Bewährungsproben. Die Waldorfbewegung in der Slowakei

Von Slavomír Lichvár, November 2021

Die erste Waldorfgrundschule in der Slowakei wird im September 2021 zwanzig Jahre alt. Sie ist im Jahr 2001 nach etwa zehn Jahren Konferenz-, Ausbildungs- und Seminararbeit sowie dank massiver Unterstützung aus den Niederlanden entstanden.

Die Vorbereitungsarbeit fand im Kreis der Mitglieder der Assoziation der Freunde der Freien Waldorfschulen statt. Obwohl dieser Arbeit maßgebliche Impulse von der ostslowakischen Stadt Košice zuflossen, wurde die erste Schule im Westen, in Bratislava gegründet. In Košice gab es frühzeitig, ähnlich wie in Spišská Nová Ves und Závadka nad Hronom, eine Schule mit einigen Elementen der Waldorfpädagogik. In Košice gab es außerdem einen Kindergarten mit Waldorfelementen, der bis heute existiert. Später wurde noch ein (heute vom IASWECE anerkannter) Waldorfkindergarten gegründet, aber es dauerte bis zum Jahr 2012, bis die erste Waldorfschulklasse ins Leben trat. Heute gibt es an dieser Schule insgesamt fünf Klassen.

Wie lief es während der Coronakrise in den Kindergärten?

Zurzeit gibt es in der Slowakei vier Kindergärten: zwei in Bratislava, einen in Senec und einen in Košice. Die Kindergärten waren in pädagogischer Hinsicht am wenigsten von den Coronamaßnahmen betroffen. Nach etwa einmonatiger Schließung im Frühjahr 2020 konnten sie wieder ohne größere Einschränkungen öffnen. Es gab keine Maskenpflicht für kleine Kinder und auch keinen Fernunterricht, deswegen konnten die Kindergärtnerinnen im normalen Modus arbeiten. Finanziell war die Situation schwieriger, weil keine dieser Einrichtungen Zuschüsse vom Staat erhält. Einige, besonders die Neugründungen, haben den radikalen Lockdown nur mit großzügiger Unterstützung durch die Freunde der Erziehungskunst, mehrere Stiftungen (Software AG Stiftung, Hermes Österreich, Helias Niederlande, Clara Kreutzer-Stiftung und die Stiftung Freie Gemeinschaftsbank) und durch die beiden Schulen in Bratislava und Košice, die als staatlich anerkannte Schulen Zuschüsse erhalten, überlebt. Zu den Einrichtungen, die eine finanzielle Hilfe benötigten, gehörten auch mehrere Neugründungen. Aktuelle Neugründungen sind: die Waldorf-Heimschule in Bratislava, die »Lebendige« Schule und der Waldkindergarten in Nové Zámky, Waldkindergärten in Bratislava und Limbach und eine Waldschule mit Kindergarten in Borinka. Für alle ist Waldorfpädagogik eine zentrale Inspiration. Die Waldorf-Heimschule (manchmal auch als Bratislava 2 bezeichnet) wird dank der IAO von der Waldorflehrerin Christine Krauch pädagogisch betreut.

Pandemie als eine Gelegenheit für bewusste Erziehungskunst

Und wie geht es unseren Schulen? Eigentlich hervorragend. Die Pandemie hat uns, ähnlich wie den Lehrkräften weltweit, ziemlich direkte Fragen gestellt: Ist eine Krankheit Anlass für eine Entwicklung oder eine unerwünschte angstbringende Unannehmlichkeit? Ist eine »Pädagogik der Beziehung« im Fernunterricht möglich? Und zwar langfristig?

Dank virtueller Erziehung konnten wir wahrnehmen, wie stark sich die Enthusiasmus weckende, methodisch-didaktische Kunst vom rein intellektuellen Unterricht unterscheidet. Licht wurde auch auf solche Bereiche geworfen, die als »eine verborgene Agenda« oder vielleicht auch als langandauerndes Problem in den Kollegien gelebt haben. Einerseits ist das gut. Andererseits kann es eine große Herausforderung darstellen. Hier muss ich ergänzen, dass die Corona-Maßnahmen, die in der Slowakei rechtlich nur als Empfehlungen formuliert waren, von den Schulen in Allgemeinen sehr streng befolgt wurden. Wenn mein Landesassoziationskollege während der Zoomkonferenz der Waldorfschuleltern die Situation geschildert hat, wollten ihm die Eltern aus anderen Ländern gar nicht glauben, dass die Schulen und vor allem die Kinder bei uns so stark betroffen waren. Vor allem gibt es in der Slowakei tausende Romakinder, die unter schrecklichen Lebensumständen leiden. Für sie hieß Distanzunterricht einfach gar kein Unterricht. Aber nicht nur für sie. Die praktischen Lösungen sahen in den Waldorfschulen Košice und Bratislava sehr unterschiedlich aus. Die meisten Lehrer in Košice kamen aufgrund ihrer Beobachtung sehr früh zu dem Schluss, dass sowohl die Maskenpflicht als auch der Distanzunterricht unpädagogisch wirken. Über das Verbot des Singens und des Turnunterrichts und die Notwendigkeit regelmäßiger Coronatests will ich gar nicht reden. Es gab wesentliche Unterschiede zwischen den Meinungen und Ängsten der Lehrer und der Eltern bezüglich der Krankheit und der Maßnahmen. Die meisten waren trotzdem tolerant genug, so dass der Präsenzunterricht mit einigen Änderungen auch unter Maßnahmen fast ununterbrochen möglich war. Anders die Situation in Bratislava, wo man von vielen großen Ängsten sprechen kann: Angst vor der Krankheit, vor den Maßnahmen, Misstrauen der Schuleltern usw. Man praktizierte bereitwillig Distanzunterricht, erfüllte die Testforderungen und die Maskenpflicht. Gleichzeitig gab es starke Gegenstimmen unter Lehrern, aber auch Eltern. Das alles könnte man als vergangene Episode hinter sich lassen, wenn die Meinungsverschiedenheiten nicht zum Weggang mehrerer Lehrer und Eltern geführt hätten.

Perspektiven der Waldorfschulbewegung in der Slowakei

Die Perspektiven ergeben sich aus der Antwort auf die Frage: Wie können wir einen Schutzraum für die gesunde Entwicklung der Seele schaffen? Die Pandemie hat zwei Trends verstärkt. Einerseits suchen die Eltern für ihre Kinder eine gesunde Umgebung, die für manche eine Waldschule oder ein Waldkindergarten bietet. Andererseits stehen unsere Schulen vor der Herausforderung, dass ihre Schüler medienkompetenter werden. Wie können wir den Kindern einen bewussten und gesunden Umgang mit dem digitalen »Zeug« beibringen? Wie können wir verhindern, dass wir dabei die Beziehung zu den Pubertierenden verlieren? Vielleicht ist es nicht übertrieben zu sagen, dass die Waldorfpädagogik in der Slowakei nur dann eine Perspektive hat, wenn die Lehrer auf die von der Pandemie gestellten Fragen richtig antworten lernen. Nur so können die Schulen und Neugründungen erzieherisch fruchtbar sein. Das betrifft auch die geplante Klassenlehrerausbildung, die, wenn alles gut geht, in zwei Jahren mit einem neuen Durchgang beginnen wird.

Zum Autor: Slavomír Lichvár besuchte nach seinem Lehramtsstudium das Seminar für Waldorfpädagogik in Prag und arbeitete als Sprach-, Gartenbau- und Klassenlehrer an der Waldorfschule in Bratislava. Er ist Landesvertreter der slowakischen Waldorfassoziation sowie Mitglied der ECSWE und IAO. Heute unterrichtet er an der Waldorfschule in Košice.

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