Vom Krankenhaus zurück ins Leben

Von Jürgen Beckmerhagen, Juni 2016

Tim Emils Augen leuchten, während er von seinen Zukunftsplänen berichtet. Basketball will er spielen. Das Abitur will er machen und Architektur studieren. Dabei will er sich auf den Bau von barrierefreien Häusern spezialisieren.

Tim Emil und sein Sport-Rolli

Keinen Moment zweifle ich daran, dass der Sechzehnjährige seine Ziele erreichen kann.

Fast scheint es, als wäre Tim Emils Willenskraft erst durch den schrecklichen Verkehrsunfall vor vier Monaten zur vollen Entfaltung gekommen. Er hatte seinen Motorradführerschein seit zwei Monaten, als er auf dem Weg zur Schule auf der Autobahn ungebremst auf das Heck eines LKW prallte. Sekunden später waren zufällig ein Mitschüler und dessen Mutter am Unfallort. Sie rechneten mit dem Schlimmsten.

Ein Hubschrauber brachte Tim Emil in eine Hamburger Klinik. Dort verbrachte er zwei Wochen auf der Intensivstation. Das körperliche Leid war unerträglich. Die kleinste Bewegung löste an unzähligen durchtrennten Nervenenden in seinem Oberkörper ein Inferno an Schmerzen aus.

Schnell erkannte Tim Emil, dass sein Körper unterhalb seiner Arme nicht mehr reagierte. Er war querschnittsgelähmt. Für jeden Gesunden ist diese Erkenntnis unvorstellbar. Doch für Tim Emil ist die Intensivstation der Start in ein neues Leben. Er tröstet die, die ihm eigentlich Trost spenden sollten. Er wird zur unbändigen Quelle des Mutes. Von diesem Mut lassen sich auch seine Lehrer und Mitschüler anstecken. »Na klar, schaffen wir das!« Der Funke springt schnell auf die gesamte Schulgemeinschaft der Freien Waldorfschule in Itzehoe über.

Während sich Tim Emil in der Reha-Klinik auf seine Rückkehr vorbereitet, setzen Lehrer, Schüler und Eltern alles in Bewegung, um die Schule schnellstmöglich barrierefrei zu gestalten. Die Schule im Itzehoer Stadtteil Wellenkamp ist ein kleines Dorf mit zehn Gebäuden rund um zwei Schulhöfe. In ihnen befinden sich die Klassen-, Fach- und Gemeinschaftsräume.

Die Hoffläche ist zum größten Teil mit Holzhackschnitzeln gefüllt: gut für spielende Kinder, schlecht für Rollstuhlfahrer. Rollstuhl­gerechte Wege anzulegen ist aufwändig und teuer. Im Gebäude der Oberstufe liegen die Klassenräume im ersten Stock. Dort muss ein Fahrstuhl installiert werden. Im regulären Haushalt einer Waldorfschule sind solche finanziellen Herausforderungen nicht vorgesehen.

Wenn einer will und alle helfen

Tim Emil will zurück in seine Schulgemeinschaft. Sie bedeutet alles für ihn. Zudem will er zurück in seine 11. Klasse. Deshalb will er so wenig Unterricht wie möglich verpassen. Er will – und er schafft es. Als die Experten der Unfallkasse erkennen, wie stark der Wille von Tim Emil ist und wie sehr sich die Schulgemeinschaft von seinem Willen zur Rückkehr anstecken lässt, geben sie den Gedanken an die weitere Beschulung in einer von Haus aus behindertengerechten Schule auf. Sie erkennen schnell, wie heilsam die liebevolle Reaktion seiner Schulgemeinschaft auf seinen größten Wunsch ist und erklären sich bereit, einen Teil der Kosten für den Bau der Wege zu tragen. Gleichzeitig nimmt der Vorstand des Fördervereins Kontakt mit diversen Stiftungen und Vertretern der Wirtschaft auf. Die Volks- und Raiffeisenbank und die Michael-Stiftung wollen den Bau der Wege ebenfalls finanziell unterstützen.

In der Sporthalle der Reha-Klinik trifft Tim Emil auf Edina Müller. Ein Kunstfehler machte sie ebenfalls mit 16 zur Querschnittsgelähmten. Heute schaut die 32-jährige auf eine überaus erfolgreiche Karriere als Spielerin in der deutschen Nationalmannschaft der Rollstuhlbasketball-Frauen zurück. Sie macht ihm Mut. Bald wird Tim Emil einen speziellen Sport-Rolli erhalten. Dann steht auch seiner Basketball-Karriere nichts mehr im Weg. Während Tim Emil in der Reha-Klinik den Umgang mit dem Rolli und die täglichen Verrichtungen als Querschnittsgelähmter lernt, werden in der Schule für den ersten Bauabschnitt Absperrungen errichtet.

Bagger rollen an. LKWs liefern Sand und Steine. Arbeiter setzen alles daran, dass die ersten Wege noch vor Weihnachten fertig werden. Zwischenzeitlich zieht die 11. Klasse vom ersten Stock des Oberstufengebäudes in den ebenerdigen Raum der neunten Klasse. Diese Übergangslösung soll bis zum Einbau des Fahrstuhls bestehen.

Heißbegehrter Rolli

Kurz vor Weihnachten besucht Tim Emil nach drei Monaten Klinikaufenthalt erstmals die Schule – seine Schule – und kann kaum glauben, was die Schulgemeinschaft durch ihn und für ihn in so kurzer Zeit bewegt hat. Mit nur drei Monaten Aufenthalt in der Reha-Klinik bricht Tim Emil alle Rekorde. Seit Januar 2016 nimmt er wieder am regulären Schulunterricht teil. Bei seinen Mitschülern ist der Rolli heiß begehrt. Gerne tauscht er ihn gegen den Stuhl eines Klassenkameraden. Seine obligatorische Jahresarbeit trägt den Titel »Querschnittslähmung – der Weg vom Krankenhaus zurück ins Leben«. Für das Sozialpraktikum erhielt er bereits die Zusage einer Einrichtung der Hermann-Jülich-Stiftung. Auch für den zum Waldorfabschluss gehörenden Eurythmieabschluss haben Tim Emil und seine Eurythmielehrerin bereits konkrete Pläne entwickelt.

Aber jetzt wird Tim Emils Unterstützung erst einmal beim kommenden Eurythmieabschluss der 12. Klasse benötigt. Er wird wieder das Bühnenlicht steuern – so wie er es in den letzten Jahren bereits bei vielen anderen Veranstaltungen der Schule getan hat. Der Hausmeister hat das Steuerpult etwas höher gebaut, damit Tim Emil mit seinem Rolli bequem daran sitzen kann. In den kommenden Tagen wird der Bau rollstuhlgerechter Wege fortgesetzt.

Danach kann Tim Emil auch die kleine Halle mit Eurythmiesaal erreichen. Für den Einbau des Fahrstuhls im Oberstufengebäude werden dringend weitere Spenden benötigt.

Was Tim Emil beim Anblick von Motorrädern heute empfindet, frage ich ihn. Seine Augen leuchten. »Wenn ich könnte, würde ich sofort wieder auf das Motorrad steigen. Es ist ein wunderbares Gefühl.«

Zum Autor: Jürgen Beckmerhagen ist Geschäftsführer der Freien Waldorfschule Itzehoe.

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