Vom Geist, der berührt

Von Volker Fintelmann, Juni 2020

Eine der wichtigsten geistigen Strömungen unserer Zeit ist das Rosenkreuzertum. Lange im Verborgenen wirkend, wird es immer mehr Teil einer Öffentlichkeit, die auf vielen Lebensgebieten durch die Anthroposophie Rudolf Steiners der Realität des Geistes, wie er sich im Sinnenfälligen offenbart, begegnet.

Viele der Schüler Steiners haben sich diesem Thema gewidmet, und speziell zum Beginn des 21. Jahrhunderts folgten in kurzen Abständen umfangreiche Werke zur Rosenkreuz-Thematik.

Seydel ergänzt in ihrem Buch diese Literatur um ihre eigenen Erfahrungen und Erlebnisse. Sie ist Pädagogin und war viele Jahre als Lehrerin an der Rudolf Steiner Schule München-Schwabing tätig.

Manches Rosenkreuzererlebnis schildert sie daher aus der Schulpraxis, findet aber auch Beispiele rosenkreuzerischer Werktätigkeit in Menschen wie dem Architekten des Jüdischen Museums in Berlin, Daniel Libeskind, oder dem Arzt des FC Bayern-München und früher der deutschen Fußball-Nationalmannschaft, Hans Wilhelm Müller-Wohlfahrt.

Seydels Anliegen ist es, zu vermitteln, wie Christian Rosenkreutz heute den Menschen ganz nahe ist, wie er ihnen in schwierigen Lebenssituationen beisteht, wie er sie auch als seine Schüler beruft. Rosenkreutz' Mission ist es, über die Wahrnehmung und Beobachtung der Sinnenwelt das schöpferische Prinzip des Geistes in ihr zum inneren Erlebnis zu bringen. Seydel hat selber diese Erfahrung gemacht, als sie ihre Vorbereitungsarbeit zu einer Pflanzenkunde-Epoche der 6. Klasse in einem Zitat Steiners widergespiegelt erlebte, in dem er davon spricht, dass die Seele in die Naturdinge wie einen Tannenzapfen »hineinkriechen« kann, weil die Seele überall ist oder eben sein kann. Dieses »Hineinkriechen« wird Anna Seydel zu einem besonderen Erlebnis an der Bildersprache des Jessefensters im Westportal der Kathedrale von Chartres. In feiner Weise entwickelt sie an dessen Bildern das Erleben der Umkehrung des Willens, wie es von Steiner im Buch Vom Menschenrätsel geschildert wird. Und in einem folgenden Kapitel wird dann »der Wirbel« als eines der geheimen Zeichen der Rosenkreuzer angefügt, an dessen Schnittstelle die Seele ihr »Stirb und werde« erfährt. Hier kann der Mensch in sich, in seiner Seele, auf das Rosenkreuzermotiv »In Christo morimur« stoßen. Denn der Schritt in ein Neues erfordert das Ersterben von Altem, oder – folgen wir Rudolf Steiner – die Christusbegegnung geschieht durch die Ohnmacht.

Zwei weitere Erlebnisfelder schildert Seydel, an denen sie ihre Begegnungen mit der Rosenkreuzerströmung anschaulich macht: die Lebenswelt des Ätherischen und die Bildsprache der Nordlicht-Erscheinungen als Ausdruck von Naturgesetzlichkeit und sozialer Menschenordnung. Auch die innigen Verbindungen von Rosenkreuzertum und Anthroposophie, der heilpädagogische Impuls und drei herausragende Inkarnationen des Christian Rosenkreutz werden in eigenen Kapiteln dargestellt.

Die Texte lesen sich flüssig und einprägsam, und doch wird deutlich: Du musst sie immer wieder lesen, es sind Studientexte, wie das Studium der Wirklichkeiten von Natur, Mensch und Welt als Eintrittspforte für den eigenen Weg in das Rosenkreuzertum. Ein anregendes Buch, eine ganz persönliche-individuelle Darstellung von Erlebtem. Schade, dass der Endkorrektur doch nicht wenige Setz- oder Schreibfehler entgangen sind, so auch der Name von Ita Wegman. Das sollte bei einer weiteren Auflage korrigiert werden.

Anna Seydel: Stirb und werde. Rosenkreuzermotive in unserer Zeit. Mit zahlreichen Abbildungen, 192 S., geb., EUR 20,–, Verlag Urachhaus 2019

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