Wahlverwandtschaften

Von Henning Kullak-Ublick, Februar 2018

Ein Soziologe aus Quito berichtete, was ihn am tiefsten beeindruckt hatte, als er von Ecuador nach Deutschland zog.

»In Ecuador«, sagte er, »gehören 95 Prozent meiner besten Freunde zur Familie. Das ist dort so – Freunde sind oft die Geschwister, Cousins und Cousinen, Tanten und Onkel, also die Familie. In Deutschland ist das ganz anders – bei euch haben viele Kinder gar keine Geschwister mehr, auch keine Cousins und Cousinen, Tanten und Onkel. Und wenn, dann leben sie überall verstreut.« In Europa spielen Freunde oder Bekannte oft eine weitaus größere Rolle als die verwandtschaftlichen Bande. Andererseits ermittelte 2015 die Shell-Jugendstudie, dass für Jugendliche eine intakte Familie zu den für sie wichtigsten Dingen überhaupt zählt, wenngleich der Kinderwunsch im Vergleich zu den Vorjahren zugunsten eines erfüllenden Berufes zurückgegangen ist.

Johann Wolfgang von Goethe schrieb 1809 seine berühmten »Wahlverwandtschaften«. Darin wirft er ein Licht voraus auf unsere Zeit: Nicht unsere Blutsverwandtschaft, sondern die geistige und seelische Nähe zu anderen Menschen erleben wir als Verwandtschaft. Daraus entstanden neue Formen der Gemeinschaft, Gemeinschaften des Zusammenlebens, die sich auf eine individuelle Entscheidung aller Beteiligten gründen. Eine Schattenseite dieser Entwicklung ist die Vereinsamung, insbesondere alter Menschen, einhergehend mit einer Trennung der Generationen, die außerhalb ihrer beruflichen Zusammenhänge oft kaum noch Berührung miteinander haben.

Familie, Gemeinschaft und Zusammengehörigkeit werden durch Traditionen nicht mehr gestützt, sondern müssen, wie so vieles in unserer Zeit, immer bewusster gestaltet und gepflegt werden, um die Balance zwischen Fürsorge, Schutz und individueller Freiheit zu finden. Damit stellt sich sofort die Frage, welche Erfahrungen unsere Kinder mit uns Erwachsenen machen, denn diese werden einmal die Basis für ihr eigenes Vermögen sein, Gemeinschaften zu bauen, die über reine Zweckgemeinschaften hinaus Entwicklungsräume für andere und sich selbst sind, in der Familie oder anderswo.

Klassengemeinschaften sind ein solcher, unendlich wertvoller Erfahrungsraum, weil die Kinder dort in dem Innenraum der Vertrautheit, der Sicherheit und des Vertrauens durch all die Entwicklungsprozesse, Krisen und Erlebnisse gehen können, die sie für das Ergreifen ihrer individuellen Biografie brauchen. Indem sie miteinander lernen, erfahren sie aneinander, wie einzigartig jede und jeder Einzelne von ihnen ist. Atmet eine ganze Schule einen solchen Geist, wird sie zu einer gesellschaftsverändernden Kraft.

Tiefer noch wäre deren Wirkung, wenn sich auch Junge und Alte, gelebte Erfahrung und unverbrauchte Kraft, begegnen würden. Vielleicht ist es an der Zeit, auch das in der Schule zu üben, ohne Krampf, aber voller Neugier. Für die Verwandtschaft der Zukunft.

Henning Kullak-Ublick, von 1984 – 2010 Klassenlehrer an der FWS Flensburg; Vorstand im Bund der Freien Waldorfschulen, den Freunden der Erziehungskunst Rudolf Steiners, der Internationalen Konferenz der Waldorfpädagogischen Bewegung – Haager Kreis sowie Koordinator von Waldorf100 und Autor des Buches Jedes Kind ein Könner. Fragen und Antworten an die Waldorfpädagogik.

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