Von Monte Azul nach Erftstadt

Von Christina Hermanns, September 2020

Als ich vor etwa acht Jahren das erste Mal die Freie Waldorfschule Erftstadt betrat, wusste ich noch nicht, dass sich mein Leben von Grund auf ändern würde – nach zwölf Jahren Gymnasium ohne jegliche Berührung zur Waldorfpädagogik und einem begonnenen Grundschullehramtsstudium.

Das Orientierungspraktikum trat ich an einer Waldorfschule an, hatte ich doch im Rahmen meines pädagogischen Leistungskurses bereits vom ganzheitlichen Schulkonzept nach Rudolf Steiner erfahren. Entscheidend für mich war das Erleben einer wirklichen Begegnung zwischen Lehrkräften und Schülern – gemeinsames Lernen, basierend auf Offenheit, Interesse und gegenseitigem Respekt – zum Beispiel Lehrer aus dem handwerklich-künstlerischen Bereich, die die Schüler derart begeistern konnten, dass sie darum baten, am Wochenende in die Schule zu dürfen oder Oberstufenschüler, die mir strahlend von ihren praktisch orientierten Epochen berichteten. Ich brach mein Studium ab und wechselte an das Institut für Waldorfpädagogik in Witten/Annen, um dort Waldorfpädagogik, Heilpädagogik, Handwerk und Bildende Kunst zu studieren.

Nach intensiven fünf Jahren zog es mich dann für ein Jahr in die Favela Monte Azul nach Brasilien, wo ich die Waldorfpädagogik in ihrer lebenspraktischen Art erlebte. Mit den einfachsten Mitteln, auf engstem Raum, unterrichtete ich dort Englisch für die Unterstufe. Zurück in Deutschland, war ich voller Ideale, neuer Ideen und hatte großes Interesse an einer zeitgemäßen adäquaten Weiterentwicklung der Waldorfpädagogik und ihrer Praxis. Glücklicherweise konnte ich an meiner Wahlschule, der Freien Waldorfschule Erftstadt, die neue erste Klasse übernehmen und bekam dadurch die Möglichkeit, als Klassenlehrerin 34 Kinder in ihrer Schullaufbahn von Anfang an zu begleiten.

Ich sah mich als Entwicklungsforscherin und -helferin, die sich mit den Kindern auf den Weg gemeinsamer Weltentdeckung machte und ihnen nach Kräften die Unterstützung bot, die sie benötigten. Schon in der Favela hatte ich verstanden, dass für eine derartig wichtige Aufgabe nicht die Kräfte eines einzelnen Menschen ausreichen.

Nicht bewusst war mir, dass mit dem Beruf eines Klassenlehrers vielschichtige Aufgaben verbunden sind, die weit über die Suche nach der bestmöglichen Unterstützung der Entwicklung jedes Schülers hinausgehen. So musste ich mich nicht nur um eine Klassengemeinschaft, sondern auch um eine Elterngemeinschaft kümmern. Dazu machte ich alle ein bis zwei Monate einen Elternabend, um die Eltern als Teamplayer in den pädagogischen Prozess einzubinden, sie über den Inhalt und die Methodik meines Unterrichts zu informieren und gleichzeitig die Gemeinschaft unter ihnen in künstlerischer Art und Weise zu fördern. So entstand ein kleiner Elternabend-Vorbereitungskreis aus vier Eltern und mir; wir trafen uns regelmäßig vor den Elternabenden, um Anregungen der Elternschaft aufzugreifen und Themen gemeinsam vorzubereiten. Auch entwickelten wir das Konzept eines Elternsamstages statt eines Elternabends, zu welchem auch die Schüler kommen konnten. Während sich einige Eltern bei der Aufsicht der Schüler abwechselten, besprachen wir pädagogische Themen in der Klasse. Im Anschluss gab es eine kleine gemeinsame künstlerische Aktion mit den Kindern. Abgeschlossen wurde der gemeinsame Vormittag mit einem Frühstücksbuffet. Es kam so zu einem wirklichen Kennenlernen und wertvollen Begegnungen untereinander.

Stricken mit der Putzfrau

Eine Herausforderung stellte für mich die Schule als sozialer Organismus dar. Dieser erforderte das Engagement jedes Einzelnen, um im Sinne der Dreigliederung zu einer lebendigen Gemeinschaft zu werden. Die Freiheit im Geistigen, die uns Vielfalt ermöglicht und gleichzeitig Toleranz verlangt, die Gleichheit im Rechtsleben und Brüderlichkeit im Wirtschaftsleben bilden die Grundlage unserer Kollegiumsarbeit. Kein hierarchisches System, sondern ein gemeinsames Tun, im Delegationsprinzip gelebt, war für mich etwas völlig Neues. Ein lebendiges Beispiel dieses Prinzips konnte ich bereits in Brasilien erleben. Dort fanden an der »Escola Oficina Social« Workshops statt, die von jedem Mitarbeiter angeboten werden konnten und an denen jeder teilnehmen konnte. So konnte die Putzfrau einen Strickkurs anbieten, der Hausmeister einen Workshop in Kalligraphie leiten und eine Praktikantin einen Chor. So kam es zu vielen Begegnungen, die die Gemeinschaft wesentlich stärkten und zu einer besseren Zusammenarbeit führten.

Ich stellte dieses Prinzip auch meinem neuen Kollegium in Deutschland vor und erfuhr, dass es schon einzelne Kollegen gab, die solche Begegnungsmöglichkeiten anboten. Dieses freiwillige Angebot auszubauen, stellte sich allerdings als schwierig heraus, verlangte es doch, zusätzliche Zeit aufzubringen, von der man als Lehrer an einer Waldorfschule oftmals zu wenig zu haben scheint. Trotzdem gründete ich den Arbeitskreis »Schule gemeinsam tragen« mit der Idee des wöchentlichen Austausches, verbunden mit gegenseitiger wertschätzender Wahrnehmung und gemeinsamer künstlerischer Arbeit. Wir arbeiteten auch mit den von Rudolf Steiner beschriebenen »Nebenübungen« zur geistigen Vertiefung und gemeinsamen Schulung und entwickelten uns hin zu einem Üb-Arbeitskreis, aus dem wesentliche Ideen für die pädagogische Konferenz entstanden.

Darauf aufbauend entschied ich mich in diesem Schuljahr, die pädagogische Konferenz zu leiten, um mehr Raum für Begegnung zu schaffen. Gemeinsame künstlerische Einheiten, Konferenzen beim Spazierengehen, Gartennachmittage, aber auch mehr Kinderbesprechungen sollten stattfinden. Das Kollegium ließ sich bereitwillig auf das Wagnis ein.

Die mit der Barfußklasse

Dankbar bin ich auch für die Möglichkeit, an Fortbildungen teilzunehmen. So konnte ich nach Moskau fliegen, um an einem internationalen Kongress der Notfall- und Traumapädagogik teilzunehmen. Durch viele Gespräche gewann ich einen neuen Blick für Flüchtlinge an unserer Schule und konnte auf ihre besonderen emotionalen Bedürfnisse besser reagieren. Eine wesentliche Fortbildung war die Junglehrertagung in Göttingen, die junge motivierte Lehrkräfte zusammenbrachte. Im Austausch mit erfahrenen Sachkennern erarbeiteten wir uns wesentliche Themenfelder zur Lehrergesundheit – nicht unerheblich für Berufseinsteiger. Der Idee eines überregionalen Lehrerkollegiums folgend werden wir uns weiterhin regelmäßig treffen.

Natürlich gibt es immer wieder Momente, in denen mir die Fülle an Aufgaben wie ein unüberwindbarer Berg vorkommt. Doch die Gewissheit, dass die Schulgemeinschaft hinter mir steht, erlaubt es mir, mich auf meine wesentlichste Aufgabe zu konzentrieren: meine Schüler in Liebe, Respekt und Ehrfurcht zu erziehen.

Auch auf Klassenebene führte ich einige Neuerungen ein. Meine Klasse ist als barfußlaufende Klasse bekannt: Tägliche Barfußgänge über den Schulhof und ein anschließendes Fußbad wirken harmonisierend, entspannend und konzentrationsfördernd auf meine Schüler. Außerdem singe ich oftmals auf Brasilianisch und tanze Kreistänze, die ich in der Favela kennengelernt habe und versuche, den Kindern so ein Stück von dieser lebensfrohen Kultur zu vermitteln. Durch zusätzliche kleine Spendenaktionen für Brasilien auf Basaren fühlen sie sich immer wieder mit den Kindern dort verbunden und wachsen so mit einem anderen Bewusstsein auf.

Ich habe oftmals das Gefühl, dass es uns an der Wertschätzung des Privilegs mangelt, hier nicht um unsere Existenz kämpfen zu müssen. Wir dürfen uns nicht auf unseren Lorbeeren ausruhen, sondern müssen uns ständig neu mit unseren pädagogischen Idealen verbinden, um Kraft für unsere Arbeit zu finden.

Zur Autorin: Christina Hermanns ist Klassenlehrerin einer 2. Klasse und unterrichtet zusätzlich Handwerk, Bildende Kunst und Religion.

Kommentare

Hans Gerd Paus, Geldern, 01.09.20 15:09

Mit Freude und einer gewissen Spannung habe ich den Text gelesen, vermittelt er mir doch einen lebendigen Eindruck über die Suche einer Waldorfpädagogln nach kind- und menschengerechtem Lernen und Wachsen. Herzlichen Dank

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