Vollständiges Bild beim Thema Organtransplantation

Von Christoph Johannsen, Mai 2013

Leserbrief zu dem Beitrag »Organtransplantation – ein Muss für die Oberstufe« von Christel Traut in Erziehungskunst, März 2013.

1992 wurde ich mit angeborener Querschnittslähmung in eine Regelklasse einer Waldorfschule aufgenommen. Bis heute ist das noch immer nicht die Regel! Waldorfschulen ohne Inklusion sind im 21. Jahrhundert überflüssig. Am 7. September 2019 wird die Waldorfschule 100 Jahre alt – ein gutes Datum, um Inklusion an allen Waldorfschulen zu realisieren!

Die Definition des Hirntods wurde 1968 eingeführt, um eine allgemeine Rechtssicherheit bei der Organentnahme zu schaffen. Ob diese Definition allerdings einen »Lebenden« zum »Toten« erklärt, hängt vom jeweiligen Mediziner und seinem Umgang mit den Patienten ab. Schier unerträglich wird der Artikel aber, wo er die Organverpflanzung nur noch als gewinnbringendes Geschäft schildert, vor dem man junge Menschen warnen müsse. Dort, wo angeblich eine anonyme Pharmaindustrie und skrupellose Ärzte an den jungen Menschen verdienen, indem sie diese zu Opfern ihres guten Willens machen und eine vermeintlich soziale Tat ins Gegenteil verkehren.

Wer einmal wie der Unterzeichner in einer Dialysestation behandelt worden ist, wird es leichter haben zu verstehen, was es heißen kann, jeden zweiten Tag für vier Stunden an eine Maschine angeschlossen zu sein, sein Leben ganz nach dem Rhythmus der lebenserhaltenden Maschine auszurichten. Kein Unbetroffener ahnt, was dies für eine Familie, eine Mutter von Kindern oder einen Vater bedeutet. Nun kann man im Fall einer Nierentransplantation noch auf eine Lebendspende hoffen. Bei einer Herztransplantation ist dies nicht möglich. Wenn die Autorin selbst oder ein naher Angehöriger betroffen wäre, würde sie dann immer noch in gleicher Weise argumentieren? Argumentiert Christel Traut nicht von einem »hohen, gesunden Ross« aus? Würde man nicht alles daran setzen, seinem Kind ein Leben in Würde zu ermöglichen? Auch wenn hierfür ein anderer Mensch sein Leben gegeben hat? Ja, wir müssen mit unseren Schülern über all diese Fragen sprechen. Aber bitte nicht so einseitig wie im Artikel von Christel Traut. Unsere Schüler sind selbstständiger im Denken als Christel Traut ihnen zutraut. Wenn wir also mit ihnen über das Thema Organspende sprechen, lassen Sie uns auch auf die Situation von Betroffenen, Spendenempfängern und Angehörigen schauen. Nur so entsteht ein vollständiges Bild.

Christel Traut: Thema Organtransplantation – ein Muss für die Oberstufe

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