Vom Phänomen zum Begriff

Von Wilfried Sommer, Mai 2021

Seit nunmehr vier Jahrzehnten sind die physikdidaktische Forschung in der Pädagogischen Forschungsstelle beim Bund der Freien Waldorfschulen und ihr Pendant, das die universitäre Lehrerbildung trägt und begleitet, eng vernetzt. Man besucht gegenseitig Tagungen und ist oft über den Stand der Projekte, welche die Kollegen verfolgen, informiert. Gemeinsam ist den Beteiligten das Interesse an Wegen vom Phänomen zum Begriff, wie sie im Physikunterricht beschritten werden können.

In der bei De Gruyter erscheinenden Reihe Physik für Lehramtsstudierende – vom Phänomen zum Begriff hat nun Jan-Peter Meyn den Band 4 Wärme und Energie vorgelegt. Lehrkräften, die an Waldorfschulen Physik in der 9. bzw. 10. Klasse oder auch Techno­logie in der 11. Klasse unterrichten, kann er wärmstens empfohlen werden.

Jan-Peter Meyn ist Professor für Didaktik der Physik an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Er ist auch ein wacher Zeitgenosse, der beispielsweise die Herausforderungen durch den Klimawandel in sein Buch sorgfältig integriert. Damit stellt er einer Generation von Studierenden, die freitags für die Zukunft »ihres« Planeten demonstrieren, physikalische Expertise zur Verfügung. So wird ein Kapitel zu Energiespeichern durch Kapitel zur regenerativen Energiegewinnung und zur Nachhaltigkeit gerahmt.

Neben seiner Tätigkeit als Hochschullehrer hat Jan-Peter Meyn immer wieder Physik-Epochen an Waldorfschulen gegeben. So verwundert es nicht, dass das Buch sorgfältig Fragen thematisiert, die auch an Waldorfschulen regelmäßig erörtert werden: Wie kann man die Gesetzmäßigkeiten der Wärme ohne Teilchen formulieren? Wie kann man mit Schülern den (skalaren) Druck von der (vektoriellen) Kraft unterscheiden? Wie gelingt es, Energie nicht als den »eigentlichen Antrieb von Vorgängen« zu sehen, sondern schlicht festzustellen: »Die Energie bewertet mechanische, elektrische, thermische und chemische Vorgänge quantitativ« oder »Druck beschreibt den Zustand des Gepresstseins«?

Den Bezugsrahmen des Buches bilden die gängigen physikdidaktischen Kategorien – der Übergang von der Alltagssprache zur Fachsprache oder der Umgang mit Vorwissen, Fehlvorstellungen und Lernschwierigkeiten, um nur einige zu nennen. Gleichzeitig wird praktisch und konkret erläutert, wie Wärmemaschinen funktionieren, und es werden fast ausschließlich Experimente vorgestellt, die auch im schulischen Physikunterricht gezeigt werden können.

Lehrkräfte an Waldorfschulen, die ihren Unterricht auf der Grundlage aktueller Forschung überdenken und weiterentwickeln wollen oder schlicht nach einem weiterführenden physikdidaktischen Lehrbuch suchen, erhalten so eine sehr zugängliche Anregung. Diese weitet den Blick und passt zugleich genau zu den Angel- oder Knackpunkten in den Physikepochen der 9. und 10. Klasse.

Jan-Peter Meyn: Wärme und Energie – Physik für Lehramtsstudierende, Band 4, Pb., 278 S., EUR 39,95, De Gruyter, Berlin 2021

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