Vom Schneckenhaus zur Weltwirtschaft

Von Henning Kullak-Ublick, Oktober 2012

Die Welt befindet sich in einem rasanten Umbruch, der immer unüberschaubarer wird und dessen Ende nicht abzusehen ist. Finanzkrisen, Eurokrisen, ökologische Krisen, soziale Krisen und Bildungskrisen gehören ebenso zum Standardrepertoire der medialen Berichterstattung wie Reportagen über Armut, Terrorismus, Flüchtlingsströme, Aids und Hungerkatastrophen. Wer will, kann sich das von morgens bis abends anhören und: verzweifeln.

Gartenbau an Waldorfschulen als Antwort auf die Globalisierung. Foto: Charlotte Fischer

Wie kann man Kinder und Jugendliche darauf vorbereiten, in dieser Welt nicht nur zu überleben, sondern kreativ, originell und verantwortungsbewusst mit ihr umzugehen? Woher nehmen sie den Mut zum Handeln, statt schon zu resignieren, bevor sie überhaupt begonnen haben? Wie finden sie Ideen, mit denen sie etwas bewirken können, statt das Vorgefundene nur zu verwalten? Die Antwort liegt im Menschen selbst. Im Unterschied zu seinen tierischen Geschwistern, die unbeirrbar von ihren Instinkten geleitet werden, liegt in ihm die Möglichkeit zur Freiheit. Die natürliche Entwicklung führt bis zu dieser Schwelle – ob ein Mensch sein Freiheitspotenzial allerdings aktiv entwickelt, hängt einzig von ihm selber ab. Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit sind keine Naturereignisse, sondern Ideale, die nur durch Menschen verwirklicht werden können. Deshalb ist die Frage, wie die Menschheit mit den oben geschilderten Herausforderungen umgeht, eine zutiefst pädagogische Frage. Pädagogik rechnet damit, dass sich Erfahrungen in Fähigkeiten verwandeln: Dabei führt der Weg fast immer von der Hingabe (Aufmerksamkeit) über Gefühlserlebnisse zu neuen Erkenntnissen. Je tiefer und differenzierter diese Erfahrungen sind, umso besser können sie zu Instrumenten werden, die dem eigenen Erkennen und Handeln dienen.

Vom Tasten zur Freiheit

Das beginnt schon, wenn ein kleines Kind seine Umgebung mit allen Sinnen erforscht, sie sieht, riecht, ertastet, schmeckt, hört. Es verbindet sich dabei so vorbehaltlos mit seiner Umwelt, dass es nachahmend sogar das Laufen und Sprechen lernt. Was das Kind ganz unreflektiert tut, bildet die Erfahrungsgrundlage für die viel später erwachende freie Erkenntniskraft des Erwachsenen. Die Kraft, neue Ideen zu denken, stützt sich auf die sinnliche Vorbereitung in den allerersten Lebensjahren, weil dort die willentliche Hinwendung zur Welt geübt wird, wie sie später für die freie Gedankenbildung gebraucht wird.

Vom Vertrauen zu den Menschenrechten

In der Zeit zwischen der Schulreife und der Pubertät ver­­lagern sich diese Nachahmungskräfte ins Seelische: Sie werden zum Mitdenken, Mitfühlen, Mitschwingen mit Menschen, denen die Kinder ihr Vertrauen schenken. Dieses tief im Gefühlsleben verankerte Vertrauen zu einer Bezugsperson wandelt sich zu sozialer Kompetenz und wird zur Erkenntnisgrundlage für die Anerkennung der Gleichwertigkeit eines jeden Menschen: Vor der kritischen Distanz wird die Wahrnehmung des anderen in seiner Einzigartigkeit geübt.

Von der Begeisterung zur globalen Solidarität

Schon im Ausklang der Pubertät stehen den Heranwachsenden ihre Erkenntnis-, Empathie- und Handlungskompetenzen auf einer neuen Stufe zur Verfügung. Die bewusste Hinwendung zur Welt steht jetzt im Mittelpunkt. Begeisterung für große Ideenzusammenhänge, das Abklopfen gewachsener sozialer Formen auf ihren logischen und moralischen Wahrheitsgehalt sowie ein tiefes Interesse für andere Menschen und Kulturen bilden den Erfahrungsboden für das Ideal der Solidarität mit den Mitmenschen und anderen Kulturen, aber auch der Erde und den Naturreichen. Es geht immer um die Erfahrungen, die zu Erkenntnissen und Entschlüssen werden können. Deswegen muss man die eingangs gestellten Fragen neu stellen: Was hat eine Schnecke mit der Weltwirtschaft zu tun? Was unsere Hände mit Moral? Was die Ernährungs-Epoche mit dem Hunger auf der Welt?

Das Schneckenhaus oder die Erkenntniskraft der Phantasie

Lisa sitzt in der ersten Klasse und staunt mit einem Vogel und einer Schnecke darüber, wie verschieden sie leben. Behutsam schmeckt das Schneckchen Gräser, Blätter und die Erde, die es mit seinem ganzen Körper buchstäblich erschleckt. Mitleidig bedauert sie den armen Vogel, der noch nicht mal ein gewundenes Häuschen hat, in das er sich schmiegen kann! Der Vogel findet es aber ganz furchtbar eklig, immerzu die Erde abzulecken; am liebsten berührt er sie überhaupt nur mit den Krallenspitzen! Mit seinen gefiederten Schwingen kann er hingegen selbst in allerfeinsten Luftströmen segeln, wenn er in den tiefen, blauen Himmel taucht. Ein Glück, dass er nicht ein Haus mit sich herumschleppen muss! Während Lisa zuhört, öffnet die Phantasie ihre Augen. Was sie erkennt, verdankt sie der Empathie, die sie für die beiden Tiere aufbringt, ihr Staunen weckt ihr Interesse an der Welt. Ein verantwortlicher Umgang mit deren Ressourcen und ihren Bewohnern kann ohne die Verbindung von Phantasie und Empathie nicht gelingen. Er bedarf gleichermaßen eines bildhaften Vorstellungsvermögens wie der Kraft, die Wirkungen von Entscheidungen vorauszusehen.

Die Hände oder die Verantwortung für die Welt

Leon geht heute zum ersten Mal in die Schule. Zu Unterrichtsbeginn soll er seine Hände ganz genau anschauen. Was kann er damit alles machen? Greifen, klettern, essen, klatschen, arbeiten und helfen. Mit ihnen kann er arbeiten und spielen, aber wenn sie nichts tun, werden sie faul und dumm. – Vier Jahre später lernt Leon in einer Menschen- und Tierkundeepoche Pfoten, Klauen, Hufen, Krallen und Menschenhände zu unterscheiden. Die Gliedmaßen der Tiere sind viel spezialisierter und geschickter als die der Menschen. Aber er erkennt auch, was er am Einschulungstag schon ahnte: Nur die Menschenhand kann ein Leben lang dazulernen! Ob sie etwas Gescheites tut oder Unfug anrichtet, entscheidet allein der Mensch, der sie führt. Den Tieren wird diese Entscheidung von ihren Instinkten abgenommen; die Menschen müssen selber entscheiden. Durch diesen Vergleich wird offensichtlich, dass nichts, was wir mit diesem Werkzeug unserer Freiheit tun, ohne Folgen bleibt. Das ist eine moralische Erkenntnis, die wirkungsvoller als jede moralische Unterweisung ist.

Der Acker oder die Erde als Stern der Arbeit

Die dritte Klasse ist bei einem Bauern eingeladen. Es ist Frühling. Die Kinder ziehen gemeinsam einen Pflug über den Acker, der Boden wird geeggt und Weizen gesät. Im Sommer wird das Korn geerntet, getrocknet, gedroschen, gemahlen und schließlich zu Brot verbacken. Die Kinder erleben, wie Erde, Luft, Regen und Sonne das Getreide langsam bis zur Reife führen. Sie lernen in eigener Anschauung Verwandlungsprozesse kennen – und die reale Arbeit, die in jedem Stückchen Brot steckt. Das ist eine elementare Erfahrung, die kein Arbeitsblatt ersetzen kann.

Mein Körper als Teil der Welt

Lisa und Leon sind jetzt dreizehn Jahre alt und setzen sich mit der Ernährung auseinander. Im sechsten Schuljahr lernten sie mit allen Sinnen die Gesetzmäßigkeiten der Wärme, Akustik, Optik und Elektrizität in der sie umgebenden Welt kennen. Jetzt untersuchen sie den eigenen Körper in seiner stofflichen Beziehung zur Welt. Rudolf Steiner legte großen Wert darauf, dass dieses Thema in einem Lebensalter behandelt wird, in welchem Ernährungsfragen schon als Kausalzusammenhänge verstanden werden, aber der persönliche Egoismus noch nicht erwacht ist.

Nur was man liebt, kann man auch schützen

Ernährungsfragen appellieren wie kaum ein anderes Thema an diesen Egoismus. Während sich die westliche Welt den Kopf darüber zerbricht, wie sie der zunehmenden Verfettung der Menschen entgegenwirken kann, verhungert alle sechs Sekunden irgendwo auf dieser Welt ein Kind. Nahrungsmittel sind zum Spekulationsobjekt geworden, ganze Landstriche veröden in der Folge, obwohl sie besten Ackerboden haben. Auch Ressourcen wie das Wasser werden zunehmend von politischen und ökonomischen Interessen instrumentalisiert, was immer neue Abhängigkeiten schafft. Die hier beispielhaft aufgeführten Epochen bieten wunderbare Gelegenheiten, die Erde als gemeinsame Heimat aller lebenden Wesen achten und lieben zu lernen, bevor die Fragen nach dem persönlichen Nutzen auftauchen.

Das Zusammenleben in einer globalisierten Welt

Die weltweit verflochtenen Wirtschafts- und Handelswege sind Ausdruck unseres Daseins als körperliche Wesen. Wir teilen uns die Erde mit allen anderen Menschen, mit den Tieren, den Pflanzen, den Meeren, Bergen, Flüssen und der Luft. Um das zu überschauen, müssen zuerst differenzierte Kenntnisse von den realen Lebensverhältnissen der Menschen gebildet werden. Zum Erlebnis können die Fakten aber nur durch die Phantasie gebracht werden – eine Kraft, die Lisa in der ersten Klasse schon geübt hat. Ohne diese Vorstellungskraft wird das Ideal der Brüderlichkeit eine leere Formel bleiben.

Ähnlich steht es mit dem Bewusstsein für den gleichen Wert aller Menschen. Es beruht auf einem tief verwurzelten Gerechtigkeitsgefühl, das sich aus der Erfahrung der Einzigartigkeit eines jeden Menschen speist. Diese Erfahrung kann nur im Vertrauen auf andere Menschen gewonnen werden, das vom kritischen Verstand noch nicht untergraben ist. Deshalb ist es für Kinder so wichtig, mit anderen zusammen zu fühlen und zu arbeiten, wie das in einer Klassengemeinschaft möglich ist. Die Autorität eines Klassenlehrers liegt nicht zuletzt in seiner Fähigkeit begründet, eine solche Atmosphäre der gegenseitigen Anerkennung herzustellen. Das Erlebnis der Gleichwertigkeit ist der beste Schutz vor totalitärer Gleichschaltung. Die Entwicklungsfähigkeit eines jeden Menschen ist die Basis eines Freiheitbegriffs, der alle Menschen einbezieht, weil er sie als Werdende erkennt. Alles, was in diesem Aufsatz beschrieben wurde, dient genau dieser Erfahrung. Die Freiheit des Menschen beginnt, wenn er beim Aufrichten lernt, sein Gleichgewicht zu halten. Sie setzt sich in der Erforschung der Welt mit seinen Sinnen fort. Was ihm später als seelische Kraft zur Verfügung steht, hat er vorher körperlich geübt.

Ob Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit erlebte Wirklichkeit oder bedeutungslose Floskeln sind, entscheidet sich in jedem Menschen selbst. Erziehung kann diese Entscheidung niemandem abnehmen. Aber sie sollte alles dafür tun, dass ein junger Mensch sie einmal treffen kann.

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