Der Schöpfungsmythos der Guarani

Von Alexander Fritzen, November 2013

Wie die Eurythmie von der Waldorfschule Neuwied an die Staatsschule des Landesmusikgymnasiums Rheinland-Pfalz kam und von dort nach Brasilien in die Favela Monte Azul und schließlich in den Dschungel zum Indiokulturzentrum »Arapoty«.

»Das scheinbar Unmögliche möglich machen, das nährt den Schulgeist« (Coenrad van Houten). Dieses Motto setzten Silvia Vögele, Eurythmielehrerin an der Waldorfschule Neuwied, und Winfried Vögele, Instrumentallehrer und Orchesterleiter am Landesmusikgymnasium Rheinland-Pfalz in die Realität um. War es 2008 noch die Friedensbotschaft der Urbevölkerung Neuseelands, der Waitaha, die das Ehepaar und 180 Schüler in Dornach auf der Weltlehrertagung präsentierten, so 2013 der Schöpfungsmythos der brasilianischen Guarani-Indianer.

Die 12. Klasse der Waldorfschule Neuwied arbeitete zusammen mit 39 freiwilligen Kindern der Klassen 2–7 eurythmisch an der Guarani-Geschichte. Winfried Vögele komponierte dazu eigens die Bühnenmusik für Sinfonieorchester und Mädchenchor. 180 Schüler begeisterten dann am 1. und 2. Juni mit dem eurythmisch-sinfonischen Projekt über 1.300 Zuschauer in der Stadthalle Ransbach-Baumbach, für das Doris Ahnen, Bildungsministerin von Rheinland-Pfalz, die Schirmherrschaft übernommen hatte.

Kinder aus der Favela wirken mit

Nach den beiden Aufführungen in Deutschland probte die 12. Klasse das gleiche Stück auf Portugiesisch mit neuen Gebärden; bereits am 14. Juni sollte die Reise nach Brasilien mit 48 Schülern und acht Lehrern beider Schulen starten. Das waren natürlich zu wenige Darsteller für dieses komplexe Bühnenprojekt. Doch da kam Ute Craemer ins Spiel. Sie leitet seit vielen Jahrzehnten auf einzigartige Weise die Favela Monte Azul in São Paulo und hat vor einigen Jahren diese mündlich überlieferte Geschichte aufgeschrieben und ins Deutsche übersetzt. Sie war es, die die Kinder der Favela animierte, die restlichen Rollen für die Eurythmie einzustudieren. Dafür brachte man sogar in zwanzig Extrakoffern alle Kostüme mit. Auch das reduzierte deutsche Orchester wurde durch das Streichorchester der Favela ergänzt, das von Renate Ignacio-Keller schon seit Jahren geleitet wird.

Doch damit nicht genug: Die Eurythmistin Marissa Bernardi von der Waldorfschule São Paulo ließ sich vom Feuer anstecken und begeisterte sechzig Schüler der 11. Klasse zur Mitwirkung. Zusammen mit dem Überlieferer der Geschichte, dem Guarani-Indio Kaká Werá Jecupé, wurde das Festival »Multicultural« kreiert.

Kaká Werá Jecupé und die Musikstudenten seines Indiokulturinstituts Arapoty stimmten das Publikum mit einem indianischen Vorspann auf die Aufführung der Schöpfungsgeschichte ein. Die Trommelkünste der Indianer konnten dann im Anschluss durch das Mitwirken im Sinfonieorchester hautnah und elektrisierend erlebt werden.

Insgesamt fanden sieben Aufführungen in vierzehn Tagen statt, davon fünf mit den Eurythmisten und zwei konzertante Aufführungen nur mit Sprecher.

»Es ist alles durchgeplant, doch stellt euch darauf ein, dass alles anders kommen kann«. Dieser Satz begleitete die Gruppe täglich, denn durch Demonstrationen in São Paulo wurde vieles unvorhersehbar: Konnten die brasilianischen Waldorfschüler zur Aufführung ins Staatstheater gebracht werden oder nicht? Waren die Straßen abgesperrt, passierbar oder nicht? Sollte die Aufführung besser ganz abgesagt werden? Galt doch die neben dem Staatstheater gelegene Favela noch vor zehn Jahren als die gewalttätigste auf der ganzen Welt. Mit unglaublicher Geduld und Flexibilität bestanden die Schüler diese Prüfungen, selbst die Unterkünfte in der Favela mit fünfzehn Menschen in einem kleinen Zimmer, mit nur einer Dusche und einer Toilette für alle, wurden heldenhaft ertragen.

Eurythmie-Symphonie im Dschungel

Danach ging es in den Dschungel zum Indiokulturzentrum Arapoty, dem Schulungszentrum für indianische Weisheit und Versammlungsort für das jährliche Treffen der Häuptlinge der verschiedenen Guarani-Stämme Brasiliens.

Alle standen dort oben auf dem Berg um das wärmende Feuer, darüber ein gewaltiger Vollmond; Kaká Werá meinte, der Trabant habe seit Jahrhunderten nicht mehr so nahe bei der Erde gestanden, wie in dieser Nacht.

Die Indios begrüßten alle zu diesem historischen Moment mit den Worten: »Groß denken muss man, dann werden Träume wahr«. Das gemeinsam gestaltete eurythmische Halleluja war das Geschenk an diesen Ort, an seine Menschen und seine Ahnen.

Bevor es nun für vier Tage nach Rio de Janeiro ging, gaben die Schüler noch zwei Aufführungen an der Waldorfschule São Paulo, die keinerlei staatliche Zuschüsse erhält und daher vor allem Kinder aus der oberen Gesellschaftsschicht aufnehmen muss. Die Schüler erlebten hautnah die Polarität von arm und reich: das einfache, aber lebendige Leben in der Favela und das feudale Leben der Waldorfschüler in Häusern mit Videoüberwachung und Sicherheitszone.

Ein Land voller Verbrechen und Korruption, so hatte man gewarnt, doch die Aufführenden waren von vielen positiven Kräften getragen und es ging alles gut.

18 Stellen für ein freiwilliges soziales Jahr (FSJ) stehen in Monte Azul zur Verfügung und drei der Schüler haben sich gleich beworben. Sie gehen noch einmal zurück und es möge weitere Menschen anstecken, die Arbeit der charismatischen Ute Craemer zu erleben und zu unterstützen.

Für 2014 plant Kaká Werá, die in Aussicht gestellte Finanzierung vorausgesetzt, mit Studenten seines Kulturzentrums einen Gegenbesuch in Deutschland. So könnte die Begegnung der Kulturen, die in diesem Sommer in Brasilien auf so beeindruckende Weise begonnen hat, weiter in die Zukunft wirken.

Der Schöpfungsmythos der Guarani

Der »Ur-Vater« der Guarani-Indios, der sich durch sich selbst erschuf in der Leere der Schöpfungsnacht, ist Namandu. Aus der All-Einheit geht die Zweiheit (das mütterliche Gottesprinzip) hervor und aus beiden Tupa, die Dreiheit.

Die Erschaffung der Welt

Tupa, »die Dreiheit«, schuf die Erde durch des Wortes Macht. Er »kümmert sich um die großen Dinge des Weltgeschehens« und braucht deshalb einen Helfer und erwählte den Menschen, um die Schöpfungsarbeit auf der Erde fortzusetzen. Er nannte ihn Tupamirim, den kleinen Schöpfer. Und Tupa begabt Tupamirim mit der göttlichen Schöpferkraft der Sprache: Was du denkst und sprichst, das schaffst du.

Der irdische Mensch

Tupamirim, »unser erster Vorfahre«, ist noch nicht irdisch geworden. Er muss erst lernen, auf der Erde zu leben. Tupamirim geht bei Stein, Pflanze und Tier, den klassischen »Naturreichen«, in die Lehre.

Der vierte Schritt, die Verkörperung in seinem eigenen Leib, wird erst möglich durch die Hilfe von Mutter Erde, die aus Lehm und Wasser den menschlichen Körper formt, in den er »hineinsteigen« kann, um »viel über die Erde zu lernen«.

Tupamirim erblickt im Wasser zum ersten Mal sein Spiegelbild und ruft freudig aus: Mavuzimim! (Wie wunderschön!) Und da er das, was er spricht, auch schafft, ist damit der erste weibliche Mensch als sein Ebenbild aus dem Wasser geboren.

Geschichte und Prophetie

Nachdem Tupamirim und Mavuzimim ihre Aufgaben als kleine Schöpfer erfüllt haben, verlassen sie die Erde und werden zu Sonne und Mond. Mit ihren Kindern beginnt die Geschichte der Menschen.

Es kommt zum Streit zwischen den beiden ältesten Brüdern und zum »ersten Mord auf Erden«, zu Unterwerfung und Unterdrückung der »Zurückgebliebenen«, denn eine Hälfte des Stammes war »über den großen Fluss« fortgezogen und erkannte bei seiner Rückkehr »weder Stamm noch Bruder«.

Die Prophezeiung sagt, dass aus der ursprünglich ausgewanderten Gruppe die »drei großen Volksstämme« (weiß, gelb und schwarz) entstanden sind und wie sie nun zurückkehren und dem vierten Volksstamm, dem roten Volk begegnen. Es folgt »eine große Verwirrung«, doch »nach dem Umlauf des Zeitenrades« kann durch diese Begegnung ein neues Volk geboren werden: die Kinder des goldenen Volkes.

Info:

Zum Guarani-Projekt 2013 wird es eine DVD geben, die über die Waldorfschule Neuwied ab Dezember erworben werden kann.

Folgen