Vorreiter des inklusiven Unterrichts. Die Windrather Talschule

Von Matthias Braselmann, Juli 2013

In der Windrather Talschule sind die Kinder »bunt« gemischt: Ein Fünftel bis ein Viertel gehört zu den Kindern, für die ein sogenannter »sonderpädagogischer Förderbedarf« festgestellt wurde.

Die Kindergruppen werden von einem Team geführt, das aus dem (Klassen-)Lehrer und mitunter mehreren Integrationshelfern besteht. Die Sonderschullehrer sind in einem Team integriert oder arbeiten klassenübergreifend. Fachlehrer ergänzen das Team. Zum Kollegium gehören außerdem Menschen, die über eine Ausbildung in Heileurythmie, Musiktherapie, Reittherapie oder Ergotherapie verfügen.

In der Unterstufe gestalten wir den Schultag so, dass eine verlässliche kontinuierliche Begleitung aller Kinder während des Schulmorgens gewährleistet ist. Mit Ausnahme von Sport und Eurythmie findet aller Fachunterricht in Epochen statt. Sowohl die Hauptunterrichts- als auch die Fachunterrichts-Epochen werden grundsätzlich von allen gemeinsam wahrgenommen. Die Unterrichtsbögen sind so angelegt, dass es Phasen gibt, die für alle Kinder gemeinsam stattfinden, und Phasen, in denen in Gruppen oder Einzelsituation gearbeitet wird. Hier gibt es von Jahrgangsgruppe zu Jahrgangsgruppe unterschiedliche Vorgehensweisen, Gewohnheiten und Erfahrungen. Ein wesentlicher Gesichtspunkt ist der Blick auf die Stärken und Begabungen des einzelnen Kindes.

Sowohl die einzelnen Teams als auch das Gesamtkollegium tauschen sich regelmäßig in Teambesprechungen und Konferenzen aus. Zeitweise hat es darüber hinaus eine sogenannte Intervisionsgruppe gegeben, eine Einrichtung die von allen Beteiligten als sehr hilfreich erlebt wurde.

In der Oberstufe werden die Gruppen von einem Pädagogen und einem sozialpädagogisch erfahrenen Kollegen begleitet. Hier wird einerseits häufig zwischen verschiedenen Lerngruppen differenziert, andererseits haben sich klassenübergreifende Projekte bewährt.

An der Windrather Talschule gibt es besondere Highlights:

Die Handwerkerwoche: Auf dem ganzen Schulgelände gibt es handwerklich-künstlerische Angebote der Lehrer, Eltern, Freunde der Schule – zum Beispiel Drechseln, Töpfern, Schmuck herstellen, Schmieden, Kupfertreiben, Schnitzen, »Erfindungen«, Bötchen bauen am Bach, Batiken, Lederarbeiten, Apfelsaftpressen. Das Michaeli-Spiel: ein großes Geländespiel in den unseren Schulbauernhof umgebenden Wäldern und Wiesen. Ein klassenübergreifendes Eurythmieprojekt. Mehrmals stattfindende vierwöchige Expeditionen der Oberstufenschüler, zum Teil auch im Ausland.

Die im Vergleich zur »Großklasse« überschaubare Klassengröße von höchstens 25 Schülern und die Arbeit im Team bieten einen unschätzbaren Vorteil im Hinblick auf Reflexion, Spiegelung, Wahrnehmung und Selbstwahrnehmung. Die Erweiterung des sozialen Umfelds ist für alle Beteiligten ein Gewinn. Kinder mit Behinderung sind permanent umgeben von Anregungen. Sie werden wahrgenommen, selbstverständlich akzeptiert, mitgenommen in den vielschichtigen Schulalltag mit seinem Wechsel von Anspannung und Entspannung. Das Gleiche gilt für die Kinder ohne Behinderung.

Sowohl in der Unterstufe als auch in der Oberstufe beginnt der Schulmorgen mit praktischen Tätigkeiten – im Sommer zum Beispiel mit Arbeiten auf unserem Schulbauernhof oder mit dem Holzhacken auf dem Schulhof. In der Oberstufe pflegen wir den »künstlerischen Beginn« – idealerweise mit einem Bezug auf den dann folgenden Epocheninhalt.

Was uns Sorgen macht, ist der im Hinblick auf die Kinder mit Behinderung zunehmende Anspruch auf Förderung um jeden Preis – auf Kosten einer ruhigen, sorgfältig begleiteten Entwicklung im gemeinsamen Strom. Das macht die Eltern unzufrieden. Sie verlangen mehr Einzelförderung für ihr Kind. Hin und wieder führt das dazu, dass Eltern enttäuscht sind und eine Förderschule für ihr Kind wählen. Andererseits gibt es immer wieder Zeiten, in denen unsere Schule im Ruf steht, »ja nur eine Förderschule« zu sein, in der man nicht sorgfältig und ordentlich genug auf die Fachoberschulreife und das Abitur vorbereitet wird.

Im Ringen um Qualität und das Gelingen von Inklusion beschäftigen uns die Fragen:

Wie finden wir ein gutes Maß zwischen dem Allgemeinen und der Differenzierung: Was ist gut und wichtig für alle und was ist gut und wichtig für den einzelnen Schüler?

Wie gelingt es uns, deutlich zu machen, dass es bei der Frage der Inklusion nicht um sonderpädagogische Förderung geht, sondern um einen neuen Blick auf eine Schule für alle in ihrer jeweiligen Unterschiedlichkeit?

Wie gelingt es, das nötige Geld für eine inklusiv arbeitende Schule zu beschaffen? Insbesondere die Vergütung im Aufgabenbereich »Integrationshilfe« zeichnet sich durch unzumutbare Stundensätze und Ungleichbehandlung seitens der jeweils zuständigen Behörden aus. Die zuständigen Ämter (Jugendamt / Sozialamt) der verschiedenen Kommunen zahlen für die Integrationshilfe Stundensätze, die zwischen 14,00 und 17,50 Euro liegen.

Wie können wir dazu beitragen, dass die Inklusion im Bund der Freien Waldorfschulen und im Verband für Heilpädagogik und Sozialtherapie als Chance wahrgenommen wird, die Waldorfpädagogik weiterzuentwickeln und ihr Profil zu schärfen?

Matthias Braselmann ist Klassen- und Fachlehrer an der Windrather Talschule und Mitglied des Arbeitskreises Inklusion

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