Vom Wissen zum Erleben

Von Iris Didwiszus, Susanne Becker, Dezember 2009

Susanne Becker im Gespräch mit der Waldorflehrerin und Ausbilderin Iris Didwiszus über Vertrauen, Ehrfurcht und die Neue Langsamkeit.

Verlangsamung durch die Natur: Kanufahren

Susanne Becker | Iris, Du warst selbst Waldorfschülerin, bist seit siebzehn Jahren Waldorflehrerin und seit einigen Jahren als Ausbilderin von Waldorflehrern aktiv. Du kennst drei Ausblicke auf den gleichen Beruf. Was macht für Dich vor diesem Erfahrungshintergrund einen guten Waldorflehrer aus?

Iris Didwiszus | Für Schüler steht der Unterschied zwischen Waldorf- und Regelschule nicht so im Vordergrund. Was man sich wünscht, ist ein Lehrer, der einem zugewandt ist, der fair und natürlich fachlich kompetent ist, ein Lehrer, mit dem man reden kann. Als Lehrerin war ich am Anfang begeisterte Fachfrau für Biologie und Chemie, ich kam ja direkt von der Uni. Im Lauf der Jahre ist jedoch die Beziehungsebene zu den Schülern immer mehr in den Vordergrund getreten. Eine gute Beziehung hat sehr viel mit Vertrauen zu tun, und da muss ich als Lehrerin in Vorleistung treten, einen Vertrauensvorschuss geben. Dann ist ein gemeinsames Arbeiten an den jeweiligen Inhalten der Epoche schülerzentriert möglich.

Auch meine Methode hat sich verändert. Es gibt ja dieses schöne Schlagwort »von der Wissensvermittlerin zur Lernprozessbegleiterin«, und das trifft es schon irgendwie.

Nun der Blick auf die zukünftigen Waldorflehrer. Zu uns ans Seminar kommen sie ja, wenn sie schon ein Stück Biografie hinter sich haben. Wir sind ein Postgraduiertenseminar. Wenn Du die Ausbildung durchhältst, dann zeigt es, dass Du den Mut hast, Deine Persönlichkeit in Frage zu stellen, um dann mit dieser Offenheit kreativ umzugehen.

Andererseits darfst Du nicht zu schwankend sein. Denn die Schüler wollen authentischen Erwachsenen begegnen, da sie auf der Suche nach einer eigenen Identität sind.

SB | Warum bist Du in die Ausbildung von Waldorflehrern gegangen?

ID | Am Lehrerseminar zu arbeiten bedeutet, sich die Zeit zu nehmen, ganz fundiert an den Grundlagen zu arbeiten. Wenn man im Schulstrudel ist, ich habe ja zehn Jahre lang in den Abiturklassen unterrichtet, da ist es mir passiert, dass ich vergessen habe, wie wichtig es ist, sich selber menschenkundlich weiterzubilden. Das kann man ganz leicht aus dem Blick verlieren.

SB | Was möchtest Du den werdenden Lehrern vermitteln?

ID | Ich möchte sie davon überzeugen, dass die Kinder und Jugendlichen keine Gefäße sind, die ich füllen muss. Sie sind Persönlichkeiten, die bereits etwas mitbringen. Ehrfurcht ist für mich etwas ganz Wichtiges. Wir gehen mit jungen Menschen um, die sich in einem Zeitabschnitt ihrer Biografie befinden, in dem sie sich stark verändern. Du musst Dich zurücknehmen, dass Du ihnen nicht im Weg stehst. Du musst diejenige sein, die ihnen Angebote macht, Möglichkeiten anbietet, sie vor Situationen stellt, die sie dann ergreifen können und  die sie in ihrer Persönlichkeitsentwicklung unterstützen.

SB | Du bist auch Erlebnispädagogin, was heißt das für Dich?

ID | Mein Bereich in diesem weiten Feld ist, mit den Schülern in die Natur zu gehen, möglichst ohne zivilisatorisches Drumherum. Und sich dann in der Natur so fortzubewegen, dass eine Verlangsamung stattfindet. Deshalb wandere ich sehr gerne und fahre Kanu. Durch diese Verlangsamung erhoffe ich mir eine Intensivierung in der Wahrnehmung und eine Intensivierung der Wahrnehmung meiner Körperlichkeit: Mir ist kalt, ich hab Hunger, mir tun meine Schultern weh, weil ich solange Kanu gefahren bin… Als dritte Komponente findet eine Schärfung meiner Wahrnehmungsfähigkeit im Sozialen statt. Es geht jemandem nicht gut. Wie meistern wir als Gruppe diese Situation? Kooperation, Kommunikation und Kreativität sind dann gefragt.

SB | Du machst mit den werdenden Lehrern auch alljährlich eine Kanutour. Was lernen sie da, was Du ihnen nicht im Seminarraum vermitteln kannst?

ID | Diese einwöchige Kursfahrt ist als ein Kurs zum Erlernen der Kompetenzen zur Leitung einer Klassenfahrt konzipiert. Aber im Grunde wird sehr viel Selbsterfahrung vermittelt. Die Studenten müssen sich selber in diesem Team organisieren und Aktionen anleiten. Wichtig ist mir in diesem Zusammenhang auch die Kunst. Draußen in der Natur haben wir die Gelegenheit, künstlerisch tätig zu sein. Durch Malen, Zeichnen, Landart. Das intensiviert die Erlebnisfähigkeit in der Natur auf eine für mich nie geahnte Weise.

SB | Gerade kommst Du von einer zweiwöchigen Fahrt vom Wattenmeer mit einer elften Klasse aus dem Astronomie- Ökologie-Praktikum zurück. Durften die Schüler ihre Handys und MP3-Player mitnehmen?

ID | Es ist eine Illusion zu glauben, man könnte da heute noch etwas verbieten. Im Watt haben wir ein schickes Landschulheim – da schleppen die Schüler alles Mögliche mit. Deshalb mag ich Kanufahrten. Da überlegst Du Dir genau, was Du mitnimmst, weil die Sachen ins Wasser fallen könnten. Wir sind jeden Tag im Watt gelaufen. Die Schüler hatten ihre Handys und all diese Sachen natürlich nicht mit dabei. Was ich ihnen dort an Erlebnissen anbieten konnte, das wirkt ganz tief. Das kann ihnen niemand mehr wegnehmen. Auch nicht durch das allabendliche Stöpsel-in-die-Ohren-Schieben.

SB | Also ist Erlebnispädagogik doch eine, die den Schülern Erlebnisse verschafft?

ID | Wenn ich es vom waldorfpädagogischen Gesichtspunkt aus betrachte, würde ich Michael Birnthaler Recht geben, der sagt, es müsste eigentlich » Erlebens«pädagogik heißen. Man sorgt dafür, dass die Schüler eine Erlebensfähigkeit entwickeln. Es ist traurig, dass das nötig geworden ist. Aber das Tolle ist, dass wir es machen können. Gerade in der Waldorfpädagogik können wir in jeder Stunde diese Erlebensfähigkeit entwickeln helfen.

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