, Schüler und Studenten darauf vorzubereiten, als Teil einer gemeinsamen Biosphäre zu denken und zu handeln. Ziel ist die Förderung eines von Biosphärenbewusstsein erfüllten ökologischen Ichs.« Rifkins Buch lässt die Hoffnung aufkeimen, dass die apokalyptischen Szenarien, die uns nur zu vertraut sind, doch noch abgewendet werden können.

Jeremy Rifkin: Die dritte industrielle Revolution. Die Zukunft der Wirtschaft nach dem Atomzeitalter, 303 S., geb., EUR 24,99, Frankfurt/New York 2011

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