Vorbildfunktion

Von Steffen Schürkens, Februar 2018

Waldorfschule Freiburg-Rieselfeld: erste Schule mit Gemeinwohlbilanz.

Foto: © Bernd Vonau / photocase.de

Spätestens in der elften Klasse entstehen bei Schülerinnen und Schüler Fragen nach ihren Möglichkeiten, die Welt zu gestalten. In allen Fachbereichen werden hierzu Themen bearbeitet, in denen innere und äußere Vertiefung und Erweiterung derselben erprobt und erlebt werden können.

Im Fach Geographie bearbeiten wir seit vielen Jahren die aktuellen globalen Krisen und deren wirtschaftliche Grundlagen. Doch wie kann man individuell mit den bedrängenden Zuständen umgehen? Anhand zahlreicher lokaler Initiativen und Organisationen zeige ich Angebote auf, in denen mit großem, oft ehrenamtlichem Einsatz gearbeitet wird, solidarische Wirtschaftsweisen konkret werden zu lassen. In diesem Zusammenhang entstand ein Kontakt mit der von Christian Felber initiierten Gemeinwohlökonomie-Initiative (GWÖ). Diese erinnert daran, dass eine zentrale Aufgabe der Ökonomie (Lehre von der richtigen Haushaltsführung) laut verschiedenen Verfassungen die Förderung des Gemeinwohls ist. So sollten Unternehmen nicht die Gewinnmaximierung auf Kosten anderer anstreben, sondern das Wohl der Gemeinschaft – sei es nun ein Dorf, eine Nation oder die Weltgemeinschaft. In der Folge sollen Unternehmen nicht nur ihre geldwerten Wirkungen bilanzieren müssen, sondern in einer Gemeinwohl-Bilanz alle Wirksamkeiten dokumentieren, seien sie sozialer, ökologischer oder ökonomischer Natur.

Bei welcher Bank hat das Unternehmen seine Konten? Wird im Einkauf auf ökologische und soziale Aspekte geachtet? Wie werden die Mitarbeitenden behandelt? Ein Blick auf die Gemeinwohl-Bilanz gibt Auskunft.

Nach Unterrichtsbesuchen von Freiburger GWÖ-Aktiven wollten wir als Schule und Unternehmen auch eine solche Gemeinwohlbilanz erstellen, um unsere zahlreichen Wirksamkeiten in unsere Umwelt abzubilden. Zudem schien eine Gemeinwohlbilanz ein hervorragendes Werkzeug, um die Transparenz sowohl in die Schulgemeinschaft hinein als auch in das weitere Umfeld hinaus zu unterstützen. Und natürlich war der Gedanke verlockend, mit den waldorftypischen Eigenheiten Zeichen zu setzen. Die Gemeinwohl­bilanz kommt den Grundgedanken der Waldorfpädagogik, der Selbstverwaltung und der sozialen Dreigliederung entgegen und bewertet diese als positive Eigenschaften. Zuerst fand sich in Begleitung des Fachlehrers eine kleine Projektwochengruppe von vier Schülern der damals elften Klasse. Sie begannen, Interviews zu führen und unternehmerische Daten zu eruieren. Ein Schüler fing bereits in dieser Woche Feuer, machte die Aufgabe zum Thema seiner Zwölftklassarbeit und erarbeitete einen sogenannten Einstiegsbericht. Für die darauf folgende intensive Teamarbeit zur Verschriftlichung des umfassenderen, eigentlichen Gemeinwohlberichts konnte ich wiederum einen ehemaligen Schüler gewinnen, ohne dessen Hilfe, dieser Bericht nicht entstanden wäre.

Wir wurden von einer Gemeinwohlökonomie-Beraterin begleitet und konnten uns mit anderen Pionierunternehmen austauschen. Dabei stießen wir auf die Schwierigkeit, dass derartige Bilanzen bisher nur von und für produzierende Unternehmen ausgearbeitet worden waren. Obgleich nicht die erste Bildungseinrichtung, sind wir eben doch die erste Schule, die diesen Prozess durchlief. Formulierungen mussten angepasst werden, zum Teil waren Fragen für uns als gemeinnütziger Verein gar nicht zutreffend.

Der fertige Bericht wurde dann von einem Partnerunternehmen überprüft, ebenso von der Beraterin und die Selbsteinschätzungen angeglichen. Letztlich prüfte noch ein uns unbekannter Gemeinwohlökonomieauditor unsere Arbeit.

Im Sommer 2017 erhielten wir unser abschließendes Zertifikat. Seit Herbst 2017 kann nun jeder auf unserer Schul-Homepage den gesamten Gemeinwohl-Bericht herunterladen und einen Einblick in unsere inneren Strukturen und Aktivitäten erhalten – Transparenz und die Veröffentlichung der Daten ist Bestandteil des Prozesses.

Wir wollen als Schule ein Labor für die Gesellschaft von morgen sein und ein gelebtes Vorbild für unsere Schüler. Nicht nur die an Waldorfschulen in Form von Selbstver­waltung tatsächlich gelebte Demokratie, sondern auch alle anderen Ebenen haben Vorbildcharakter. Tatsächlich leben wir als Waldorfbewegung in vielen Punkten bereits traditionell oder aus erneuerter Selbsterkenntnis eine über das Mittelmaß weit hinausreichende Gemeinwohlorientierung.

Derzeit erstellen bereits weitere Waldorfschulen eine Gemeinwohl-Bilanz in der aktuellsten Version 5.0. An der Freien Waldorfschule Wetterau findet zum Beispiel ein umfangreiches Pilot-Projekt statt, dessen Erkenntnisse demnächst zur Verfügung gestellt werden. Damit wächst eine Sammlung an Erfahrungen, die anderen Waldorfschulen den Einstieg in die Gemeinwohl-Bilanz und generell eine Auseinandersetzung mit der Gemeinwohl-Ökonomie einfacher machen.

Aber auch außerhalb anthroposophisch orientierter Gemeinschaften entstehen immer mehr Unternehmen, die im sozialen, ökologischen und wirtschaftlichen Bereich verantwortlich, nachhaltig und im weltweiten Maßstab handeln und dabei das reine Gewinnstreben als zerstörerisch entlarven. Immer mehr Unternehmen entdecken die Gemeinwohlbilanz als Möglichkeit, ihr Handeln zu überprüfen, es transparent zu machen und sich zu vernetzen. Ich kann meinen Kolleginnen und Kollegen nur empfehlen, sich mit diesem Werkzeug auseinanderzusetzen, nicht nur im Unterricht, sondern auch um sich der eigenen unternehmerischen Wirksamkeit bewusst zu werden, um Übersehenes ans Licht zu bringen und Vorhandenes weit über die Waldorfgemeinschaft hinaus bekannt werden zu lassen.

Zum Autor: Steffen Schürkens ist Oberstufenlehrer für Biologie, Erdkunde und Schauspiel, Vorstand und Mitglied der Schulführung im Ressort Schulentwicklung in der FWS Freiburg Rieselfeld

https://www.ecogood.org – Heimatseite der Gemeinwohlökonomie

http://www.fws-freiburg-rieselfeld.de/?Gemeinwohlbilanz