Vor dem Vergessen bewahren. Waldorfschüler in Oldenburg setzen sich für Opfer der NS-Euthanasie ein

Von Cornelie Unger-Leistner, Oktober 2016

Mehrere Jahre haben die Oberstufenschüler das Schicksal von Menschen erkundet, die in der NS-Zeit in Oldenburg Opfer von »Euthanasie« geworden sind. Durch ihr Engagement werden diese jetzt vor dem Vergessen bewahrt – alle Fraktionen des Stadtrats sprachen sich dafür aus, ein Mahnmal zum Gedenken zu errichten.

Foto: © GabiPott / photocase.de

Bei ihrer Klassenfahrt nach Weimar stieß die elfte Klasse der Waldorfschule Oldenburg auf das Gebäude des ehemaligen »Amts für Rassewesen« – ganz in der Nähe der Bauhaus-Universität und des Goethehauses. Dort wurde entschieden, was aus NS-Sicht als »unwertes Leben« zu gelten hatte. Die Schüler befassten sich daraufhin mit »Euthanasie« in der NS-Zeit und stießen in Oldenburg auf ein schlimmes Beispiel.

Auf einem Klostergelände in Oldenburg wurden seit dem Mittelalter behinderte Menschen untergebracht. Neuere Forschungen verfolgten das Schicksal der Bewohner des Klosters Blankenburg in der NS-Zeit und stellten fest, dass durch harte Arbeit und schlechte hygienische wie medizinische Versorgung unter den Insassen des Klosters in den Jahren 1937-1941 eine extrem hohe Sterblichkeitsrate bestand. Die behinderten Menschen im Kloster waren nicht direkt umgebracht worden wie in anderen Anstalten, aber es wurde am Essen gespart und das Geld für andere Zwecke verwendet, wie der Historiker Ingo Harms herausgefunden hat. Sie starben qualvoll an Mangelernäherung, vernachlässigt und unterversorgt. »Das war schockierend für unsere Schüler. Wir haben eine heilpädagogische Schule nebenan und öfters wechselt mal ein Schüler von dort in eine unserer Klassen oder wir machen gemeinsame Feiern und Projekte – da konnte man sich das alles hautnah vorstellen«, erläutert Christian Hauck-Hahmann, Deutsch- und Geschichtslehrer in Oldenburg.

Bittere Archivarbeit

Die Schüler begaben sich auf die Spuren der Opfer – unter anderem in vier kirchlichen, städtischen und staatlichen Archiven. Sie fanden 95 Namen heraus, die sorgfältig in den Archiven vermerkt worden waren. »Dadurch kam frischer Wind in die Sache, denn für die interessierten Schüler öffneten sich viele Türen, die sonst geschlossen geblieben wären«, sagt Hauck-Hahmann.

Bis heute gibt es auf dem – inzwischen an einen Privat­investor verkauften und als Flüchtlingsunterkunft genutzten – Anwesen keine Gedenktafel für die Opfer der NS-Zeit. Mindestens 103 Menschen starben dort, viele von ihnen waren Kinder oder Jugendliche. Nur ein Teil wurde auf einen Friedhof umgebettet, die sterblichen Überreste der meisten anderen befinden sich noch auf dem Gelände oder unter den Gebäuden. Es sei für die Schüler bitter gewesen, stellt Hauck-Hahmann fest, dass Oldenburg so ein dunkles Kapitel seiner Geschichte über Jahrzehnte nicht angemessen aufgearbeitet habe. Dies wird sich nun ändern, denn mit ihrem Vortrag auf einer öffentlichen Veranstaltung in der Lamberti-Kirche am Gedenktag für die Opfer des National­sozialismus und einem weiteren vor dem Kulturausschuss des Stadtrates haben zwei Schüler der 11. Klasse, Charlotte-Luise Gott und Rasmus Helwig, die Kommunalpolitiker aufgerüttelt.

Hauck-Hahmann hat damit sein Ziel erreicht: »Zum einen wollte ich den Schülern dokumentieren, dass diese Zeit keinesfalls so weit weg ist und erledigt. Zum andern war mir wichtig, dass sie erleben, wie sie durch ihr Engagement etwas bewirken können.«

Zur Autorin: Cornelie Unger-Leistner ist Öffentlichkeitsarbeiterin beim Bund der Freien Waldorfschulen und Lehrerin einer Flüchtlingsklasse in Wiesbaden.

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