Vom Ursprung besessen

Von Bruno Sandkühler, Januar 2018

Das Vorwort könnte abschrecken. Bald aber öffnet sich dann ein weit in die Tiefe reichender Blick nicht nur auf »den« Islam – den es für Benslama in der kulturellen und ethnischen Vielfalt der Muslime nicht gibt –, sondern auf die weite Landschaft religiöser Ursprünge.

Hier geht es vor allem um die Spannung zwischen Tradition und Orientierung im Heute, um die »Überschreitung« der Herkunft, in die wir eingebunden sind. Benslama sieht ein vitales seelisches Interesse verletzt, das »eine derart große politische Enttäuschung erzeugt, die sich im Geschrei der Massen entlädt oder sich in Ausschreitungen und Mordanschlägen Luft macht«. Er sieht die Islamisten »von der Frage des Ursprungs besessen«, die »keinen Erwartungshorizont in die Zukunft öffnet«, sondern »in die immergleiche Wiederholung« des Alten. Sein Denken richtet sich auf die »Kluft zwischen abgeschlossenem und unendlichem Islam«, in dem Dschihad nicht Kampf, sondern innere Anstrengung bedeutet.

Der ganze Ansatz ist von der Psychoanalyse geprägt, aber ebenso durch die Sicht des Autors als eines Betroffenen, der nach seiner Übersiedlung nach Europa einem Islam gegenübersteht, den er nur unter dem Aspekt des Unbewussten zu deuten vermag. Dieser Deutungsversuch bringt Erkenntnisse mit sich, die einen völlig neuen Blick auf das gegenwärtige Geschehen erlauben. In der Analyse von Rushdis »Satanischen Versen« zeigt sich eine Grundproblematik des Koran, der die Wahrheit verkünden soll, sich aber seit jeher mit dem Aspekt der Dichtung, der Fiktion auseinanderzusetzen hat. Der anschließenden Freudschen Sicht der Religion und den sich daraus ergebenden Ausblicken auf den Islam mag man nicht immer zustimmen, aber Benslama verliert darüber nicht die aktuellen Phänomene aus dem Blick: die Vermischung von Wissenschaft und Religion – den »Versuch …, sich gegen das im Außen zu schützen, was im Inneren außer Kraft gesetzt worden ist«, das Amalgam von Islam und Nationalismus, die »Verzweiflung der Massen« oder eine angebliche »Demütigung des Islam« als Erklärung für den 11. September und die Folgen – die arabische Welt erscheint angesichts des Versagens ihrer Regierungen als »Subjekt ihrer eigenen Demütigung«.

Im Weiteren geht Benslama der Entstehung und dem Wesen des Islam psychoanalytisch nach. Es eröffnen sich interessante Perspektiven bis hin zum Mythos der Frau im Islam und dem Bruderpaar Kain und Abel, wenn auch die psychoanalytischen Denkschemata dem Leser einiges abverlangen. Ein überraschendes, erhellendes Buch.

Fethi Benslama: Psychoanalyse des Islam, 352 S., EUR 30,–, Matthes & Seitz, Berlin 2017

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