Besondere Jugendliche brauchen eine besondere Schule. Berufsförderung in Schloss Hamborn

Von Klaus Jacobsen, Juli 2010

In Schloss Hamborn gibt es – neben der Waldorf-Regelschule – eine Förderschule, in der Kinder ab zehn Jahren bei ihrer emotionalen und sozialen Entwicklung unterstützt werden. Mit wenigen Ausnahmen leben diese Kinder und Jugendlichen auch dort.

Wer hoch hinaus will, muss klettern

Immer mehr Eltern fragen, ob ihre Kinder über den Schulabschluss hinaus bleiben können. Das Anliegen unseres Förderzweiges ist die individuelle Unterstützung von benachteiligten Jugendlichen in den Klassen 9 bis 12. Dies geschieht durch praktische Tätigkeit im Zusammenhang von Schule, Heimerziehung und Betriebsrealität. Nach der 10. Klasse können der Hauptschulabschluss und die Fachoberschulreife erworben werden. Für Schulabgänger und erwachsene Menschen mit Beeinträchtigungen gibt es Angebote zur Berufsvorbereitung, abgestufte Ausbildungen sowie arbeitnehmerähnliche Anstellungen.

»Henning muss sofort raus aus dem Unterricht, das geht nicht mehr!« Solche Hilferufe sind keine Seltenheit. Das Lernen mit besonderen Kindern im Gruppenzusammenhang stellt die Lehrer immer wieder vor unlösbare Probleme. Eine Klassengemeinschaft lässt sich kaum noch herstellen. Wie soll es gelingen, die unterschiedlich belasteten Mitschüler auszuhalten, wenn der eigene Rucksack kaum zu tragen ist?

Henning verhält sich provozierend und herausfordernd. Bis zur Heimunterbringung hat er bei der überforderten Mutter nie Grenzen erfahren. Ein Schulbesuch war schließlich nicht mehr möglich, er war völlig in seine Computerwelt abgetaucht. Jetzt galt es, hinter dem aggressiven Verhalten das verzweifelte und ängstliche Kind zu entdecken und so zu fördern, dass es Schritt für Schritt Selbstwert entwickelte.

Dafür gibt es in Schloss Hamborn eine Fülle von Erfahrungsfeldern, die Schule eng mit dem Leben verbinden. Das umfangreiche pädagogische Netzwerk im dorfähnlichen Zusammenhang macht es möglich, Schüler individuell zu fördern. Attraktive Arbeitsfelder geben Raum für solches Lernen. Die oft rätselhafte »Andersheit« (Henning Köhler) der Jugendlichen darf sich zeigen und kann sich so in unverdächtigen pädagogischen Situationen des Angenommen-Seins auch verändern.

Im Vordergrund der Ausbildung steht die Einzelpersönlichkeit

»Nicht müde werden, sondern dem Wunder leise wie einem Vogel die Hand hinhalten« – in diesen Worten Hilde Domins liegt eine Herausforderung, auch für die Betrachtung von schwierigem Verhalten. Neue Entwicklungswege zu ermöglichen, heißt für die Mitarbeiter in der Berufsförderung, im Wohnbereich und in der Schule auch immer, eigene Sichtweisen zu verändern und aufeinander zuzugehen. Die sozialpädagogischen Lernberater stellen sicher, dass die individuellen Förderpläne konsequent beachtet werden und die Jugendlichen ihre Erfahrungen reflektieren.

Praktische Berufsförderungsprojekte wie pädagogische Landwirtschaft, Baumpflege mit Seilklettertechnik, soziales Kompetenztraining, Erlebnispädagogik, Kunst und Handwerk sind in überschaubaren Lerngruppen organisiert. In den Klassen 11 und 12 wählen die Jugendlichen aus derzeit 18 verschiedenen Erfahrungsfeldern drei Betriebe aus, in denen sie mitarbeiten wollen. Sie werden mit ihren Fähigkeiten oder Einschränkungen in die realen Betriebsabläufe einbezogen. Wahrgenommen als Einzelpersönlichkeit können sie sich öffnen, Interesse entwickeln und ihr Selbstbewusstsein stärken – Voraussetzungen für ein erfolgreiches Berufsleben. Jüngster der durch die Berufsförderung gegründeten pädagogischen Betriebe ist ein Café mit einem Bio-Sortiment, wechselnden Ausstellungen und kulturellen Veranstaltungen.

Haben Schüler so massive Probleme wie eingangs geschildert, kann es vorkommen, dass sie mehrere Monate lang der Schule fernbleiben, besonders in den Klassen 8 bis 10. Hier kann sich in der Verlässlichkeit der Betreuung durch eine Bezugsperson und die individuelle Ansprache erstaunlich viel entwickeln – in unserem Beispiel überwand Henning als 15-Jähriger, nachdem die Bühne seiner Klassensituation entfernt war, schrittweise sein aggressives Verhalten.

In einem Betrieb wurde ein Projekt gefunden, das er bewältigen konnte, an dem er erstmals eigene handwerkliche Fähigkeiten (Schweißen) entdeckte und etwas für die Werkstatt Sinnvolles tun durfte. Zwei Jahre später gelang es ihm, nunmehr im Klassenverband auch sein kognitives Potenzial zu entfalten.

Eine Antwort auf die Anforderungen: verlängerte Reifezeiten

Ist der oftmals dornige Weg durch die Oberstufe erst einmal bewältigt, kommen die nicht selten noch schwierigeren Fragen nach passenden Anschlussperspektiven. Obwohl Begriffe wie »Übergangsmanagement« oder »passgenaue Vermittlung« Konjunktur haben, ist für einen Teil der Schulabgänger ein Übergang in den ersten Arbeitsmarkt unrealistisch; das, was trotz vollbrachter individueller Ent­wicklungsschritte zu leisten möglich war, entspricht nicht den Erfordernissen unseres Systems. Auch ein Berufsbildungswerk, eine weiterführende Schule oder eine Werkstatt für behinderte Menschen würden den Förderbedarf nicht optimal erfüllen.

So gibt es fast in jedem Jahr Schulabgänger, die fragen, ob sie nach der Förderschule in Schloss Hamborn bleiben können. Auch Eltern, deren Kinder an einer anderen Förderschule waren, fragen häufig nach und suchen den richtigen Ort für ihre Kinder. »Schloss Hamborn« hat darauf reagiert und ermöglicht verlängerte Reifezeiten.

Die Palette dieser außerschulischen Hilfen ist vielfältig: Schloss Hamborn bietet in diversen Bereichen Berufsvorbereitungen und Ausbildungen an, die weniger intellektuell ausgerichtet sind. Auch ist eine berufliche Integration als Einzelpersönlichkeit durch Helfertätigkeiten möglich, um nach mehreren Jahren vielleicht einmal »draußen« den Lebensweg fortzusetzen.

Aktuell gibt es erste Anfragen von Kostenträgern, auch in Schloss Hamborn die Teilhabe am Leben in der Gemeinschaft mit einer langfristigen Perspektive, als Alternative zu klassischen Behinderteneinrichtungen, zu verwirklichen. Das Kollegium ist offen für diese Veränderungen in der Verbindung mit öffentlicher Jugendhilfe. Die betriebliche Produktivität wird weiterhin pädagogisches Mittel zur Persönlichkeitsentfaltung sein, auch das Ziel einer größtmöglichen Selbstständigkeit bleibt bestehen.

Hinter den jeweiligen Einschränkungen unserer betreuten Mitarbeiter dürfen die begleitenden Fachkräfte in behutsamer Aufmerksamkeit menschliche Qualitäten entdecken, die das betriebliche Geschehen radikal erweitern (echte Inklusion: bei entsprechender innerer Haltung profitieren wir »Normale« in gleicher Weise). In gelungen moderierter Zusammenarbeit eröffnen sich hier Chancen von heilsamen Wirkungen für manche »Kaliber« der Jugendhilfe. So entwickelt und verwandelt sich der heilpädagogische Impuls von Schloss Hamborn in dynamischer Weise mit den Menschen, die mit attestiertem und inoffiziellem Unterstützungsbedarf hier zusammen leben.

Links: www.berufsfoerderung.net, www.cafe-schloss-hamborn.de

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