Voneinander lernen fängt nicht im Altersheim an

Von Karin Joost, Juli 2011

Eine Waldorfkindergärtnerin macht sich gezielt auf die Suche nach neuen Betreuungsformen und besucht den ostdeutschen Waldorfkindergarten »Nesthäkchen«, der die »Familiengruppe« als altbewährte Lebensform wiederentdeckt.

»Ja, das stimmt, wir haben die Kleinen mit in der Gruppe. Und wir wollen nie wieder anders arbeiten«, antwortet die Erzieherin aus dem Waldorfkindergarten »Nesthäkchen« auf meine Frage, ob ich einmal in ihrer Einrichtung hospitieren dürfe. Also auf nach Waren an der Müritz im fernen Osten Deutschlands.

Inmitten einer Plattenbausiedlung fällt wohl nur dem geschulten Waldorfauge das in dem typischen Schriftzug gehaltene Holzschild auf. Schmunzelnd denke ich: Waldorfpädagogik kann eben überall stattfinden! Es ist gerade Frühstückszeit und im ersten kleinen Raum sitzen neun Kinder und essen Hirsebrei. Ich werde eingeladen und setze mich dazu. »Dies ist unser Durchgangszimmer«, sagt die Erzieherin entschuldigend. »Wir sind so viele geworden, da mussten wir aus diesem Zimmer noch einen Gruppenraum machen. Nun müssen immer alle hier durch, sowohl Eltern, die ihre Kinder bringen, als auch die anderen Gruppen.« Ob zum Waschraum oder zur Garderobe, immer wieder zieht ein »goldenes Band« durch den Raum, die Großen vorneweg, die Kleinen hinterher, raus-rein, hin und her. Zuvorkommend rücken alle zur Seite, das Frühstück in dieser Gruppe geht trotzdem weiter. Es scheint niemanden zu stören. Nach dem Frühstück besuche ich die Nachbargruppe.

Während dort die Erzieherin in Ruhe einer Näharbeit nachgeht, weben die großen Kinder konzentriert an ihren »Schulkindarbeiten«, die kleineren gehen ihren Spielimpulsen nach und die ganz kleinen sind ungestört auf Entdeckungsreise. Durch die geringe Anzahl der Kinder bietet sich mir ein Bild der Überschaubarkeit. Ich fühle, jeder hat hier den Raum, den er seinem Alter und seinen Bedürfnissen nach braucht. Dann ist auch hier Frühstückszeit. Die Kleinen werden an den Tisch gesetzt und schauen den Großen zu, wie sie den Tisch decken und aufräumen. »Schau, hier muss noch das Lätzchen um«, sagt die Erzieherin und schon findet sich ein größeres Kind, das dem kleinen Kind eines umbindet – so lernen sie nebenbei das Knoten- und Schleifebinden. Ein Mädchen macht mich darauf aufmerksam, dass einem kleinen Jungen sein Becher mit Tee umgefallen ist. Helfende Hände holen ein Handtuch. Ich denke, die realen Notwendigkeiten, die durch diese Art des Zusammenlebens entstehen, fördern wie von selbst Hilfsbereitschaft, Auf­­merksamkeit, Rücksichtnahme und Vorsicht.

Nach dem Frühstück bilden die zwölf Kinder dieser Gruppe eine Schlange, um in den Waschraum zu ziehen, doch der ist noch besetzt. »Leis, leis, leis, wir machen einen Kreis« … Wie von selbst verwandelt sich die Schlange und es wird ein kurzes Spiel daraus. Die größeren Kinder spielen vor, die kleineren schauen mit großen Augen zu, lachen und klatschen in die Hände. Ich spüre förmlich ihr Bedürfnis, doch auch endlich mitmachen zu können. Danach ist der Waschraum frei, denn die andere Gruppe ist schon in die Garderobe weiter gezogen. Nun besuche ich die dritte Gruppe und auch hier ist gerade das Frühstück zu Ende. Emsiges Aufräumen, staunendes Zuschauen auch hier. Ruck-zuck ist alles fertig und noch Zeit für ein Bilderbuch. Wie um eine Mutter hocken sich die Kinder um die Kindergärtnerin, die Großen gespannt mit dem Blick auf das Buch, die Kleinen Nähe suchend auf dem Schoß. Ich habe den Eindruck, jedes Kind bekommt das, was es gerade braucht. Dann ist auch für sie der Waschraum frei. Während die Großen selbstständig ihren Toilettengang erledigen oder den Jüngeren helfen, werden die Kleinen auf das Töpfchen gesetzt oder gewickelt. »Schau, dein Schwesterchen hat was ins Töpfchen gemacht«. Alle Kinder schauen neugierig und freuen sich.

So geht der Tag weiter, Freispiel draußen, die größeren Kinder miteinander, die Kleinen für sich, aber doch immer mittendrin. Ab und zu kommt ein größeres Kind vorbei und bringt ihnen etwas und setzt sich für ein Weilchen dazu. Oder ein kleines wird im Bollerwagen spazierengefahren, natürlich in Begleitung einer Erzieherin.

Nach dem Mittagessen ziehen etwa zwanzig Kinder nach­einander in die kleinen, miteinander verbundenen Schlafräume mit ihren dicht an dicht stehenden Etagenbetten. »Pssst, der kleine Franz schläft schon!« Rücksichtsvoll und erstaunlich leise ziehen sich die Kinder aus und steigen in ihre Bettchen. Für die anderen zwölf Kinder werden in einem Gruppenraum rasch Kinderliegen aufgestellt und in kurzer Zeit schlafen alle Kinder ein. Jede Gruppe hat ihre eigenen Gewohnheiten, fast schon eine eigene Lebensweise entwickelt. Dadurch lebt in jeder eine spezifische Atmosphäre, die besonders für die Jüngsten von großer Bedeutung ist. Für die Erzieherinnen und mich als Gast gibt es nun Kaffee und Tee. Die Zeit, die an anderen Tagen für Vorbereitungen genutzt wird, nehmen wir uns für ein Gespräch. »Die Familiengruppen sind entstanden, weil immer mehr kleine Geschwister nachrückten«, berichtet die Kindergartenleiterin Frau Winter. »Den Versuch, eine Krippengruppe einzurichten, gab es auch bei uns, aber wir sind schnell wieder davon abgekommen und haben dann die Familiengruppe in unser Konzept aufgenommen.«

Es kommt mir so vor, dass wir in einer Zeit, in der nach der Großfamilie auch die Kleinfamilie im Begriff ist, sich aufzulösen, aufgefordert sind, diese Form des Zusammenlebens bewusst zu gestalten. Wir können keine Familie ersetzen, wir können aber durch das Schaffen von familiären Strukturen in unseren Einrichtungen die Qualität einer altbewährten Lebensform neu beleben. Generationen­übergreifend zu leben und voneinander zu lernen fängt nicht im Altersheim an! Für mich ist die Familiengruppe ein sinnvolles Zukunftsmodell.

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