Das Künstler-Ehepaar Elisabeth und Paul Baumann

Von Tomás Zdražil, Mai 2019

Neben den acht Klassenlehrern lud Rudolf Steiner bei der Schulgründung auch vier Fachlehrer zur Mitarbeit ein.

Elisabeth Baumann, 1895-1947

Paul Baumann, 1887-1964

Zu ihnen gehörten auch das Ehepaar Paul und Elisabeth Baumann. Sie sollten sich des gesamten künstlerischen Unterrichts annehmen. Paul Baumann lernte auf einem Karlsruher Gymnasium E. A. Karl Stockmeyer und mit ihm die Anthroposophie kennen. Er studierte Musik in München, wurde dann zum Krieg eingezogen und verwundet, kam in französische Gefangenschaft, wurde dann in die Schweiz abgeschoben und schloss sich in Zürich der Dreigliederungsbewegung an. 

Dort begegnete er der Eurythmistin Elisabeth Dollfus, die er am letzten Tag des Vorbereitungskurses, unmittelbar vor der feierlichen Schuleröffnung in Stuttgart heiratete. Elisabeth war in einer anthroposophischen Familie aufgewachsen und hatte mehrere Jahre in entsprechenden Kreisen in München verbracht. Seit 1913 lernte und studierte sie Eurythmie bei Lory Smits und gab bald danach selbst Kurse. Sie war mit 24 Jahren das jüngste Mitglied des Lehrerkollegiums. 

Das Ehepaar war wie eine sinnbildliche Vermählung der Künste, der Musik und der Eurythmie. Beide widmeten sich energisch dem Aufbau des neuen musikalischen und eurythmischen Unterrichts und durchwirkten die Schule mit Kunst. Bereits bei der Schuleröffnung trugen sowohl Paul mit Klavier-Beiträgen von J.S. Bach als auch Elisabeth mit Eurythmie bei. Sie waren der Mittelpunkt jeder Monats- und Weihnachtsfeier. Der überwiegende Teil der künstlerischen Beiträge stammte originär aus der Feder von Paul Baumann; er schrieb über die pädagogischen Absichten der Schule und hielt Vorträge über die neue musikalisch-eurythmische Erziehung. Vor allem aber komponierte er für die neue Pädagogik viele Lieder, knüpfte dabei an keine Tradition an, sondern schöpfte aus den Anregungen der Anthroposophie und Erziehungskunst. 

Die Lieder, schrieb Baumann zu einer Sammlung seiner Kompositionen,  »sollen mit einstimmen in den Appell, den wir an alle Menschen richten zur Rettung des freien Schul- und Erziehungswesens vor der Vergewaltigung durch das Partei- und Paragraphenwesen des Staates … Nur aus einer freien Schule konnten diese Lieder herauswachsen, nur im Zusammenhang mit einem Lehrplan, der die Erreichung gewisser praktischer Ziele im äußeren Leben anpasst den wirklichen Erfordernissen der Pädagogik, wie sie erkannt werden durch Rudolf Steiners Anthroposophie und die daraus sich ergebende Psychologie. 

Diese Lieder konnten sich gestalten nur aus der Zusammenarbeit mit einem Kollegium, das immer wieder das Spießertum von der eigenen Seele abschüttelt und noch nicht geknechtet ist durch abstrakte Prinzipien oder Vorschriften in der Pädagogik. Atmen diese Lieder noch etwas von dem Geist der Waldorfschule und spürt man diesen Hauch, dann erfüllen sie den Zweck ihrer Herausgabe.« 

Seine Lieder haben einen gehobenen feinen Stil, er vertonte Gedichte von Dichtern wie Morgenstern (»Ich bin die Mutter Sonne«), Goethe u.a. Auf Anregung von Rudolf Steiner experimentiert er mit dem Verhältnis von Wort und Ton. 

Die einzelnen Textzeilen werden vornehmlich syllabisch gehalten, in den Reimsilben schwingt sich das Melos melismatisch aus. Auf diese Weise entstand der unverkennbare Typus der Paul-Baumann-Lieder, der von nachfolgenden Generationen aufgegriffen und weiterentwickelt wurde. Er machte auch Versuche auf dem Gebiet der sakralen Musik, indem er für die Kinderhandlungen des neuen freien Religionsunterrichtes an der Waldorfschule komponierte.

Seine Frau Elisabeth war nicht nur die erste Eurythmistin überhaupt, die neben der künstlerischen auch die pädagogisch-didaktische Eurythmie praktizierte. Aufgrund ihrer Wahrnehmungen von gesundheitlichen Schwächen und Beeinträchtigungen vieler Schüler stellte sie an Rudolf Steiner die Frage nach einer hygienisch und therapeutisch wirkenden Eurythmie, was 1921 zum Heileurythmiekurs in Dornach und zur Entstehung der Heileurythmie führte. 

Bis kurz vor der Schulschließung sind Paul und Elisabeth Baumann der Waldorf­schule verbunden gewesen. Die Familie zog zunächst nach Dornach, planten auf Anraten von Ita Wegman den Aufbau einer pädagogisch-therapeutischen Arbeit in Paris, was jedoch durch den Beginn des 2. Weltkrieges verhindert wurde. 

In Dornach widmete sich Elisabeth Baumann ausschließlich der Heileurythmie, 1947 erlag sie einem Krebsleiden. Paul Baumann siedelte 1957 in ein von seiner Tochter gegründetes heilpädagogisches Heim am Genfer See, wo er 1964 starb.

Zum Autor: Prof. Dr. Tomás Zdrazil ist Dozent an der Freien Hochschule in Stuttgart.

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